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Alkohol-Abstimmung

«Ich wünsche mir zehn Ja»

Mit vier Migros-Delegierten hat Renata Georg die Alkohol-Abstimmung ins Rollen gebracht. Hier erklärt sie, was sie dazu bewogen hat – und warum sie einen «Flickenteppich» aus Regionen mit und ohne Alkoholangebot gar nicht so schlimm finden würde.

Text Kian Ramezani
Fotos Nik Hunger
Renata Georg im Gespräch mit dem Migros-Magazin.

Renata Georg im Gespräch mit dem Migros-Magazin.

Trinken Sie selber Alkohol? 

Renata Georg: Ja, gelegentlich. In der Regel zu Hause und mit Gästen. Und sonst im Restaurant oder in den Ferien. 

Wo kaufen Sie ihn? 

Am häufigsten im Coop und im Denner. Seltener bei einem Weinhändler. 

Sie gelten als Initiantin dieser Abstimmung über das Alkoholverbot in der Migros. Wie kam es dazu? 

Zunächst: Die Alkoholfrage steht schon sehr lange im Raum. Nur hat man sich bislang nicht getraut, sie anzugehen. Wohl auch aus Respekt, denn man muss damit durch 32 verschiedene Gremien und dort jeweils mit einer Zweidrittelmehrheit bestehen. Das sind hohe Hürden. 

Wie gelangten Sie zum Entschluss, es trotzdem zu versuchen? 

Nachdem leshop.ch in Migros Online umbenannt wurde, stimmte die Migros-Delegiertenversammlung im März 2020 für die Beibehaltung des Alkohol-Angebots. Ich fand, damit strapazieren wir die Statuten, weil online und offline doch immer mehr verschmelzen. Die Befürworter argumentierten, dies entspreche einem Kundenbedürfnis. Und ich fand: Gut, dann fragen wir die Kunden und starten diesen demokratischen Prozess.  

Für den Antrag brauchten Sie aber noch vier gleichgesinnte Mit-Initianten. War es schwierig, sie zu finden?

Mir war klar, dass ich nur Delegierte fragen kann, bei denen ich sicher war, dass sie mein Anliegen unterstützen. 

Warum? 

Bis der Antrag spruchreif war, musste er geheim bleiben. Dafür ist der Gegenstand zu heikel. Ich fand meine vier Mitstreiterinnen und Mitstreiter auf Anhieb. Wir legen Wert darauf, dass der Anstoss für diese wichtige Frage von uns Genossenschaftern kommt. Und nicht vom Migros-Management, wie das teilweise – und falsch – in den Medien zu lesen war. 

Wie fielen die Reaktionen auf Ihren Antrag aus? 

Sehr unterschiedlich. Nicht wenige dankten uns, den Elefant im Raum zu benennen und anzugehen. Andere fanden den Moment ungünstig gewählt, schliesslich standen wir mitten in der Pandemie und die Migros hatte andere Sorgen. Wobei, wann wäre jemals der richtige Zeitpunkt für eine solche Frage? Und einige waren wohl etwas erschrocken, dass fünf Delegierte so etwas lostreten können. Natürlich wurden wir darauf hingewiesen, wie kompliziert es werde … 

… was ja auch stimmt. Sie haben es erwähnt, man muss durch 32 verschiedene Gremien. 

Das ist richtig. Und vielleicht zeigt sich gerade an diesem Fall, dass der Prozess zu kompliziert ist. Vielleicht müsste man ihn verschlanken. 

Sie selbst befürworten den Alkoholverkauf in den Migros-Filialen. Warum? 

Die Kunden entscheiden heute selbstbestimmt, was sie wo kaufen. Und in unserer hektischen Zeit möchten viele ihren ganzen Einkauf an einem Ort erledigen, in einem sogenannten One-Stop-Shop. Ich bin für Freiheit und freie Entscheidungen. Und ich sehe auch die Wirtschaftlichkeit: Wir verzichten auf viele Kunden, die zum Beispiel ihren Wochenend-Einkauf in der Migros tätigen könnten, dies aber nicht tun, weil sie für ihr Bier oder ihren Wein nicht noch in einen zweiten Laden gehen möchten. Wir verzichten hier eben nicht primär auf Alkohol-Umsatz, sondern auch auf den ganzen Rest des Einkaufs. Dabei hätten wir so viel zu bieten mit unseren Eigenmarken, die wir in der Schweiz entwickeln und herstellen. 

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Renata Georg (60) ist Betriebsökonomin und arbeitet in einem Treuhandbüro. Sie ist Genossenschaftsrätin der Genossenschaft Migros Zürich und seit 2016 Mitglied der Delegiertenversammlung des Migros-Genossenschafts-Bunds. Sie wohnt in Fällanden ZH, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Verstehen Sie auch die Argumente der Gegner? 

In drei Jahren wird die Migros 100 Jahre alt und das ohne Alkohol. Das macht sie speziell und ich kann nachvollziehen, dass man das beibehalten möchte. Auch für das Anliegen des Blauen Kreuzes habe ich Verständnis, nämlich dass Alkoholabhängige die Migros als Einkaufsmöglichkeit schätzen. Am stärksten wiegt der Mythos, Gottlieb Duttweiler sei gegen den Alkohol gewesen und das Verbot darum ein Kernwert der Migros. 

Sie glauben das nicht? 

Duttweiler war ein cleverer Geschäftsmann, der spürte, dass er mit diesem Schritt die Hausfrauen auf seiner Seite hatte, weil damals viele Männer den Lohn in der Beiz versoffen. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Hinzu kommt, dass die Migros-Gruppe mit Denner die Nummer 2 im Schweizer Alkoholmarkt besitzt. Diese Abstimmung gibt uns die Möglichkeit, unsere Statuten der Realität anzupassen, wie sie die Migros ohnehin längst lebt. Das wäre ehrlicher und letztlich auch glaubwürdiger. 

Gilt es nicht zu anerkennen, dass viele Leute das Alkoholverbot in den Filialen als wichtigen Wert schätzen, trotz veränderter Ausgangslage?  

Ich merke tatsächlich in persönlichen Gesprächen, dass der erste Impuls Ablehnung ist. Doch sobald man etwas nachfragt, ändert sich das Bild: Geht man wirklich in die Migros einkaufen, weil es dort keinen Alkohol gibt? Oder sind es die tollen Eigenmarken, das Preis-Leistungs-Verhältnis, das Kulturprozent? Ich halte das für die entscheidenderen Migros-Werte.

Was ist ihr Wunschresultat? 

10-mal Ja. Aber eine Zweidrittel-Mehrheit ist eine hohe Hürde – die übrigens nicht Duttweiler eingeführt hat. Das Alkoholverbot steht erst seit 1983 in den Statuten, da war der Migros-Gründer schon fast 20 Jahre tot. Den «Flickenteppich», der bisweilen befürchtet wird, sehe ich nicht als grosses Problem. Dass etwa regionale Produkte von Genossenschaft zu Genossenschaft unterschiedlich sind und sich das Sortiment auch zwischen grossen und kleinen Filialen unterscheidet, das wissen und verstehen die Kunden schon heute. Und wenn am Schluss nur Genf Ja sagt, wo bekanntlich eine einfache Mehrheit ausreicht, dann machen wir dort ein Pionierprojekt, wie das bei der Migros häufig passiert. 

Was würde Duttweiler zu Ihrem Engagement sagen? 

Er war mehr Geschäftsmann als heute angenommen wird. Und was ich an ihm am meisten bewundere: Er war mutig, probierte etwas und scheiterte manchmal auch. Ich bin überzeugt, er hätte Freude an dieser Urabstimmung. Ich würde sogar noch weiter gehen: Duttweiler war selber einem Glas Wein nicht abgeneigt, sagte aber quasi, der «Kleine Mann» könne nicht damit umgehen und darum gebe es keinen Alkohol in der Migros. Diese Art der paternalistischen Bevormundung kommt heute nicht mehr gut an. Und das würde Duttweiler nicht verborgen bleiben.

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