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Fernwanderung Via Alpina

Zu Fuss über die Alpen

Christina Ragettli wanderte mit ihrem Zelt von Triest bis nach Monaco. Was sie auf den 2600 Kilometern erlebt hat und ihr für den Rest des Lebens in Erinnerung bleiben wird. 

Text Manuela Enggist
Fotos Florian Johänntgen
Das Zelt war vier Monate lang das temporäre Zuhause von Christina Ragettli, der Schlafsack ihr Bett. In der Schweiz zeltete sie dort, wo er erlaubt ist: oberhalb der Baumgrenze.

Das Zelt war vier Monate lang das temporäre Zuhause von Christina Ragettli, der Schlafsack ihr Bett. In der Schweiz zeltete sie dort, wo es erlaubt ist: oberhalb der Baumgrenze.

Ein perfekter Moment im Sommer 2020 schaute bei Christina Ragettli so aus: Es ist Abend, ­auf dem Gaskocher köchelt eine Nudelsuppe. Christina sitzt vor ihrem Zelt, hat ihren E-Reader in der Hand und schaut einer Steinbockfamilie beim Überqueren eines Schneefelds zu. Die Sonne geht unter und verwandelt den Himmel in ein Meer rosa­roter Wolken. Postkartenidylle. Solche Momente gab es einige. Ab und zu wurden sie abgelöst von schmerzenden Gelenken, mühsamen Stürzen und heftigen Gewittern. «Wer glaubt, dass eine Fernwanderung ein ausschliesslich idyllisches Erlebnis ist, täuscht sich», sagt Ragettli. Und doch: Die 29-Jährige würde es wieder und wieder tun.

Allein über Stock und Stein

März 2022. Der Caumasee südlich von Flims GR ­befreit sich langsam von seiner Eisschicht. Das Wasser glitzert. Einige ­Touristinnen machen ein Foto. Christina Ragettli, die in Flims lebt und im Marketing arbeitet, sitzt auf einer Bank und schaut aufs Wasser. Sie trägt Jeans, ­lackierte Fingernägel und glitzernden Lidschatten. Etwas mehr als eineinhalb Jahre ist es her, als sie Ende Mai 2020 aufbrach, um den Roten Weg der Via Alpina abzuwandern. Die Route führt in 161 Tagesetappen von Triest in Italien über die ­Alpen bis nach Monaco. ­Geh­distanz: mehr als 2600 Kilometer. Die Bündnerin überquerte dabei über 100 Bergpässe und brauchte dafür vier Monate.

Das Draussen-Sein sei schon immer ihre Welt gewesen. Ob beim Skifahren, beim Klettern oder eben beim Wandern. Je ­älter sie wurde, desto wichtiger sei für sie das Wandern in den Bergen geworden. «Ich spürte, wie es mich erdet und glücklich macht.» Sie tat es auch immer ­öfter allein. 2017 bricht Ragettli zu ihrem ersten Soloabenteuer auf und wandert allein mit dem Zelt den Bernina-Trek, der sieben Tagesetappen umfasst. «Mit einem 20 Kilo schweren Rucksack – was für ein Anfängerfehler!»

Via Alpina statt Pacific Crest Trail

Die Sehnsucht nach einer noch grösseren Herausforderung wächst. 2019 kündigt sie ihren Job und sucht eine Saisonstelle als Skilehrerin. «Da hatte ich um 16 Uhr Feierabend. Ich wollte genug Zeit haben, um zu recherchieren.» Eigentlich war ja der Pacific Crest Trail, der legendäre Fernwanderweg im Westen der Vereinigten Staaten, ihr grosser Traum. Doch irgendwie sei ihre Planung nicht so recht ins Rollen gekommen. «Irgendetwas hat mich zurückgehalten.» Über ­einen Bekannten erfährt sie von der Roten Route der Via Alpina. «Ich kannte den Trail nicht.» Aber es habe sofort klick gemacht. «Ich war begeistert. Mir sagt das alpine Gebirge zu. Ich fand es zudem gut, die nähere Umgebung besser kennenzulernen, anstatt nach Nordamerika zu fliegen.»

Drei Tipps für eine gelungene Fernwanderung

  1. Organisieren:
    Vor der Tour das Material ausprobieren. Die Schuhe müssen eingelaufen, das Zelt schon mal aufgestellt worden sein. Wichtig: Gewicht sparen. Statt eines Buchs ­einen E-Book-­Reader mitnehmen. Statt ­extra eine Tasse mitschleppen, den Tee aus der normalen Trinkflasche trinken. Wer mit Zelt wandert, sollte nicht über 15 Kilogramm tragen (inkl. Essen für eine Woche und Wasser für einen Tag).
  2. Navigieren:
    Die Via Alpina ist nicht in jedem Land gleich gut ausgeschildert. Es ist wichtig, in irgendeiner Form Kartenmaterial dabeizuhaben. Wenn man die Karte auf das Handy lädt, muss man eine Powerbank mitnehmen, damit ­einem nicht im wichtigsten Moment der Akku ausgeht. Wer auf der ganz sicheren Seite sein will, nimmt die Karte auch in Papierform mit oder zusätzlich ein GPS-Gerät.
  3. Geniessen:
    Es ist wichtig, genug Zeit für die Tour einzupla-­ nen, damit man auch ­Pausen und Ruhetage einlegen kann. Wenn man müde ist, macht das Wandern keinen Spass.

Vor ihrer Abreise bereitet sich Ragettli, die sich als ehr­geizig beschreibt, akribisch vor. Sie führt eine strenge Packliste, streicht Unnötiges wieder und legt sogar die Ohrenstöpsel auf die Waage. Mit Proviant und Wasser wiegt ihr Rucksack in den schweren Phasen um die 13 Kilo. Sie kauft sich zur Vor­bereitung auch eine Landkarte, zeichnet Etappe um Etappe ein. Sie habe die Route «spüren» wollen. Erfahren, was für Täler sie kennenlernen würde. Da die Karte mit gut einem Kilo zu schwer ist, nimmt sie sie nicht mit, sondern hängt sie bei ihrem Mami im Wohnzimmer auf. «Als ich unterwegs war, habe ich ihr immer geschrieben, wo ich gerade bin, und sie hat meine Route jeweils bis zu diesem Ort nachgezeichnet.» Navigiert hat sie stattdessen mit Karten, die sie auf ihr Handy geladen hatte.

Zum Glück sei es nie vorgekommen, dass sie physisch nicht mehr konnte. «Aber es gab Momente, in denen ich ans Aufgeben dachte.» In der dritten Woche stürzt Ragettli auf einem Schneefeld und holt sich einige Schürfungen. «Da habe ich geheult und meine Idee verflucht.» Sie habe sich im nächsten Ort ein Hotelzimmer genommen und sich ­unter der Bettdecke verkrochen.

Liebeskummer und Starkregen

Später, kurz vor Slowenien, durchlebt sie die «schwerste Krise der Tour». Ihr Freund hatte sie besucht und war eine Woche mit ihr mitgewandert. «Als er ab­reiste, hatte ich Liebeskummer und war total unmotiviert.» Ihre Mutter hat ihr dann ein Foto von der Landkarte geschickt. «Sie wollte mir zeigen, wie weit ich es schon geschafft hatte.» ­Gegen Ende der Tour, in Frankreich, regnet es an einem Tag so heftig, dass sie ihr Zelt verlassen muss, um Schutz in einem leeren Bunker zu suchen. Ein paar Stunden später ist ihr temporäres ­Zuhause beinahe weggeschwemmt und voller Schlamm.

Karte Via Alpina

Karte Via Alpina

Christina Ragettlis Via Alpina

Wegen der Corona-Pandemie waren die Grenzen geschlossen und Christina Ragettli musste in der Schweiz in Vernayaz starten. Von dort lief sie in Richtung Triest. Dort angekommen reiste sie mit dem ÖV zurück und lief von Vernayaz in die andere Richtung nach Monaco. Weil sie wegen den geschlossenen Grenzen erst später loslaufen konnte als geplant, musste sie den Teil der roten Via Alpina in Deutschland auslassen.

An diesen schwierigen Momenten sei sie gewachsen. Es brauche die schlechten Zeiten, um die ­guten Erlebnisse noch mehr zu schätzen. «Auch wenn es nicht um Leistung ging, ist es trotzdem schön, es geschafft zu haben. Und ich bin echt stolz, dass ich einfach losgelaufen bin.» Ragettlis Vater ist im Alter von 35 Jahren bei einem Arbeits­unfall ums Leben gekommen. «Das hat mich und meine Brüder früh gelehrt, das Leben voll ­auszukosten. Wir wussten, dass es schnell vorbei sein kann.»

Ragettli möchte andere Frauen motivieren

Neben den Landschaften, den Abenden in ihrem Zelt und den Bergseen seien es vor allem die Begegnungen mit anderen Menschen, die ihr in Erinnerung bleiben. So auch Hermann, ein «älterer Herr» aus Deutschland. «Wir sind grundverschieden. Er ist verschlossen. Ich sage allen, denen ich begegne, stets Guten Tag.» Die beiden laufen sich auf dem Trail immer mal wieder über den Weg. «So kamen wir ins Gespräch und freundeten uns an. Er hat mich sogar schon in Flims besucht.»

«Von Wegen», ein Buch über die rote Via Alpina von Christina Ragettli. Ab dem 5. April im Handel erhältlich. 33.90 Franken bei www.exlibris.ch
«Von Wegen», ein Buch über die rote Via Alpina von Christina Ragettli. Ab dem 5. April im Handel erhältlich. 33.90 Franken bei www.exlibris.ch

In ihrem Buch «Von Wegen», das diese Woche erscheint, hat Christina Ragettli ihre Erlebnisse der Wanderung niedergeschrieben. Sie will damit vor allem ­andere Frauen motivieren, sich auch einmal allein auf eine solche Reise zu begeben. «Ich bin keine Extremsportlerin, sondern eine normale Frau, die einen gewissen Komfort schätzt und mit lackierten Fingernägeln wandert.» Man müsse kein zerzauster Kauz sein, um diese Tour zu meistern.

Buchtipp: «Von Wegen», Christina Ragettli, erscheint am 5. April im Arisverlag, erhältlich bei exlibris.ch für Fr. 23.75

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