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Eichhörnchen-Ersatzmutter

Ein Schoppen für klein Venja

Seit fast einem Vierteljahrhundert kümmert sich Eva Karrer in Bülach ZH um verwaiste Eichhörnchen. Sie wieder in die Freiheit zu entlassen, erfüllt sie jedes Mal mit Freude, fällt ihr aber auch schwer.

Text Simon Koechlin
Fotos Michele Limina
Eva Karrer füttert das fünf Wochen alte Eichhörnchen Venja, dessen Nest bei einer Baumfällaktion zerstört wurde. 

Eva Karrer füttert das fünf Wochen alte Eichhörnchen Venja, dessen Nest bei einer Baumfällaktion zerstört wurde. 

Venja fackelt nicht lange. Resolut packt sie mit ihren feinen Vorderpfötchen die Spritze, die ihr Eva Karrer ans Maul hält. Konzentriert saugt das kleine Eichhörnchen die Milch in sein Bäuchlein hinein. Es bemerkt gar nicht, dass Karrers Huskyhündin Fendi ihre Schnauze vor Neugier fast auf seine Hinterpfötchen legt.

Fünf Wochen alt ist Venja. Vor zweieinhalb Wochen wurde in einem Stadtzürcher Gartenareal der Baum gefällt, in dem sich ihr Kobel befand – das kugelförmige Eichhörnchennest. Venja und ihre Geschwister Hina, Wiara und Mailo krachten mit zu Boden. Sie überlebten den Sturz, doch ihre Mutter blieb verschwunden. Der Tierrettungsdienst Pfötli brachte sie deshalb zu Eva Karrer.

Für Venja und ihre Geschwister war das Glück im Unglück. Denn Eva Karrer ist eine erfahrene Eichhörnchen-Ersatzmutter. In ihrem idyllisch gelegenen Holzhaus am Rande von Bülach ZH betreibt sie eine von nur zwei Stationen in der Schweiz, die sich um die possierlichen Tierchen kümmern. Seit 24 Jahren päppelt die 57-Jährige verwaiste Eichhörnchen auf. Begonnen habe es mit Babusch, einem Eichhörnchen, das sie selbst gefunden habe, erzählt Karrer. «Im nächsten Jahr waren es drei, heute sind es bis zu 150 pro Jahr.»

Klettern lernen sie von allein

Fast alle ihrer Pfleglinge sind Jungtiere. Sehr oft würden Eichhörnchenfamilien durch Krähen und Elstern auseinandergerissen, sagt Karrer. Wie bei Shirin, den sie nun aus den warmen Stofftüchern in einer Plastikkiste nimmt, um ihm den Schoppen zu geben. Shirin fiel bei einem Krähenangriff aus dem Vogelnistkasten, in dem seine Mutter einen Kobel eingerichtet hatte.

Trifft ein neuer Patient bei Karrer ein, wärmt sie ihn auf, kontrolliert ihn auf Verletzungen und Parasiten und entfernt mit einer Zahnbürste allfällige Flöhe, Zecken und Fliegeneier aus dem Pelzchen. Dann beginnt die aufwändige Phase. Eichhörnchenbabys erhalten eine Elektrolytlösung, um den Kreislauf zu stabilisieren. Danach flösst Karrer ihnen angerührte Pulvermilch für Hundewelpen ein – anfangs alle zwei bis drei Stunden. «Glücklicherweise unterstützen mich Helferinnen, sonst bekäme ich kaum Schlaf», sagt sie. Im Alter von ungefähr sieben Wochen machen die Tiere einen Entwicklungssprung. Plötzlich werden sie aktiv – und lernen innert weniger Tage von allein praktisch alles, was Eichhörnchen beherrschen müssen. Etwa das Öffnen von Nüssen oder das Herumturnen.

Mit ihren acht Wochen ist Sophia bereits ein Kletterprofi. Eva Karrer hat sie in einem Zimmer untergebracht, in dem ein grosser Fichtenast und dicke Seile hängen. Als der Besuch eintritt, zeigt Sophia sofort ihre Künste. Sie benützt den Fotografen, den Journalisten und ihre Ersatzmutter als Klettergelegenheiten. Rasant hangelt sie Hosenbeine hoch, nutzt Schultern und Köpfe als Sitzgelegenheiten, begutachtet Kamera und Schreibzeug.

Sophia war Eva Karrers erster Gast dieses Jahres. Ein junges Paar fand sie mitten in der Stadt Basel – auf dem Heimweg vom Ausgang. «Sie nahmen sie nach Hause und meldeten sich am nächsten Morgen», sagt Karrer. Das sei typisch: Die Hilfsbereitschaft für die kleinen Nager ist gross. Aus dem ganzen Land bringen Menschen Eichhörnchen nach Bülach. Auch die Kosten für die Auffangstation werden zu einem grossen Teil durch Spenden gedeckt.

Auswilderung mit schwerem Herzen

Zur Station gehört eine Voliere auf der Wiese hinter dem Haus. Hier werden die älteren Patienten auf ihre Auswilderung vorbereitet. Eva Karrer bringt ihnen regelmässig Futter, frisches Wasser und kontrolliert ihren Gesundheitszustand. Sobald sie im Alter von drei bis vier Monaten selbständig sind und der Wald genügend frische Knospen und Tannzapfen bietet, entlässt Karrer sie an einer geeigneten Stelle in die neue Freiheit.

Nussdepot und Pelzdecke

Eichhörnchen sind praktisch in der ganzen Schweiz verbreitet. Sie leben in Wäldern und Pärken mit guten Baumbeständen und genügend Nüssen, Samen, Knospen und Pilzen. Bei uns gibt es zwei Farbvarianten: rotbraun und dunkelbraun. Dunkelbraune Eichhörnchen sind in den Bergen tendenziell häufiger anzutreffen, aber ganze Würfe mit gemischten Farben sind keine Seltenheit.

Eichhörnchen halten keinen Winterschlaf. Sie bewegen sich in der kalten Jahreszeit zwar deutlich weniger als im Sommer, aber sie brauchen täglich Futter. Deshalb vergraben sie im Herbst jede Menge Nüsse und Samen. Weil sie manche Vorräte nicht wieder finden, sind sie auch Waldgärtner: Dank ihnen breiten sich Haselsträucher, Eichen oder Buchen aus.

Der buschige Schwanz dient dem Eichhörnchen als Steuerruder, wenn es von Baum zu Baum springt. Und als Bettdecke, die es beim Schlafen um sich legt.

Der Tag der Freilassung erfüllt Karrer stets mit gemischten Gefühlen. Der Abschied falle ihr schwer, sagt sie. Manchmal ertappe sie sich dabei, die Auswilderung hinauszuzögern. Zum Beispiel unter dem Vorwand, das Wetter sei nicht so gut. Aber wenn dann die Pfleglinge den ersten Baum hochklettern und voller Freude herumturnen, sei das auch ein beglückender Moment.

Zeigen ihr die Eichhörnchen ein Zeichen von Dankbarkeit? Karrer lacht und schüttelt den Kopf. Babusch, ihr erstes Eichhörnchen, habe sie nach der Auswilderung noch einmal gesucht. «Ich fand ihn tatsächlich. Er sass auf einem Ast und ass ein Nüsschen – mich würdigte er keines Blickes.» Eva Karrer weiss, dass es so am besten ist. Im Normalfall spielt der Mensch in einem Eichhörnchenleben nun einmal keine Rolle.

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