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Besuch in der Schokoladenfabrik

Im Reich der Osterhasen

6,5 Millionen Schokoladenhasen produziert die Migros-Tochter Delica jeweils für Ostern. Und noch viel, viel mehr Eier. Um diese Mengen rechtzeitig zu schaffen, fängt man schon im Spätsommer damit an.

Text Ralf Kaminski
Fotos Daniel Winkler
Die fast fertigen dunklen Rochelinos auf dem Weg zur Verpackung. 

Die fast fertigen dunklen Rochelinos auf dem Weg zur Verpackung. 

Betritt man die Hallen der Delica in Buchs AG, wird man sofort von Schokoladenduft eingehüllt. Gerade laufen dunkle Rochelinos über ein langes Fliessband, einer nach dem anderen, eine grosse Hasenparade.

Wann essen Sie Osterschokolade?

Wir schreiben den 2. Dezember 2021: Die ganze Schweiz ist in Weihnachtsstimmung – in den Fabrikhallen der Delica hingegen ist schon Ostern. Rund 70 Personen sind derzeit täglich damit beschäftigt, Schokoladenhasen und -eier am Fliessband herzustellen.

Eine in weiss gekleidete Mitarbeiterin mit Haarschutzhaube legt die schon von einer Maschine vorgefertigten Hohlkörper des Rochelino von Hand auf ein Fliessband. Dort werden sie maschinell erst mit flüssiger Schokolade übergossen, dann mit Mandelsplittern gespickt. Als nächstes folgt wieder eine Person, die Hase für Hase die Augenpartie von Mandeln freiwischt, damit an einer folgenden Station zwei weitere Mitarbeitende dort von Hand die Marzipanaugen platzieren können. Anschliessend werden die Hasen nochmals mit Schokolade überzogen, dann kühlt eine Maschine sie ab, und eine Mitarbeiterin verpackt sie in Folien und Kisten, in denen sie bis zur Ostersaison eingelagert bleiben.

Handarbeit am Fliessband

«Je nach Hase stehen zwischen acht und 20 Personen an einem Fliessband im Einsatz», erklärt Susi Frei (60), die bereits seit 37 Jahren bei der Osterproduktion in Buchs mitarbeitet. Sie hat 1985 selbst am Fliessband begonnen, arbeitete sich bis zur Teamleiterin hoch und ist heute noch immer in einem Teilzeitpensum zur Unterstützung der aktuellen Teamleitung im Einsatz. «Damit die Arbeit nicht zu monoton wird, wechseln die Leute in der Regel nach einer Stunde an eine andere Station. Und werden für Pausen auch regelmässig abgelöst.»

Neben dem Rochelino werden heute auch kleine Sitzhasen in bunten Alufolien produziert – ebenfalls mit viel Handarbeit. Zuerst jedoch bringen Maschinen die erhitzte flüssige Schokolade mit Hilfe von Plastikschalen in die richtige Form und kühlen sie ab. Das Einpacken in die bunten Folien übernehmen dann Menschen.

Pro Stunde entstehen so rund 2000 Hasen. Die maximale Stückzahl pro Stunde beträgt 5000, aber das ist eine kleinere Hasensorte. «Die Packarbeit mit den Folien liesse sich vielleicht schon automatisieren, aber das wäre eine teure, hochspezialisierte Maschine, die wir nur wenige Tage im Jahr brauchen würden», erklärt Frei. «Das lohnt sich einfach nicht.»

Kaputte oder sonst wie unschöne Hasen werden aussortiert, wieder eingeschmolzen und gehen zurück in die Produktion für einen neuen Anlauf. «Wir versuchen, so wenig Ausschuss wie möglich zu produzieren.» Sich während der Arbeit mal schnell eine Köstlichkeit in den Mund zu schieben, ist übrigens nicht erlaubt – es dürfen auch keine Reste oder Fehlproduktionen nach Hause genommen werden.  

2571 Tonnen Osterschoggi

Ebenfalls eindrücklich ist die Produktion der Schokoladeneier, intern «Eili» genannt, die weitgehend automatisiert passiert. Die Eili bewegen sich in riesigen Mengen auf langen Fliessbändern durch die Halle. Der Duft ist der gleiche, aber der Lärmpegel höher – auch wegen einer Maschine, die 1050 Eili pro Minute (!) mit buntem Papier umhüllt.

Abertausende Eili bewegen sich über die Fliessbänder der Delica.

Abertausende Eili bewegen sich über die Fliessbänder der Delica.

Dass sich hier kurz vor Weihnachten alles um Ostern dreht, wirkt für Aussenstehende skurril,  ist für die Mitarbeitenden aber Alltag. «Damit wir genügend Zeit haben, alles zu produzieren, fangen wir bereits im August damit an», erklärt Susi Frei. Das liege einerseits an den enormen Mengen, andererseits müsse man auch Zeitverzögerungen durch defekte Maschinen einkalkulieren. Die Produktion endet in der Regel Ende Februar, Anfang März.

2021 hat Delica insgesamt 2571 Tonnen Osterschokolade produziert. Die langgezogene Herstellungszeit ist nur möglich, weil die Osterprodukte bei perfekten Bedingungen gelagert werden: dunkel und bei 12 bis 14 Grad ohne Temperaturschwankungen. Ergänzend zu den rund 100 Festangestellten in der Osterproduktion werden pro Saison 40 bis 50 Leute zusätzlich temporär eingestellt. «Ohne sie würden wir diese Mengen schlicht nicht schaffen», sagt Frei.

Nach Abschluss im Frühling werden sämtliche Maschinen gründlich gereinigt und gewartet, damit Ende Juni mit der Weihnachtsproduktion gestartet werden kann, hauptsächlich Pralinen und Schoggikugeln. Sie läuft bis Mitte September, teilweise parallel zur Osterproduktion. Da für Weihnachten aber nur etwa die Hälfte der Schokoladenmenge gebraucht wird, geht das problemlos.

Und nein, entgegen aller Gerüchte werden dafür keine eingeschmolzenen Osterhasen verwendet, die im Laden nicht verkauft wurden. Was nach Ostern auch mit deutlichem Rabatt keine Abnehmer findet, geht an Hilfsorganisationen, welche diese Produkte zum Beispiel an Bedürftige gratis abgeben.

Oster-Elefant war ein Flop

Seit 1965 werden in Buchs Osterprodukte hergestellt. Die Chocolat Frey, die 1887 gegründet, 1950 von der Migros übernommen und 2021 mit vier anderen Firmen zur Delica fusioniert wurde, tat dies schon zuvor seit Jahrzehnten in einem früheren Werk in Aarau.

Zu den ewigen Favoriten gehört laut Frei der «Riesenhase». Von der 440 Gramm schweren Schoggifigur entstehen pro Ostern 450'000 Stück – 1500 pro Stunde. Es werden aber fast jedes Jahr neue Produkte ausprobiert. «Einerseits als Reaktion auf Mitbewerber, andererseits aber auch aufgrund von generellen Markttrends.»

Susi Frei ist schon seit 37 Jahren in der Osterproduktion im Einsatz.

Susi Frei ist schon seit 37 Jahren in der Osterproduktion im Einsatz.

Diese Ostern kommen gleich vier neue Figuren ins Regal, darunter ein Surfer- und ein Fussballhase. Neu ist auch ein weisser Schoggihase in Bio-Qualität. Bei den Eili gibt es ebenfalls regelmässig neue Versionen. Dieses Jahr etwa eine mit Beeren-Geschmack, die als «Limited Edition» präsentiert wird. «Die gibt’s also nur 2022 – sollte sie aber richtig gut ankommen, könnte sie in die reguläre Produktion aufgenommen werden», erklärt Frei. Nicht alle Oster-Ideen funktionieren. Ende der 1990er-Jahre versuchte man es mal mit einem Schokolade-Elefanten, der jedoch floppte und rasch wieder verschwand.

Total wurden für diese Saison etwa 60 Sorten Hasen und 28 Sorten Eili produziert. Die Hasen- und Eiliproduktion ist bei Delica seit längerem leicht rückläufig, weil die Bevölkerung weniger Schokolade isst. Doch auch so wurden zu Ostern 2021 landesweit etwa 98 Millionen Franken allein für Schokolade ausgegeben, knapp die Hälfte bei der Migros.

Immer mehr verspielte Figuren

Was macht denn eine gute Osterfigur aus? Susi Frei überlegt kurz: «Die Schokolademasse – da gibt’s unterschiedliche Qualitäten.» Sie selbst nimmt sofort wahr, wenn etwa aus Spargründen eine billigere Rezeptur mit mehr Zucker zum Einsatz kommt. «Aber auch die Form und die Verpackung spielen eine Rolle.» Deshalb gibt es immer mehr verspielte Figuren, die mit anderen Schokoladefarben verziert werden können.

Trotz der vielen Jahre in der Schokoladefabrik ist Susi Frei die Schoggi bis heute nicht verleidet. Sie nutzt auch gerne die Angebote des hauseigenen Fabrikladens für Mitarbeitende. Da gibt’s zum Beispiel 1 Kilo Ostereili zu einem sehr günstigen Preis. Ihr persönlicher Favorit jedoch ist der weisse Krokanthase, obwohl sie weisse Schokolade sonst eigentlich nicht sehr mag. «Aber der knuspert so schön.»

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