Navigation

Migros-Go-Kart

Der rasende Einkaufskorb

Die beiden Lkw-Mechaniker Rico Gröschel und Stefan Memaj haben ein ganz besonders Rennauto gebaut: Es besteht aus zwei ausgedienten Migros-Wägeli.

Text Michael West
Fotos Michele Limina
Der Migros-Bolide startet durch: Er könnte in 9 Sekunden von 0 auf 100 Stundenkilometer beschleunigen.

Der Migros-Bolide startet durch: Er könnte in 9 Sekunden von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde beschleunigen.

Motoren röhren, Reifen quietschen, Fehlzündungen knattern. Auf der Go-Kart-Bahn in Roggwil BE ist es ohrenbetäubend laut, und es riecht penetrant nach Motorenöl. Eine Gruppe von Erwachsenen und Kindern verfolgt hinter einer Glasscheibe, wie die Miniboliden unter einem riesigen Leuchtbild von Michael Schumacher ihre Runden drehen.

Doch dann schieben zwei junge Männer ein Vehikel durch die Hallentüre, das sofort dem ganzen Rennzirkus die Show stiehlt: Es besteht aus einem grossen Drahtkorb auf einem rot lackierten Fahrgestell mit Go-Kart-Rädern. Das Ding hat einen wuchtig wirkenden Motor, ein edles Steuerrad mit einem Bezug aus Alcantara und an der Front zwei LED-Leuchten.

Originelles Meisterstück

Die beiden Männer heissen Rico Gröschel (22) und Stefan Memaj (18). Sie stehen kurz vor der Lehrabschlussprüfung als Lastwagenmechaniker, und das auffällige Vehikel ist ihr Meisterstück: Sechs Monate haben sie daran getüftelt und es immer weiter perfektioniert. Jetzt könnte es in 9 Sekunden auf 100 Stundenkilometer beschleunigen.

Doch beim Go-Kart-Rennen dürfen die jungen Aargauer nicht mitfahren, dafür ist ihr Fahrzeug einfach zu unkonventionell konstruiert. Sie wollen hier nur anfragen, ob sie es später einmal neben der Bahn ausstellen dürfen. «Unser Migros-Bolide ist vor allem ein Show-Car», sagt Memaj. «Es kann also keine Pokale gewinnen.» Trotzdem ist ihr Werk, das sie auf den Namen «Shopping Race Cart» getauft haben, ein Erfolg: In der Lehre gab es dafür die Note 6.

Am Anfang des Projekts war den zwei Lkw-Mechanikern nur eines klar: Sie wollten ein Ding bauen, das viel Spass macht, ein echter Hingucker ist und ihr ganzes Können beweist. «Erst hatten wir vor, einen alten Werkstatthocker zu motorisieren», erzählt Gröschel. «Aber zwischen Motor, Tank, Bremse und all den anderen Anbauteilen hätte man den kleinen Hocker gar nicht mehr gesehen. Der Showeffekt hätte nicht funktioniert.» Dann erinnerten sich die beiden an einen Sport aus der Primarschulzeit: Damals trugen sie gerne Rennen mit Migros-Wägeli aus. Es kam manchmal auch zu Karambolagen, und die Eltern waren wenig erfreut über das Hobby.

Jetzt fragten Gröschel und Memaj ganz korrekt bei der Migros an, ob sie zwei ausgediente Einkaufswagen für ihr Projekt haben durften. Die beiden Drahtkörbe wurden anschliessend mit der Trennscheibe zerlegt und zu einem XXL-Korb zusammengeschweisst. Schliesslich sollte ein ausgewachsener Mann im «Sopping Race Cart» Platz haben. Für Gröschel, der knapp zwei Meter gross ist, dürfte der Korb sogar noch geräumiger sein: Er muss sich jedes Mal akrobatisch zusammenfalten, wenn er in den Boliden steigt.

Für den Antrieb und die Bremsanlage bedienten sich die Konstrukteure bei einem Renn-Motorroller der Marke Gilera. Der kleine Kunstledersitz stammt von einem Mini-Muldenkipper. Und die Go-Kart-Räder wurden auf Ricardo ersteigert, weil sie neu ziemlich teuer sind. Ganz am Schluss wurde das 19 PS starke und 70 Kilo schwere Vehikel noch mit Felgensilber aus der Sprühdose verschönert.

Alle lieben das Rennwägeli

«Es brauchte viel Arbeit und auch einiges an Nervenkraft, die vielen Einzelteile zu einem funktionierenden Ganzen zusammenzusetzen», erinnert sich Memaj. Doch der Aufwand hat sich nicht nur wegen der Glanznote gelohnt: Wo immer die beiden mit ihrem Superwägeli aufkreuzen, wird es sofort zum Publikumsmagneten.

Und was soll in Zukunft aus dem «Shopping Race Cart» werden? «Wir wollen ihn weiter perfektionieren und vielleicht einen Motor einbauen, der deutlich stärker und gleichzeitig leichter ist», sagt Gröschel. Auch mit Slicks, also echten Rennreifen, hätten die Mechaniker gerne experimentiert.

Dann witzeln die beiden, man könne den Migros-Boliden vielleicht irgendwann im Verkehrshaus in Luzern zeigen. Warum nicht? Ein 50er-Jahre-Einkaufwägeli, ein winziges Körbchen auf Rollen, war dort lange auch zu sehen. Im Vergleich dazu würde der «Shopping Race Cart» weit mehr Eindruck machen.

Schon gelesen?