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Vier statt fünf Tage arbeiten

Am Donnerstag ins Wochenende

Sie leben schon, wovon viele noch träumen und was viele für unmöglich halten: Die Mitarbeitenden von Wittwer Metallbau in Adligenswil LU testen die Viertagewoche. Damit bekämpft die Firma den Fachkräftemangel.

Text Benita Vogel
Fotos Christof Schürpf
Luca Renggli, Metallbauer bei der Firma Wittwer in Adligenswil LU bei der Arbeit. Diese erledigt er neu in vier statt an fünf Tagen. 

Luca Renggli, Metallbauer bei der Firma Wittwer in Adligenswil LU bei der Arbeit. Diese erledigt er neu in vier statt an fünf Tagen. 

Die Auftragsplanung muss genau stimmen, damit bei Wittwer die Arbeit in vier Tagen erledigt werden kann.

Ein weissblauer Lichtball blitzt auf. Glühende Späne fliegen. Rauch qualmt unter dem Schutzhelm von Stefanos Arabiano. Er schweisst Stahlpfeiler zu einem Balkongerüst zusammen. Der Metallbauer hat, was viele seiner Freunde auch gern hätten: Er geht schon am Donnerstagabend ins Wochenende. «Wer möchte das nicht, einen Tag weniger arbeiten und trotzdem gleich viel ­verdienen», sagt der Angestellte der Wittwer Metallbau AG im luzernischen Adligenswil. Als der 34-Jährige im Vorstellungsgespräch Ende 2021 zum ersten Mal vom neuen Zeit­modell des künftigen Arbeitgebers hörte, fand er das eine super Sache. ­«So was hatte ich in meiner Branche noch nie angetroffen.»

Genau das hatten die Wittwer-Inhaber bezweckt. «Die Metallbaubranche leidet unter einem verstaubten Image und hat einen enormen Fachkräftemangel», weiss Inhaberin Nicole Wittwer, die mit ihrem Mann in den Bereichen Planung, Stahl-, Glas- und Aluminiumbau drei Firmen betreibt. «Wir müssen anders sein als unsere Konkurrenz, um gute Leute zu finden.» Von der Viertagewoche waren sie und ihr Mann bereits seit Längerem fasziniert. Für die Mit­arbeitenden liegen mehr Wohlbefinden und Freizeit drin, für die Firma soll mehr Effizienz möglich sein.

Geht alles in 37 statt 41 Stunden?

Was denkst du über die Viertagewoche?

Als in Island ein gross angelegtes Experiment positive Ergebnisse zeigte, gingen Wittwers in die Offensive. Sie riefen die 40 Mitarbeitenden von allen drei Firmen in der Werkstatt im Luzerner Vorort zusammen und ­zeigten ein selbstproduziertes Video über die Viertagewoche. «Danach herrschte erst einmal Stille», erinnert sich Nicole Wittwer. In den Produk­tionsräumen, wo es sonst zischt und dröhnt, staunten die Angestellten und fragten sich, ob sie die viele Arbeit im Handwerksbetrieb wirklich in 37 statt 41 Stunden bewerkstelligen. «Als sie realisierten, dass das Wochenende fortan einen Tag länger dauern soll, strahlten sie.»

«Ziemlich spontan» gingen sie das Zeitabenteuer an. Den ersten Monat arbeitete die Belegschaft 4,5 Tage, im zweiten dann testweise vier Tage. Seit Januar dieses Jahres läuft nun eine Pilotphase der Viertagewoche. Von 7 bis 12 Uhr und von 13.15 bis 17.30 Uhr mit einer Viertelstunde Pause. «Wir merkten schnell, dass wir die Abläufe überdenken und genauer planen mussten», so Wittwer. Ein Projektteam mit Beteiligten aus allen Abteilungen hat die Prozesse unter die Lupe genommen, um die Schnittstellen besser aufeinander abzustimmen. 

«Gute und klare Kommunikation ist das A und O», sagt die Inhaberin. Die Aufträge der Planer und Kon­strukteure im Büro müssten mit dem richtigen Timing und mit genügend Reserve für allfällige Notfälle zu den Metallbauern in der Werkstatt und von dort zu den Monteuren gelangen. Büroangestellte könnten notfalls zu Hause auf dem Computer beenden, was sie zuvor nicht erledigt haben. «In der Werkstatt funktioniert das aber nicht. Die Handwerker müssen vor Ort sein.» Um die ­Ab­läufe zu verbessern, hat das KMU eine Mitarbeiter-App lanciert. Am Donnerstag wird darin der Einsatzplan für die Folgewoche aufgeschaltet. Jeder Mitarbeitende sieht, wie er wann und wo eingeplant ist. «Trotz tieferer Arbeitszeit müssen Qualität und Quantität der Arbeit stimmen», sagt Wittwer. «Etwas anderes können wir uns nicht leisten.»

Einsparungen sind gefragt

Auch die Kosten sind ein Thema. Schliesslich haben die Angestellten mit der Arbeitszeitreduktion eine Lohnerhöhung um zehn Prozent erhalten. «Das ist es uns wert», meint Wittwer. Auf der anderen Seite seien die Gewinnmargen in der ­Bau­branche nicht derart riesig, als dass man das einfach kompensiere. Verschärft wird die Situation durch gestiegene Rohstoffpreise. Stahl und Aluminium sind in den vergangenen eineinhalb Jahren um bis zu 80 Prozent teurer geworden.

Um Einsparungen zu ­erzielen, haben die drei Firmen den Einkauf zusammengelegt und einen neuen Einkäufer engagiert. «Dank der grösseren und gebündelten Mengen erhalten wir bessere Preise», sagt Wittwer. Zudem können die Planer und Projektleiter, die früher auch selbst eingekauft haben, nun effizienter arbeiten. «Das hat uns stark entlastet», sagt Konstrukteur Deny Gisler. Der 40-Jährige ist im Januar Vater geworden. «Die Viertagewoche ist für mich und meine Familie perfekt, denn die Kinderbetreuung haben wir so schon geregelt.» Auch wenn es Freitage gebe, an denen er manchmal trotzdem arbeite, oder ein Architekt anrufe, der nicht wisse, dass er freihabe.

Damit die Auftraggeberinnen und Kunden am Freitag nicht vergebens anrufen, sei das Telefon jeweils ­besetzt, sagt Wittwer. Auch die fünf Lernenden arbeiten am Freitag, von Gesetzes wegen. «Sie können so noch intensiver betreut werden», so die Firmenchefin.

Die Wittwers sind ein Branchengespräch

In der Branche sorgt das Luzerner KMU für Aufsehen. «Man spricht über uns in der Dorfbeiz, und natürlich fragen uns auch Partner, ob sich das denn rechne», sagt Nicole Wittwer. Der Verband der Schweizer Maschinen-, Energie- und Metallindustrie (Swissmem) kann der Viertagewoche nichts abgewinnen. Die sei orga­nisatorisch und auch finanziell kaum umsetzbar. Und weniger Arbeitsstunden zu unverändertem Lohn sowieso nicht.

Doch für Andrea Essl, Dozentin für Nachhaltigkeit in Organisationen an der Universität Bern, ist die Viertagewoche mit maximal 38 Stunden in der Schweiz machbar. Richtig ausgestaltet, fördere das ­Arbeitszeitmodell die Chancengleichheit und führe zu besserer Gesundheit. Die Risiken liegen laut Essl bei Kosten, Zeiteinteilung, Kommunikation und allfälliger Skepsis gegenüber dem Modell.

Angestellte sind zu 90 Prozent dafür

Bei der Wittwer Metallbau AG ist die Viertagewoche noch in der Pilotphase. «In den nächsten Wochen werden wir entscheiden», sagt Nicole Wittwer. Sie prüft derzeit die Zahlen und analysiert etwa, wie sich Pro­duktivität und Unfallzahlen entwickelt haben. «Wir möchten den Hebel unbedingt umlegen», so die Inhaberin. Die ­Zustimmung der meisten Mitarbeitenden hat sie. In der jüngsten ­Umfrage waren 90 Prozent dafür. «Skeptisch sind eher die unter 30-Jährigen.» Sie möchten teilweise lieber mehr Lohn statt mehr Freizeit, um mehr Geld zu haben für Ausgang und Reisen. Auch Eltern würden den Nachwuchs lieber bei der Arbeit sehen als beim Gamen zu Hause.

Metallbauer Stefanos Arabiano hofft jetzt, dass das lange Wochenende fix wird. «Ich mache an meinen freien Freitagen den Haushalt, gehe einkaufen oder Töff fahren. Und kann dann am Freitag entspannt ins Wochenende», verrät er mit ­einem Augenzwinkern. 

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