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E-Auto statt Dieselfahrzeug

Mein erstes Mal: Notizen eines E-Mobil-Anfängers

Der Elektromobilität gehört die Zukunft. Höchste Zeit also, sich mit einem E-Auto in den Verkehr einzufädeln. Unser Autor hat es gewagt – und dabei nasse Hosen gekriegt.

Text Nicola Brusa 
Fotos Basil Stücheli
Autor Nicola Brusa und seine E-Auto: Es war keine Liebe auf den ersten Blick. 

Autor Nicola Brusa und sein E-Auto: Es war keine Liebe auf den ersten Blick. 

Ich mag Autos und ich fahre gerne damit. Es gibt wenige Situationen, in denen ich besser nachdenken kann, als wenn ich in die Nacht hineinrolle. Das Elektroauto, das da vor mir steht, mag ich nicht: Es ist der Gegenentwurf zu meinem eigenen Wagen. Es führt mir vor Augen, dass mein Diesel jeglicher Vernunft entbehrt. Der ist auf das Maximum ausgelegt: Die bequeme lange Fahrt in die Ferien. Darin lässt sich alles verstauen und es bleibt sogar noch Platz für das bisschen zu viel Gepäck. In der Stadt, das sei zu meiner Verteidigung gesagt, brauche ich den Volvo kaum. Da bin ich schon lange elektrisch mit einem Cargovelo unterwegs.

Jetzt aber steht da dieser Honda E vor mir, mit dem ich zwei Wochen unterwegs sein werde. Hier wurde an allem gespart, an Platz, an Seitenspiegeln, an Design. Aber nun gut.

Zürich – Lausanne (223 km)

Nie fühlte sich Stau besser an

Grosse Abenteuer sollte man nie alleine in Angriff nehmen, prägende Erlebnisse stets teilen. Und so habe ich den E-Auto-Experten in meinem Freundeskreis eingeladen, mit mir die erste Fahrt zu unternehmen. Er ist schon mit leerer Batterie im Tessin am Berg gestanden – wer den Worst Case der Elektromobilität aus eigener Erfahrung kennt, den erschüttert auch so eine Fahrt im Honda nicht. Das Auto hat eine Reichweite von rund 170 Kilometern, laut GPS sind es nach Lausanne deren 223, aber es gibt ja Ladestationen und Raststätten.

Wir reihen uns in den Abendverkehr ein. Stau ist etwas vom Besten in einem Elektroauto. Es fühlt sich gut an, sauber in der Kolonne zu stehen. Und es bietet die Gelegenheit, mit den technischen Gadgets zu spielen. Mit den Kamerarückspiegeln zum Beispiel oder dem Aquariumhintergrund auf dem Bildschirm, der die ganze Breite des Wagens einnimmt.

Wir fahren auf der Autobahn mit 90 Richtung Westen. Vor Bern zeigt die Anzeige noch 35 Prozent. Ist das viel oder wenig? Jedenfalls fahren wir eine Ladestation der Berner Kraftwerke an.

Nach einiger Zeit finden wir den Knopf zum Öffnen des Batteriedeckels, wir stecken ein, halten die Tankkarte hin und es lädt, das erkennen wir am futuristischen blauen Leuchten rund um den Stecker.  Wir gehen etwas essen. Danach die Ernüchterung: Nach einer Stunde Laden haben wir kaum an Reichweite gewonnen. Stimmt das Klischee über Berner auch für Ladesäulen? Wir finden heraus: Es liegt am falschen Stecker, nicht an den BKW. Wir fahren hundert Meter weiter an die Ladestation eines anderen Anbieters, die nur schnell kann. Die Säule blinkt und piepst und leuchtet, beginnt ordentlich zu surren und sagt: Charä voll in 30 Minuten. 

Lausanne – Crissier – Lausanne (26 km)

Der Grosseinkauf bringt 3 Prozent 

Dieser Wagen ist wie ein Crashkurs in Elektromobilität. Was diese ausmacht, kann man im Honda in kürzester Zeit intensiv erleben. Lange laden statt schnell tanken, planen statt drauflosfahren, nervös werden, wenn die Reichweite bergauf schrumpft, ernüchtert sein, wenn die Batterie bergab bloss einige wenige Prozent rekuperiert. Immerhin hat der Zwerg eine phänomenale Beschleunigung. 

Für heute geplant: Die gemieteten Skier zurückbringen, den Grosseinkauf erledigen und währenddessen auf dem Parkplatz das Auto laden. Ideal, das alles kombinieren zu können. Ich brauche diese Woche Milch und Früchte und Brot und Pasta und Strom für eine Strecke von gut 100 Kilometern.  

Fast lautloses Fahren, Ladestationen im ­Freien, sorgfältige Planung der Ladestopps für längere Fahrten: Das sind einige Erfahrungen unseres Autors nach zwei Wochen mit einem E-Auto.

Fast lautloses Fahren, Ladestationen im ­Freien, sorgfältige Planung der Ladestopps für längere Fahrten: Das sind einige Erfahrungen unseres Autors nach zwei Wochen mit einem E-Auto.

Die Kinder sind ganz angetan von der Geräuschkulisse des Wagens. Es tönt synthetisch, wenn man ihn startet. So, stelle ich mir vor, klingt es, wenn die Systeme des Spaceshuttles hochgefahren werden. Und dann dieses beinahe geräuschlose Rollen, man versteht auch bei 120 jedes Wort der Verkehrsmeldung. Von den sechs Parkplätzen mit Ladestation bei der Migros Crissier ist einer besetzt. Maximale Parkzeit hier: drei Stunden. Ich stecke den Wagen an, das Licht neben der Steckdose leuchtet blau, im Display scheint die Ladezeit bis voll auf: 21 Stunden und 30 Minuten. Wir plämperlen bei allem, was wir machen. Skier abgeben, Milch und Brot und Pasta und sogar WC-Papier kaufen wir. Und fahren dann los mit 26 Prozent. Plus 3 Prozent. 

Lausanne – Fontainemelon – Lausanne (174 km)

Schlecht geschlafen, gut geplant 

In einer Nacht habe ich doch tatsächlich geträumt von einer Strecke, die nur bergauf geht, nicht steil aber gerade so, dass der Ladestand unaufhaltsam und bedrohlich schrumpft. Ich fuhr eine Ladestation nach der anderen an, aber keiner der Stecker passte.

Einkaufen und gleichzeitig das E-Auto laden 

Einkaufen und gleichzeitig das E-Auto laden, ist künftig bei vielen Migros-Filialen möglich. Rund 300 Park­plätze in knapp 200 Filialen der Migros sind bereits mit ­einer Ladesta­tion aus­gerüstet. Dieses Netz wird aus­gebaut und aufgerüstet. Mit Ladesta­tionen von bis zu 60 kW Leistung wird es möglich sein, beschleunigt zu ­laden. Es stehen zwei ­Produkte zur Verfügung: M-Charge Basic (bis zu 22 kW) und M-Charge ­Comfort (bis zu 60 kW).

Nach einem 30- bis 90-minütigen Einkauf sind Elektro­autos grösstenteils oder voll aufgeladen. Die Kosten: reguläres Laden mit bis zu 22 kW (AC) für 30 Rappen/kWh, beschleunigtes Laden mit bis zu 60 kW (DC) für 35 Rappen/kWh. So reagiert die Migros auf stark gestiegene Strompreise und finanziert mit den Einnahmen den Ausbau der Ladeinfrastruktur. Wichtig: Bei der Migros wird ausschliesslich mit Strom aus erneuerbaren Quellen geladen. 

Hier sind ab sofort Pilotan-lagen der Ladestationen in Betrieb: Einkaufscenter Shoppyland Schönbühl BE, Agno TI, Bike World Romanel VD, Villmergen AG, Wollerau SZ, in der Stadt Zürich in Altstetten und am Limmatplatz. In Schönbühl und Wollerau wird neben dem regulären AC-Laden auch beschleunigtes DC-Laden getestet. Das Pilot­projekt dient der Migros dazu, Er­fahrun­gen mit den neuen In­stal­la­tionen zu sammeln und ­mittels einer Umfrage Kundenbedürfnisse abzuholen. Das Netz soll laufend wachsen und die Elektromobilität in der Schweiz fördern. ­Mi­grol hat ausgewählte Tankstellen ebenfalls nachge­rüstet. Dort werden Schnell­ladegeräte mit einer Leistung bis zu 160 kW installiert.  

Die Fahrt nach Fontainemelon nehme ich deshalb mit vollgeladenem Auto in Angriff. In der Stadt Lausanne, darauf macht mich ein Tesla-Fahrer aufmerksam – man ist sich unter E-Mobilisten irgendwie verbunden – ist die Parkgebühr in den Stromgebühren inkludiert. À propos verbunden: Mehr als einmal erforderte es etwas Geduld, um den Ladeprozess zu starten. Mal konnte die Karte nicht gelesen werden, mal gelang es nicht, eine Verbindung zu meinem Auto herzustellen. Mehr als einmal bot mir ein erfahrener E-Automobilist Hilfe an. 

Ich zahle also keine Parkgebühr und lade nochmals voll. Ich weiss, dass es für hin und zurück nicht reicht, und ich weiss, wo mein Tankstopp auf dem Rückweg sein wird. Dort lege ich eine halbe Stunde Auto-Office ein, in der Mittelkonsole hat es zu diesem Zweck sogar eine Steckdose für den Laptop. Ich schreibe Mails, erledige Telefonate und bin irgendwie ganz zufrieden, als ich wieder auf die Autobahn fahre. Vielleicht, denke ich, verschafft mir dieses Auto Zeit. Kleine Inseln der Effizienz.

Lausanne – Lausanne – Lausanne (9 km)

Kurz und gut

Das Kind rasch ins Tennis fahren, auf dem Rückweg noch rasch etwas einkaufen, noch rasch ein Paket auf der Post aufgeben, noch rasch die Spur wechseln und bei Orange noch rasch über die Kreuzung: Die Stadt ist das Terrain meines Elektroautos. Seine Grösse und seine Beschleunigung fördern zackiges Fahren. Ich fahre keine Kurven, sondern, zack, gefühlte rechte Winkel. Und ich ertappe mich immer wieder mit einigen Kilometern zu viel auf dem Tacho. Mein Gefühl für das Tempo scheint gekoppelt an das Geräusch eines Dieselmotors. 

Lausanne – Zürich (228 km)

Die Elemente spüren 

Der Test endet nach zwei Wochen mit einer echten Prüfung: Das Auto zurück nach Zürich bringen, pünktlich auf einen Termin, mit mindestens 30 Prozent in der Batterie. Zwei Inseln der Effizienz plane ich dafür ein. Für die Fahrt habe ich mir einen stürmischen Frühlingstag ausgesucht. Es regnet und windet, als ich die Schnellladestation anfahre. Mir fällt auf: An jeder Tankstelle tankt man überdacht, die meisten Ladestationen hingegen sind ungedeckt. Ich steige aus, der aufgespannte Regenschirm dreht sich mit der ersten Windböe – es ist die selbe, die meine Tankkarte wegbläst. Also steige ich über den Zaun, rutsche das Wiesenbord herab. Die Insel der Zeit reicht für einige Mails, einige Telefonate, aber nicht, um meine Hose zu trocknen.   

Zürich – Lausanne

Relaxt und ohne (Lade-)Stopp nachhause 

Jetzt bin ich das Wägelchen wieder los. Pünktlich war ich, Ladestand 37 Prozent. Entspannt fahre ich mit dem Zug in die Nacht hinein Richtung Westschweiz, schaue auf Youtube, wie Harry Hasler einen Tesla testfährt und lasse meine E-Mobilitäts-Wochen Revue passieren. Es fühlt sich an, als hätte ich ein Stück Freiheit zurückgewonnen: Mich nicht mehr mit dem Auto bewegen zu müssen.

Das ist mein wichtigstes Fazit betreffend E-Auto: Es ist auch nur ein Auto. Man steht damit im Stau, man braucht einen Parkplatz, man ist darin latent gestresst. Es braucht eine Zeit, bis man sich an die volatile Reichweite gewöhnt hat. Hat man zudem keine Ladestation zuhause, die das Auto lädt, wenn es sowieso steht, dann wird die Elektromobilität mühsam. Sie verfolgt einen bisweilen bis in den Schlaf. 

Tipps fürs Laden

  • Laden: Langsames Laden zuhause ist grundsätzlich günstiger und schonender für die Batterie als Schnellladen unterwegs. Mit einer Ladegrenze bei 80 Prozent für die alltägliche Pendelstrecke wird der Akku weniger strapaziert. Etwa bei 20 Prozent Ladestand sollte wieder eingesteckt werden.
  • Fahren: Entspanntes Fahren schlägt sich direkt in einer grösseren Reichweite nieder, ebenso haben die Temperatur und die Topografie der Strecke grossen Einfluss auf die Energiebilanz. Wer etwa auf der Autobahn hinter einem Lastwagen herfährt, braucht sehr wenig Strom.
  • Planen: Schnellladen dauert heute in er Regel nicht mehr wahnsinnig viel länger als Tanken. Als Faustregel gilt: 5 Minuten laden bringen 100 Kilometer. Es lohnt sich, die Pausen und damit die Ladestopps auf längeren Strecken im Vornherein zu planen. Mit Hilfe des Bordcomputers oder einer entsprechenden App. 

Für lange Ferienreisen hat der TCS einen Ratgeber herausgegeben.

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