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Energieversorgung

Geht uns im Winter der Strom aus?

Flächendeckende Stromausfälle werde es wohl nicht geben, sagt ETH-Energieexperte Konstantinos Boulouchos. Er erklärt, was zu tun ist, damit es auch in ein paar Jahren nicht so weit kommt – und rät, vor allem auf Sonnenenergie zu setzen.

Text Ralf Kaminski, Benita Vogel
Datum
Idealer Ort für eine Solaranlage: Der Stausee Lac des Toules im Val d’Entremont VS. (Bild: Getty Images/Alessandro Della Bella)

Idealer Ort für eine Solaranlage: Der Stausee Lac des Toules im Val d’Entremont VS. (Bild: Getty Images/Alessandro Della Bella)

Müssen wir für Strom in der Schweiz bald doppelt oder dreifach so viel bezahlen?

Nein, bis 2030 erwarte ich keine dramatische Entwicklung. Tendenziell wird Strom teurer, weil er sauberer sein muss als bisher und man dafür die Netze ausbauen und modernisieren muss. Aber statt 1 Franken pro Person und Tag wie heute, werden wir vielleicht 1.30 bezahlen müssen. Deswegen geht niemand pleite

Weshalb war es bei uns bisher so günstig?

Dank der Wasserkraft und der Kernenergie. Beides liefert stabil und zuverlässig – und die grossen Investitionen dafür wurden vor langer Zeit gemacht. 

Was treibt die Preise? Der Krieg in der Ukraine?

Das ist nur ein Teil des Problems. Wir hatten 2021 in vielen Monaten in ganz Europa sehr wenig Wind – ein äusserst seltenes Ereignis. Diese Energie fehlte im Markt; es gab einen Run auf Gas, was die Preise schon vor dem Krieg steigen liess.

boulouchos

Der Energieexperte

Konstantinos Boulouchos (66) ist emeritierter Professor für Energietechnik an der ETH Zürich und spezialisiert auf Energiesysteme. Er hat neben der Schweizer Staatsbürgerschaft auch die griechische, ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und lebt in Zollikon ZH.

Auch die Versorgungslage löst Ängste aus. Wird es im Winter zu wenig Strom geben?

Man kann das nicht ausschliessen, die Gefahr besteht jedoch aus meiner Sicht nur bei einer Extremsituation, in der vieles zusammenkommt.

Und was wäre das?

Zum Beispiel wenn fast die Hälfte aller Kernkraftwerke in Frankreich ausser Betrieb bleibt und gleichzeitig bei allen anderen Energieformen Mangel herrscht. Ich vertraue aber darauf, dass die Schweizer Elektrizitätswerke solche Probleme lokal eingrenzen könnten.

Also kein Totalausfall?

Nein, ich rechne weder mit einem landesweiten Stromausfall noch mit Rationierungen für Privathaushalte. Einschränken muss sich vielleicht die Industrie. Aber wir müssen alle das Stromsparpotenzial ausschöpfen.

Das heisst, Privatpersonen müssen kaum mit Blackouts rechnen?

Es ist unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Bis eine Überlastung durchs Stromnetz in einem Haushalt ankommt, dauert es eine Weile – es gibt für Netzbetreiber zuvor genügend Möglichkeiten einzugreifen. Zudem kennt man die problematischen Stellen recht gut und könnte dort mittelfristig mit dezentralen Blockheizkraftwerken nachhelfen, die nur in einer solchen Lage zum Einsatz kämen. Meine Sorge sind weniger Blackouts als eine regelmässig wiederkehrende Mangellage, die uns immer wieder zu Einschränkungen zwingt. Aber mit Umsicht kann man die Energieversorgung gewährleisten.

Wieso warnen denn zurzeit alle vor einem Blackout?

Für die Zeit nach 2035, wenn die Nuklearkraft nach und nach wegfällt, braucht die Schweiz eine klare Strategie, wie grössere Mengen Energie bereitgestellt werden können. Auf das Thema aufmerksam zu machen, ist also richtig. Im Sommer haben wir keine Probleme, es geht lediglich um die zweite Winterhälfte. Wenn wir jetzt nicht sicherstellen, dass wir mehr Strom produzieren können, bekommen wir in 15 Jahren ein Problem.

Wodurch ersetzen wir die wegfallende Atomkraft?

Mit Solarenergie, unterstützt von dezentralen Kraftwerken, die mit erneuerbaren Brennstoffen betrieben werden. Die Photovoltaik ist technisch, ökonomisch und von ihrer sozialen Akzeptanz her die einzige neue Energiequelle, die hierzulande grössere Mengen liefern kann.

Windenergie kann das nicht?

Nein. Wind und auch zusätzliche Kleinwasserkraftwerke führen zu endlosen, langwierigen Diskussionen und würden am Ende nur wenig zur Lösung des Problems beitragen. Ich würde die zahllosen Kleinkriege in diesen Bereichen deshalb beenden und ganz auf Solarenergie fokussieren – eine Konzentration der Kräfte also.

Wie viel Energie müssen wir denn ersetzen?

Zwar sinkt der Stromverbrauch pro Kopf trotz wachsender Bevölkerung seit Jahren leicht – wir verbrauchen konstant rund 60 Terawattstunden pro Jahr. Aber künftig wird die Zahl der Elektroautos und Wärmepumpen stetig wachsen, was zu einem zusätzlichen Strombedarf führt. Kombiniert mit der wegfallenden Nuklearenergie, müssen wir mittelfristig rund 15 Terawattstunden neu produzieren. Und von den total 75 fallen dann etwa 40 im Winter an.

AKWs sind in dem Zusammenhang immer wieder ein Thema. Was halten Sie von den Forderungen, ihre Laufzeiten zu verlängern oder gar neue zu bauen?

In der Schweiz gibt es ja zum Glück anders als in Deutschland kein fixes Enddatum. Unsere Kernkraftwerke dürfen so lange laufen, wie sie sicher betrieben werden können. Will man das verlängern, müssten die Betreiber früher oder später nochmals Geld in sie stecken. Und diese machen natürlich eine Kosten-Nutzen-Analyse und schalten dann vielleicht lieber ab, als erneut in etwas zu investieren, das nur noch über eine beschränkte Lebensdauer verfügt. Gösgen und Leibstadt sind jünger und könnten vielleicht noch bis 2040 laufen, aber das ist schwer abzuschätzen.

Und Neubauten?

Die sind vor allem erst einmal sehr teuer. Wenn Sie heute in Europa ein Kernkraftwerk in der Grösse von Leibstadt bauen wollen, müssen Sie im Voraus zehn Milliarden Franken auf den Tisch legen. Nicht zuletzt wegen hoher Sicherheitsanforderungen. Zwar kann man die Investitionen über 30 oder 40 Jahre amortisieren, aber niemand weiss, ob dann die Technologie noch konkurrenzfähig ist. Deshalb würde in der Schweiz derzeit keiner eins bauen, selbst wenn es rechtlich möglich wäre.

Wieso werben dann alle paar Wochen bürgerliche Politiker für eine Renaissance der Atomkraft? 

Dass jemand in den nächsten Jahren in der Schweiz in ein AKW investiert, ist nach heutigem Stand ausgeschlossen. Das wissen auch diese Politiker. Es geht also vor allem darum, diese Diskussion am Leben zu halten, weil sich die Situation in zehn Jahren vielleicht verändern könnte. Auch ich finde, dass man aufgeschlossen sein sollte für die mittlere bis längerfristige Zukunft, also ab 2040. Vielleicht bewahrheiten sich ja die Hoffnungen für die Nuklearenergie der neusten Generation, die viel sicherer sein soll, aber bisher erst im Labor existiert. Damit sowas in der Schweiz Chancen bei einer Volksabstimmung hätte, bräuchte es sicherlich erstmal anderswo einen störungsfreien Betrieb von mindestens zehn Jahren.

Ein neues AKW käme also auf jeden Fall zu spät?

Es ist schwer vorstellbar, dass ein solcher Bau hierzulande vor 2050 realisiert werden könnte. Und dann ist man, inklusive Rückbau, für 70 Jahre an diese Technologie gebunden. Das ist viel zu weit in der Zukunft, um darin die Lösung heutiger Probleme zu sehen – im gesamten mitteleuropäischen Raum. 

Also auf Solarenergie fokussieren. Weshalb kommt das nicht schneller voran?

Bei Privaten muss es passen, das ist nicht immer ganz leicht. Und bei grösseren Projekten gibt es nicht nur viele Widerstände, wir müssen auch zusehen, dass die notwendige Infrastruktur fürs Stromnetz zur Verfügung steht.

Das heisst?

Das Stromnetz muss im Sommer etwa mit den Überkapazitäten tagsüber klarkommen, also müssen die rund 800 lokalen Elektrizitätswerke das Verteilnetz ausbauen. Hauptproblem ist aber die Trägheit des Systems, weil es komplex ist, so viele Akteure bei der Infrastruktur involviert sind und so viele kleine Zahnräder nicht nur bewegt, sondern gut aufeinander abgestimmt werden müssen. Und das auch noch international. Aber wir hätten  in der Schweiz das Potenzial, mit Solarenergie rund 30 Terawattstunden dazuzubauen.

Und wo am besten?

Gebäudedächer sind eine gute Sache. Ordentlich was bringen würden alpine Anlagen auf etwa 2000 Metern Höhe. Anders als im Mittelland lässt sich dort im Winter fast so viel Strom generieren wie im Sommer. Doch das bedingt nicht nur hohe Investitionen, es gibt auch grosse Widerstände von Umweltverbänden wegen des Landschaftsbilds. Ideal wäre, wenn man dort bauen würde, wo schon Stauseen sind, denn da gibts die notwendigen Leitungen bereits.

Solarstromanlage in Felsberg GR. (Bild: Getty Images/EyeEm)

Solarstromanlage in Felsberg GR. (Bild: Getty Images/EyeEm)

Oft bekämpfen sich hier Natur- und Klimaschützer, und beide haben irgendwie recht. Gibt es eine gute Lösung?

Ein gangbarer Kompromiss wäre wohl, gewisse Bereiche im Land für erneuerbare Energie zu reservieren und den ganzen Rest unberührt zu lassen. Man müsste sich nur einig werden, welche Landschaften man quasi für die Stromgewinnung opfert. Diese Diskussion läuft auch schon, es gibt Umweltverbände, die diese Idee stützen, aber auch lokal verwurzelte, die sie ablehnen. Es ist eine Art Mediationsprozess.

Würde ein Stromabkommen mit der EU helfen?

Es wäre ein sehr wichtiger Baustein. Gerade für die wenigen Stunden im Winter, die wir in Mangellagen abdecken müssen. Ich hoffe, da findet sich in den nächsten Jahren eine gute Lösung.

Bräuchte es generell mehr internationale Kooperation?

Ja. Das betrifft nicht nur den Bau von Leitungen und Stromerzeugungsanlagen, sondern auch den Umstieg von fossilen auf erneuerbare Brennstoffe. Es macht sich etwa politisch gut, in der EU ab 2035 keine neuen Benzinautos zuzulassen, wie es kürzlich das EU-Parlament beschlossen hat. Man kann so Entschlossenheit demonstrieren. Nur: Woher kommt der Strom für all die Elektroautos?

Notfalls dann halt aus Kohlekraftwerken…

… was natürlich völlig absurd wäre. Aber angesichts der Widerstände gegenüber den Wind- und Solarprojekten müssen wir aufpassen, dass wir den Umstieg von fossilen Energien nicht zu sehr forcieren, bevor wir eine saubere Lösung für die Produktion des dafür benötigten zusätzlichen Stroms haben. Der Umstieg muss graduell und gekoppelt erfolgen. Und Autos zu elektrifizieren ist das eine, Verkehrsflugzeuge und Frachtschiffe wird man mit Batterien aber nicht betreiben können, dafür wären sie viel zu gross und schwer.

Was ist die Lösung?

Brennstoffe aus erneuerbaren Quellen wie synthetisches Kerosin, Methanol oder synthetischer Diesel. Sie basieren auf Wasserstoff, werden mit Elektrizität hergestellt und müssen dort produziert werden, wo der Strom besonders günstig ist – an Orten mit viel Sonne oder Wind wie im Nahen Osten, in Afrika oder Südamerika. Deshalb sind internationale Kooperationen wichtig.

Gibt es die Technologie dafür schon?

Ja, aber erst im kleinen Massstab. Und dann braucht es entsprechende Geschäftsbeziehungen und langfristige Verträge mit diesen Ländern. Idealerweise in einer Form, die bei ihnen vor Ort Wertschöpfung generiert, von der möglichst viele profitieren. Es gibt erste Pilotprojekte von grossen Energiefirmen. Wenn wir das clever machen, wird das die Situation in weniger als 20 Jahren bahnbrechend verändern. Die Schweiz könnte dann bei einer Strommangellage dezentrale Blockheizkraftwerke damit betreiben, und die Industrie könnte Hochtemperaturwärme daraus beziehen. Die Herausforderungen sind die Produktion im grossen Stil und der Preis. Zudem braucht es beträchtliche Investitionen.

Von wie viel Geld reden wir hier?

Die Energiebranche investiert weltweit jährlich drei bis vier Billionen Dollar nur in die Produktions- und Verteilungsinfrastruktur. Man müsste aber auch bestehende Anlagen abschreiben und gleichzeitig die Finanzierung für neue Anlagen aufbringen. Das wird teuer.

Was kann jeder von uns tun, um Energie effizienter und sauberer zu nutzen?

Darauf achten, was man wie konsumiert und vor allem wie viel. Es kommt nicht nur drauf an, ob ich ein Elektroauto fahre, sondern was für eins und wie viele Kilometer ich im Jahr damit zurücklege. Es geht darum, bewusster zu konsumieren. Aber man selbst kann tatsächlich nur kleine Schritte machen.

Helfen solche kleinen Beiträge denn überhaupt? Braucht es nicht die grossen Länder der Welt, um wirklich etwas zu bewirken?

Jeder Beitrag zählt, auch die kleinen. Ausserdem täuscht der Blick auf die Länder: Aktuell verursachen China, die USA, die EU, Japan und Russland den grössten CO2-Ausstoss. Aber wir stossen seit 1850 CO2 aus, das sich noch immer in der Atmosphäre befindet. Und schaut man das historisch an, ändert sich die Reihenfolge: USA, Grossbritannien, Deutschland und Japan. Der Westen hat sein Budget also schon längst überschritten, um die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu beschränken. Wir haben den Entwicklungsländern quasi die Luft abgeschnitten und tragen dafür eine historische Verantwortung. Das kann man sogar beziffern: Zum aktuellen Preis von nur 50 Euro pro Tonne CO2 schulden wir diesen Ländern 80 Prozent unsere Bruttoinlandprodukts, etwa 30 Trillionen Dollar.

Sind Sie halbwegs optimistisch, dass wir die Kurve noch kriegen?

Ich fürchte, es wird schwierig. Das Problem ist erkannt, die Politik bemüht sich, auch viele Unternehmen haben begonnen, auf klimaneutrales Wirtschaften umzustellen. Aber wenn gewisse Staaten nicht mitmachen, besteht die Gefahr, dass andere Unternehmen auf diese Länder ausweichen und weitermachen wie bisher. Die Frage ist, ob wir es wirklich schaffen, schnell genug eine weltweite Kooperation aufzugleisen, und zwar technologisch und finanziell.

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