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M-Check

Was braucht es, damit einem Tier wohl ist?

Die Migros bewertet bei ihren Produkten das Tierwohl – mit 1 bis 5 Sternen. Wie kommt diese Bewertung zustande? Experte Tobias Küng erklärt die Hintergründe.

Text Ralf Kaminski
Hühner brauchen Platz und Auslauf, weil sie soziale Tiere sind, die gerne interagieren und Hierarchien bilden. (Bild: Getty Images)

Hühner brauchen Platz und Auslauf, weil sie soziale Tiere sind, die gerne interagieren und Hierarchien bilden. (Bild: Getty Images)

Wann fühlt ein Tier sich wohl?

Je mehr seine Umgebung den natürlichen Verhaltensmustern und Bedürfnissen entspricht, desto wohler fühlt es sich – etwa auf einer Wiese oder in einem Wald.

Was bedeutet das für Kühe, Schweine und Hühner?

Sie brauchen möglichst viel Platz zur freien Bewegung, denn sie alle sind soziale Wesen, die gerne interagieren und untereinander Hierarchien bilden. Wichtig ist auch Tageslicht. Im Grunde fühlen sie sich unter gleichen Bedingungen wohl wie wir: Es sollte hell und trocken sein und ein angenehmes Klima herrschen. Für Jungschweine bedeutet das zum Beispiel warme Temperaturen, während ausgewachsene Kühe sich auch bei minus 10 Grad wohlfühlen.

Entsprechen 5 Sterne im M-Check solchen idealen Bedingungen?

Wir bewerten eine Nutztierhaltung. Diese Tiere fühlen sich dabei zwar wohl, aber sie sind unfreiwillig in dieser Umgebung und nicht in der freien Natur, wo sie machen können, was sie wollen. 5 Sterne bekommen Labelprodukte mit dem höchsten Standard in der Schweiz. Diese Labels leisten grosse Mehrarbeit für das Tierwohl und werden auch regelmässig gut kontrolliert. Die Tiere können dort viele ihrer natürlichen Bedürfnisse ausleben, sie können auch mal draussen im Regen stehen oder die Sonne geniessen, sie können ihrem Spieltrieb nachgehen und in sozialen Strukturen leben.

Man kann also ein 5-Stern-Produkt mit gutem Gewissen kaufen?

Ja, hier bieten Bäuerinnen und Bauern viel Tierwohl, und die Umsetzung wird kontrolliert.

Entsprechend schlecht erging es Tieren also bei einem Stern?

Das wäre eine zu absolute Einschätzung. Wir machen unsere Bewertung anhand von Dokumenten und Richtlinien. Leider haben wir zu gewissen Herkünften ungenügende Informationen – dann vergeben wir einen Stern. Wie genau es den Tieren dabei geht, wissen wir nicht.

Woher wissen Sie, ob Ihre Bewertungen der Realität entsprechen?

Bei vielen Programmen und Labels wird die Umsetzung dieser Richtlinien durch unabhängige Organisationen kontrolliert. So haben wir ein klares Bild von der Realität. Deshalb hat bei der Sterne-Bewertung die Zahl der unabhängigen Kontrollen auch ein hohes Gewicht.

Tobias Küng (36) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Zollikonfen BE und zuständig für die Berechnung des M-Checks beim Tierwohl.

Tobias Küng (36) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Zollikonfen BE und zuständig für die Berechnung des M-Checks beim Tierwohl.

Wie entsteht die Sternebewertung?

3 Sterne gibt es für jene Programme aus der Schweiz oder dem Ausland, die mindestens dem Niveau der Schweizer Tierschutzgesetzgebung entsprechen. Die ist im internationalen Vergleich auf hohem Niveau und garantiert minimale Standards. Eine tiefere Bewertung entsteht aufgrund von einer mangelhaften Dokumentation oder wegen effektiv weniger weit gehenden Vorgaben. 4 und 5 Sterne bieten dann unter anderem Mehrwerte im Stall, im Auslauf und auf der Weide.

Wem das Tierwohl wichtig ist, der sollte also darauf achten, Fleisch aus der Schweiz zu kaufen?

Das kann man so nicht sagen. In der Schweiz und im Ausland weisen verschiedene Label gute Bewertungen auf. Fakt ist, dass bei Fleisch aus der Schweiz durch die Tierschutzgesetzgebung ein gewisser staatlicher Mindeststandard garantiert ist. Natürlich gibts Verstösse, aber die werden auch entdeckt und führen zu Sanktionen. 

Und wie machen Sie diese Abstufungen im Detail?

Das ist nicht so leicht und entwickelt sich stetig weiter. Grundsätzlich bestimmen wir konkrete Bereiche, die wir anschliessend aufgrund unterschiedlicher Kriterien bewerten und gewichten – etwa Haltung, Transport und neu auch Schlachtung. Kontrollen werden dabei wie gesagt immer hoch gewichtet. Zu Beginn haben wir bei der Bewertung der Situation von Schweinen 15 Kriterien bewertet, inzwischen arbeiten wir an einem Raster mit rund 40; wir gehen also viel stärker ins Detail. Die Herausforderung ist es, für die Sternebewertung ein Raster zu finden, das fair ist und die Unterschiede sinnvoll abbildet. Das ist ein laufender Prozess. Und natürlich wird es nie ein perfektes Rating geben, aber wir machen das, soweit möglich, aufgrund wissenschaftlicher Kriterien nach bestem Wissen und Gewissen.

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Der Bratspeck der IP Suisse wird am meisten verkauft.

Zum Beispiel Bratspeck

Wer im Migros-Regal nach Bratspeck sucht, findet drei Sorten mit drei verschiedenen Sternebewertungen beim Tierwohl: Bio Bratspeck (Fr. 3.35), 5 Sterne; IP Suisse Bratspeck (Fr. 2.45), 4 Sterne; M-Budget Bratspeck (Fr. 1.80), 3 Sterne. Was heisst das konkret für die Situation der Tiere?

«Beim M-Budget-Produkt werden die Mindestanforderungen der Tierschutzgesetzgebung eingehalten», erklärt Tobias Küng. «Die Schweine hatten also nicht zwingend Auslauf im Freien und nur ein bisschen Beschäftigung.» Pro Tier stehen mindestens 0.9 Quadratmeter Platz zur Verfügung. Bei IP Suisse sind es 1.25, bei Bio 1.65 Quadratmeter. Die Bio-Produktion unterscheidet sich aber auch beim Einsatz von Medikamenten und Zusatzstoffen oder der Herkunft des Futters – daher der höhere Preis.

«Der Unterschied beim Tierwohl ist bei diesen beiden Labeln relativ klein – IP Suisse hat die 5 Sterne knapp verpasst, Bio knapp erreicht.» Das Niveau ist laut Küng bei beiden hoch. «IP Suisse- und Bio-Schweinemastställe haben zum Beispiel einen eingestreuten Liegebereich und einen frei zugänglichen Laufhof. Bei Bio ist die Fläche etwas grösser, zudem gibt es beim Futter auch Heu oder frisches Gras.» 

Von den drei Sorten pro Jahr am meisten verkauft wird IP Suisse (56 Prozent), gefolgt von M-Budget (37 Prozent). Der Bio Bratspeck macht knapp 7 Prozent aus.

Bratspeck in der Migros

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