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Landwirt Gabriel Ruckli

Wovor haben Landwirte am meisten Angst?

Gabriel Ruckli übernimmt bald den Hof seines Vaters, gemeinsam mit seiner Schwester. Wie der junge Bauer lebt, wie viel er arbeitet und was er ändern will.

Text Ralf Kaminski, Rüdi Steiner
Fotos Paolo Dutto
Datum
Gabriel Ruckli auf einem der Felder seines Hofs.

Gabriel Ruckli auf einem der Felder seines Hofs.

Sind Sie gerne Bauer?

Oh ja, mit Leidenschaft, es ist mein Traumberuf. Aber ich bevorzuge den Begriff Landwirt. Eine Pflegefachfrau wird ja heute auch nicht mehr Krankenschwester genannt. 

Weshalb sind Sie gerne Landwirt?

Er ist sehr vielseitig, und man ist sehr selbständig, ich arbeite mit der Natur und mit Tieren. Zudem werden Nahrungsmittel immer gebraucht. Und ich geniesse es, in dieser wunderschönen Landschaft zu leben.

Wie sind Sie zum Beruf gekommen?

Ich bin hier auf dem Hof aufgewachsen und habe immer mitgearbeitet. Unsere Eltern haben uns immer machen lassen, was uns interessiert hat, so hatte ich schon früh eigene Schafe und konnte über einiges mitentscheiden. 

Wenn Sie sich morgen einen neuen Job suchen müssten, was wäre das?

Bauingenieur. Im Herbst starte ich ein Teilzeit-Studium – nicht, weil ich mich in diese Richtung weiterentwickeln will, sondern weil es auf dem Hof immer wieder etwas zu bauen gibt und ich mehr über die technischen Aspekte lernen möchte.

Ein Hof mit vielen Schweinen

Gabriel Ruckli (25) ist auf einem Bauernhof in Sulz LU hoch über dem Baldeggersee aufgewachsen. Nach der Matura hat er an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften in Zollikofen BE Agronomie studiert. Anfang 2023 wird er den Hof gemeinsam mit seiner Schwester übernehmen, ebenfalls eine Agronomin. Auch Rucklis Freundin ist Landwirtin und lebt in Belgien.

Auf Hof, der nach dern IP-Suisse-Richtlinien bewirtschaftet wird, leben 120 Muttersauen mit ihren Ferkeln. Die meisten werden an andere Mäster verkauft, der Rest auf dem Hof gemästet. Zudem bauen die Rucklis auf ihren 25 Hektaren auch einen Teil des Futters für die Tiere selbst an und sorgen für Biodiversitätsflächen. Daneben haben sie noch ein paar Schafe, Gänse, Hühner, Enten, Bienen, zwei Pferde, zwei Katzen und einen Hund. 

Welches Vorurteil von Städtern ärgert Sie am meisten?  

Dass wir zu wenig innovativ sind. Viele bekommen einfach nicht mit, was in der Schweizer Landwirtschaft alles läuft und wie viele Innovationen inzwischen im Einsatz stehen. Viele Landwirtinnen und Landwirte aus meiner Generation bilden sich stetig weiter, um sich auf dem Laufenden über neuste Entwicklungen zu halten. Auf unserem Betrieb wird die Schweinehaltung dadurch stets nachhaltiger – also mehr Tierwohl bei geringer Arbeitsbelastung und reduzierten negativen Umweltwirkungen. 

Braucht man als Bauer eine Ehefrau? 

Für die Arbeit definitiv nicht – meine Mutter ist Physiotherapeutin und hat ihr eigenes Geschäft. Aber fürs Privatleben ist eine Familie natürlich etwas Schönes. Mir ist aber wichtig, dass auch meine Freundin ihrer eigenen Leidenschaft folgen kann.

Gucken Sie «Bauer, ledig, sucht»?  

Nein, ich schaue sowieso fast gar nicht fern.

Wann stehen Sie auf?

Zwischen 5.30 und 5.45 Uhr.

Wann gehen Sie ins Bett?

Etwa 22.30 Uhr. 

Wie lange dauert der Arbeitstag?

Im Normalfall von 6 bis 17.30 Uhr, mit Essenspausen. Aber ich bin abends noch oft am Lesen und Recherchieren für Weiterentwicklungen auf dem Hof, in letzter Zeit etwa zum Herbizidverzicht im Ackerbau. Hobby und Beruf sind bei mir sehr vermischt.

Ist das Wochenende frei?

Nein, da arbeiten wir gleich wie immer, der Sonntag ist etwas ruhiger.

Wann waren Sie zum letzten Mal krank? 

Schon so lange nicht mehr, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann.

Wieviel hat Ihre teuerste Maschine gekostet? 

Rund 100’000 Franken. Das war unser Traktor, den wir vor 12 Jahren gekauft haben.

Brauchten Sie dafür einen Kredit?

Nein, solche Anschaffungen werden im Voraus geplant.

Welche Maschine auf Landwirtschaftsbetrieben finden Sie überflüssig oder überschätzt? 

Allgemein zu viele Maschinen. Das könnte man anders lösen, ist aber je nach Betrieb nicht immer so einfach.

Stehen Ihre Zäune tatsächlich unter Strom?

Ja, bei den Schafen und den Pferden.

Was, wenn man sie trotzdem berührt? 

Dann bekommt man einen kleinen Zwick. Das ist nicht weiter schlimm, aber es hält die Tiere ab, ihre Weide zu verlassen.

Haben Sie ein Lieblingstier auf dem Hof? 

Die Schweine. 

Ein bestimmtes Schwein?

Nein, ich habe sie alle gern.

Haben sie Namen?

Nein, nur Nummern und elektronische Chips. Aber die Muttersauen, die rund sechs Jahre bei uns leben, kann ich alle voneinander unterscheiden, ich arbeite ja täglich mit ihnen. Die sind so individuell wie Menschen, charakterlich und vom Aussehen her. 

Sterben die dann eines natürlichen Todes?

Ganz selten, normalerweise gehen sie ins Schlachthaus.

Essen Sie die Tiere, die Sie aufziehen? 

Ja, sehr gerne.

Das ist emotional kein Problem?

Gar nicht, im Gegenteil. Ich weiss, dass die Tiere, die bei uns auf den Teller kommen, ein schönes Leben hatten. 

Wie viel Fleisch essen Sie?

Eigentlich täglich. Aber als ich während des Studiums in Bern gelebt habe, habe ich mich unter der Woche meist vegetarisch ernährt.

Welche Pflanzenschutzmittel verwenden Sie?

Wir nutzen einzig noch Herbizid, haben es aber seit letztem Jahr um 50 Prozent reduziert, dank verstärkter mechanischer Unkrautbekämpfung. Nächstes Jahr wollen wir ganz ohne auskommen. Wir halten uns dabei an die Auflagen von IP-SUISSE: so wenig wie möglich, so viel wie nötig. 

Welches ist der beste Moment des Tages? 

Wenn ich abends die Stalltüre schliesse und weiss, dass alle Schweine zufrieden sind. 

Wovor haben Bauern am meisten Angst? 

Vor dem Preisdruck. Es gibt viele Auflagen, was in Ordnung ist. Aber die müssten auch finanziert werden, und das ist momentan nicht der Fall. Einige geben daher ihren Hof auf, weil es finanziell einfach nicht mehr aufgeht.

Wieso schliesst man sich nicht zusammen und hält dagegen?

In Holland ist das kürzlich passiert. Die Frage ist, wer am Ende den längeren Atem hat – und das sind hierzulande dann wohl schon Migros und Coop.

Wie müssen Sie sich weiterentwickeln, damit Ihr Hof und Ihre Branche eine Zukunft haben?

Wir müssen die Landwirtschaft nachhaltig weiterentwickeln. Das heisst negative Umweltwirkung reduzieren, mehr Tierwohl, akzeptable Arbeitsverhältnisse und faire Preise.

Die Rucklis bewirtschaften einen idyllisch gelegenen Hof im Kanton Luzern.

Die Rucklis bewirtschaften einen idyllisch gelegenen Hof im Kanton Luzern.

Was wünschen Sie sich von den Konsumentinnen und Konsumenten?

Dass sie ihren Lebensstil stärker danach richten, was hierzulande angebaut und produziert werden kann. Mehr Randen und Kohl, weniger Avocados. Schön wäre auch, wenn ihnen die ganzen Zusammenhänge rund um landwirtschaftliche Produktion von Nahrungsmitteln besser bewusst wären.

Finden Sie, dass Sie für Ihre Produkte den richtigen Preis bekommen?  

Nein, definitiv nicht.

Wieviel zu wenig?

Im Moment ist es sehr schwierig. Wir bekommen 55 bis 70 Franken für ein Ferkel, gut wären 160 bis 200 Franken. Wir legen also drauf und müssen froh sein, dass wir unsere Schweine überhaupt noch verkaufen können.

Weshalb ist die Lage gerade so schwierig?

Aufgrund von Marktversagen und Überproduktion gibt es momentan zu viele Schweine.

Wieviele Direktzahlungen bekommen Sie pro Jahr? 

Wir bekommen Geld für ökologische Leistungen wie Biodiversitätsflächen, Ressourcenschutzprogramme und fürs Tierwohl. Zahlen möchte ich aber nicht nennen, die können leicht ein falsches Bild geben. Und im Grunde brauchts diese Zahlungen nur, weil die Bereitschaft fehlt, im Laden etwas mehr zu bezahlen – also werden diese Leistungen indirekt aus den Steuern finanziert.

Sind Landwirte im Schweizer Parlament übervertreten?  

Nein, im Gegenteil. Die Leute, die tatsächlich in der Landwirtschaft arbeiten, sind zu wenig vertreten.

Bauern jammern gerne, heisst es immer. Wann haben Sie zum letzten Mal gejammert und worüber? 

(lacht) Gerade eben über die Preise. Ansonsten eigentlich nicht so viel, finde ich. 

Entweder oder

Fussball oder Schwingen?
Fussball

Huhn oder Ei?
Huhn

Sommer oder Winter?
Sommer

Wald oder Wiese?
Wiese

Migros oder Landi?
Migros

Wann und wo waren Sie zum letzten Mal in den Ferien?

Ich besuche regelmässig meine Freundin in Belgien. Aber Ferien sind das nicht ganz, weil wir dann zusammen auf ihrem Milchziegenbetrieb arbeiten. Das letzte Mal so richtig Ferien habe ich 2021 während meines Austauschsemesters in Finnland gemacht. Da habe ich den eisigen Winter genossen. Ab und zu nehme ich mir aber tageweise frei und gehe in die Berge wandern.

Hätten Sie gerne mehr Ferien?

Nein, ich habe Freude an der Landwirtschaft und vermisse Ferien nicht.

Schauen Sie Netflix?

Nein. Das einzige, was ich ab und zu schaue, sind Dokumentationen auf Arte.

Wann haben Sie das letzte Mal zum Vergnügen ein Buch gelesen?

Oh, das ist lange her – wenn, dann ein Sachbuch. Aber ich lese jeden Tag die NZZ.

Wofür geben Sie zu viel Geld aus? 

Ich gebe relativ wenig Geld aus. Dafür gibts oft grössere Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke, die aber fast immer etwas mit dem Hof zu tun haben. Etwa eine Kratzbürste für die Schweine oder ein Lenksystem für den Traktor, damit er präziser gesteuert werden kann.

Wofür würden Sie gerne mehr Geld ausgeben? 

Für unseren Betrieb hier. Wir installieren zum Beispiel im Herbst eine Solaranlage.

Taugen Bauernregeln etwas?  

Einige haben schon was. Es geht dabei ja um Erfahrungswerte bei Wetterphänomenen, und die sind tatsächlich oft ähnlich.

Welches ist die beste Wetter-App?  

Ich nutze immer SRF Meteo.

Was halten Sie vom Bauernkalender?  

Der interessiert mich nicht.

Was ist der Unterschied zwischen schlau und bauernschlau? 

Letzteres stellt mehr die Natur in den Mittelpunkt als den Menschen – schliesslich ist sie viel älter als wir. Beim Tierwohl könnte man zum Beispiel schauen, wie sich Schweine in der freien Wildbahn verhalten und die Haltung dementsprechend anpassen.  

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