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Hühner nicht nur für die Werbung rauslassen

Zufriedene Hühner mit viel Platz

Wenn es den Hühnern gut geht, erklingt von ihnen kurz vor der Nachtruhe im Stall ein vielstimmiges Summen. Jakob Eberhart, der in Schöfflisdorf ZH einen Biohof mit 1200 Legehennen betreibt, hört es jeden Abend. 

Text Ralf Kaminski
Fotos Paolo Dutto
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Nachmittagsspaziergang auf der riesigen Weide des Biohofs.

Bevor Jakob Eberhart den Stall betritt, klopft er erst mal höflich von aussen an die Tür. «Das machen wir immer, damit sie vorgewarnt sind.» Die Hühner auf der anderen Seite schauen sofort durch die Scheibe auf den 58-jährigen Landwirt – einige wirken neugierig, andere ziehen sich zurück. Als wir dann den Freilaufbereich des Stalls betreten, flüchten die meisten Hühner umgehend nach draussen oder in den abgetrennten Schlaf- und Futterbereich, je nach dem, was gerade näher ist. Schauen aber von dort aus schon bald interessiert auf den Bauern und die ungewohnten Gäste in ihren weissen Plastikschutzmänteln.

Und als Eberhart beruhigende Geräusche von sich gibt und beginnt, Körner auszustreuen, wagen sich viele wieder heraus und fangen an zu picken. Bis eins der Tiere kurz flattert, was sofort erneute Fluchtbewegungen und eine mächtige Staubwolke auslöst. «In der Natur sind Hühner vielen Gefahren ausgesetzt», erklärt der Biobauer, der auf seinem Hof in Schöfflisdorf inzwischen seit sieben Jahren Legehennen hält. «Deshalb flüchten sie lieber einmal zu viel als zu wenig.»

Hühner stehen gerne früh auf

Die 1200 Legehennen, die jeweils rund 15 Monate bei Eberhart leben und pro Tier und Woche sechs Eier legen, haben sehr viel Platz und Auslauf. Neben dem Freilaufbereich im Stall, einer Art Wintergarten, gibt es einen wettergeschützten Aussenbereich vor dem Stall mit Zugang auf eine 6500 Quadratmeter grosse Weide mit Gras und Bäumen. 

«Diesen Sommer waren sie kaum draussen, es war ihnen einfach zu heiss», sagt Eberhart. Der Stall hingegen war dank Zusatzbelüftung angenehm kühl. Doch jetzt im Herbst wird die Weide rege genutzt. Dutzende Hühner tummeln sich in Gruppen an verschiedenen Orten, scharren, picken – und beäugen nervös den Fotografen.

Die Anlage ist ausgeklügelt und weitgehend automatisiert. Die Zugänge zu den verschiedenen Bereichen öffnen und schliessen sich zu bestimmten Zeiten, das Futter wird mehrmals am Tag erneuert, die gelegten Eier werden von einem Band wegtransportiert. Die Hennen sitzen nachts im Stall erhöht auf Stangen, wachen um 3.30 Uhr auf, legen dann schon bald ihre Eier in die verdunkelten, höhlenartigen Nester und verbringen den Rest des Tages in der Herde auf der weitläufigen Anlage. Die Weide ist im Sommerhalbjahr ab dem späten Vormittag bis am Abend jederzeit frei zugänglich. Und auch im Winter haben sie Zugang zum wettergeschützten Bereich vor dem Stall.

«Sie leben so naturnah wie möglich», sagt Eberhart. Seine Frau und er schauen regelmässig zu den Tieren und streuen zweimal pro Tag Körner aus. «So können wir ihr Verhalten beobachten und sehen, ob alles in Ordnung ist.» Um 19 Uhr ziehen sich die Tiere wieder in den Schlafstall zurück.

Herden ticken unterschiedlich

Die Hühner kommen im Alter von 18 Wochen zu Eberhart, legen 15 Monate lang fast jeden Tag ein Ei und gehen dann zu einem kleinen Schlachter in der Region, der ihr Fleisch weiterverarbeitet und verkauft. Dann wird die ganze Anlage ausgiebig gereinigt, nach drei Wochen kommen 1200 Junghennen, und alles beginnt von vorn.

Jakob Eberhart verteilt zweimal am Tag Körner, um zu sehen, wie es den Tieren geht.

Jakob Eberhart verteilt zweimal am Tag Körner, um zu sehen, wie es den Tieren geht.

Einzelne Hühner könne er nicht voneinander unterscheiden, sagt Eberhart. «Das ist nicht wie bei Kühen.» Aber die Herden hätten unterschiedliche Charaktere. «Es gibt ängstlichere und mutigere, solche, die schneller oder langsamer lernen.» Mit der aktuellen, die er seit über sechs Monaten hat, ist er recht zufrieden. Daneben hat er auch noch ein paar Schafe, baut Getreide, Gemüse und Beeren an. Die Produkte verkauft er im eigenen Hofladen, den Löwenanteil der Eier über die Migros.

Und alles in Bioqualität. «Nicht nur die Tierhaltung, der ganze Hof muss bio sein», erklärt er. Das bedeutet strenge Auflagen bezüglich dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, klare Vorgaben beim Futter für die Tiere, beim Platz und beim Auslauf. Einmal pro Jahr kommt jemand vom Schweizerischen Tierschutz unangekündigt für eine Kontrolle vorbei. Neben seiner Frau helfen auch die vier Kinder regelmässig mit, und einer der beiden älteren Söhne wird den Hof mutmasslich später übernehmen.

Bald kommt das Zweinutzungshuhn

Rund ein Viertel der in der Migros verkauften Eier werden auf Bio- oder Demeterhöfen gelegt. Alles andere sind Freilandeier, die meisten aus der Schweiz, ein paar wenige importiert. Neu sollen ab 2026 die männlichen Bio-Küken nicht mehr getötet, sondern ebenfalls für die Fleischproduktion aufgezogen werden. Derzeit finden deshalb Versuche mit so genannten Zweinutzungshühnern statt.

«Bisher wurden Hühner entweder fürs Eierlegen oder für die Mast gezüchtet, künftig sollen die gleichen Tiere für beides genutzt werden», erklärt Paul Küchler (54), bei der Migros-Industrie im Bereich Eierbeschaffung tätig. In den Genossenschaften Zürich und Luzern gibt es seit Ende August erste Eier von solchen Hühnern in der Migros zu kaufen – für einen leicht höheren Preis, weil diese Tiere weniger Eier legen und gleichzeitig die Mast teurer ist. 

Auch Jakob Eberhart ist darauf vorbereitet, künftig mit diesen Hühnern zu arbeiten, weiss aber noch nicht, wann genau der Wechsel kommt. Und vorerst hat er mit seiner aktuellen Herde genug zu tun. Woran erkennt er, dass die Tiere sich auch tatsächlich wohlfühlen? Nicht zuletzt am Abend vor der Nachtruhe. Da gehen im Stall nach und nach die Lichter aus, sogar ein Sonnenuntergang wird simuliert, indem die Leuchtstoffröhren während einer halben Stunde runterdimmen bis es ganz dunkel ist. «Und dann erklingt im Stall ein vielstimmiges, gesangsähnliches Summen von den Tieren – ein klares Zeichen, dass sie sich wohlfühlen.»

Nur gerade einmal in sieben Jahren habe er dieses Summen nicht gehört, erzählt Eberhart. «Wohl wegen Magenproblemen.» Woher die kamen, war jedoch unklar. «Aber ich habe mich mit einem Futterspezialisten ausgetauscht, und wir haben kleine Anpassungen vorgenommen.» Nach drei Tagen war das Summen zurück.

Diese Eier gibt es in der Migros

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