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Politologe Markus Freitag

«Gefühle spielen in der Politik fast immer eine Rolle»

Der Politikwissenschaftler Markus Freitag erklärt, warum Wutbürger ganz anders ticken als Ängstliche, emotionale Entscheide einen schlechten Ruf haben – und Abstimmen eigentlich irrational ist.

Text Ralf Kaminski
Angst, Wut und Ekel haben auch einen Einfluss auf das politische Verhalten.

Angst, Wut und Ekel haben auch einen Einfluss auf das politische Verhalten.

Sie haben untersucht, wie sich Gefühle gegenüber bedrohlichen Situationen politisch auswirken. Ticken Wutbürger anders als Ängstliche?

Sehr anders sogar. Die Ängstlichen versuchen, mit Hilfe von Informationen die Unsicherheit zu reduzieren – die Anfänge der Coronapandemie sind ein gutes Beispiel hierfür. Viele von uns verfolgten plötzlich intensiv die Medien und hörten den Experten zu, um zu erfahren, was sie nun am besten tun sollen. Ängstliche sind bereit, frühere Positionen aufzugeben und sich anzupassen, um ihre Sicherheit zu erhöhen.

Und die Wütenden?

Für sie ist die Bedrohung etwas, das ihren Lebensalltag durcheinanderbringt, obwohl sie eigentlich kontrollierbar wäre. Dass stattdessen Normen ausser Kraft gesetzt werden, macht sie wütend, weil sie ihr Leben nicht mehr wie gewohnt leben können. Sie beharren auf ihrer Meinung und sind nicht bereit, diese mit neuen Informationen anzupassen. Stattdessen möchten sie die Bedrohung so rasch wie möglich ausschalten und suchen Sündenböcke für das Problem. Anders als die Ängstlichen neigen sie auch eher zu einem risikofreudigen Verhalten – stellten zum Beispiel während der Pandemie die Schutzmassnahmen eher infrage. Die Ängstlichen neigen zur Flucht, die Wütenden zum Angriff.

Und was heisst das nun politisch?

Unsere Umfragen und Experimente zeigen, dass die Wütenden politisch eher populistische Einstellungen zeigen und mitunter eine Autokratie der Demokratie vorziehen würden. Für die Wütenden ist das aktuelle Herrschaftssystem Teil des Problems, sie glauben, dass ihre bevorzugte Art zu leben auf autokratische Weise schneller wiederhergestellt werden kann. Und sie sind nicht nur elitenkritisch, sie unterteilen auch stark in Gut und Böse. Während die Ängstlichen klar die Demokratie bevorzugen und bei einer Autokratie noch viel Schlimmeres befürchten. Sie trauen der Demokratie auch eher zu, die Bedrohung zu lösen, weil sie offen sind, sich zu informieren.

Ängste wirken demokratiefördernd?

Dieses Muster lässt sich in der Mehrheit der sechs Länder erkennen, die wir untersucht haben – neben der Schweiz sind dies Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Grossbritannien. Wutbürger hingegen gefährden die Demokratie, weil sie gegen das politische Establishment und die Institutionen aufbegehren. Die Ängstlichen sehen das Problem eher bei den Regelbrechern in der Bevölkerung, die nicht in ausreichendem Mass zur Sicherheit beitragen.

markus-freitag

Der Politikwissenschaftler

Markus Freitag (54) ist Direktor am Institut für Politikwissenschaft und Professor für politische Psychologie an der Universität Bern. Er wuchs im Schwarzwald auf, seit 2012 hat er beide Staatsbürgerschaften. Freitag wohnt in Zürich, ist verheiratet und hat zwei Kinder (15 und 18).

Sie haben auch über Ekel geforscht, wie wirkt der sich aus?

Ähnlich wie die Wut. Aber Ekel ist auch ein Mechanismus, der uns zum Beispiel vor Krankheiten schützt: Er verhindert, dass wir uns Dingen nähern, die schädlich für uns sind. Unsere Studien zeigen, dass Leute, die sich generell schneller und stärker ekeln, mit höherer Wahrscheinlichkeit dazu neigen, autoritäre Positionen einzunehmen. Sie fühlen sich eher bedroht und stellen die kollektive Sicherheit über die individuelle Freiheit. Die Demokratie und unbeschränkte Selbstentfaltung bergen für sie zu viele Unsicherheiten – sie setzen lieber auf starke Führungsfiguren und Traditionen. Aber Vorsicht, wir reden hier von Wahrscheinlichkeiten. Nicht jeder, der zu Ekel neigt, tickt automatisch so.

Derzeit häufen sich die bedrohlichen Situationen: Pandemie, Krieg, möglicher Strommangel, Klimawandel. Spielen Gefühle aktuell eine dominierende Rolle in der Politik?

Ja, denn oft sind das stresshafte Situationen, in denen standardisierte Verfahrensabläufe nicht mehr greifen. Die Unsicherheit und Bedrohung sind gross, manchmal muss rasch entschieden werden. Für rationales Abwägen fehlt schlicht die Zeit. Gefühle kommen derzeit aber noch auf anderen Wegen ins Spiel.

Wodurch?

Wir befinden uns nicht nur im Zeitalter der Bedrohungen, sondern auch im Zeitalter der Befindlichkeiten. Viele setzen sich selbst und ihre eigenen Gefühle ins Zentrum, bestehen darauf, dass man entsprechend Rücksicht nimmt, und werden wütend, wenn dies nicht geschieht. Was jene, die das anders sehen, sofort die emotionale Gegenposition einnehmen lässt. Rationales Abwägen wird zudem schwieriger, weil alle Fakten mit «alternativen Fakten» gekontert werden. Diese Verunsicherung öffnet eine weitere Tür für Emotionen.

Warum haben Gefühle in der Politik einen schlechten Ruf?

Das Ideal ist eben das wohl durchdachte, gut abgewogene Urteil – emotionale Entscheide werden eher belächelt oder gelten gar als suspekt. Und das obwohl es fast immer ein Mix ist: Politische Entscheide werden nie komplett rational oder allein aus dem Bauch gefällt.

Weshalb dann das Misstrauen gegenüber Gefühlsentscheiden?

Das haben wir zu einem grossen Teil der Aufklärung zu verdanken. Im 18. Jahrhundert wurde die Vorstellung etabliert, dass wir nicht impulsiv entscheiden, sondern nachdenken und analysieren sollten. Nur eine sorgfältig abgewogene Entscheidung ist eine gute Entscheidung, der Verstand wichtiger als das Herz. Es hat aber auch mit dem erfolgreichen Populismus der letzten Jahre zu tun – dadurch entstand der Eindruck, dass sich das Volk von Demagogen, die mit Gefühlen spielen, leicht verführen lässt.

Führen emotionale Entscheidungen zu problematischeren Ergebnissen?

Das lässt sich schwierig beurteilen, weil eben Herz und Verstand bei Entscheiden gleichermassen zum Einsatz kommen. Gefühle steuern unsere Aufmerksamkeit, unsere Informationssuche und unsere Meinung.

Gibt’s Bereiche, wo sie wichtiger sind als der Verstand?

Bei Moralfragen, Weltanschaulichem oder Wertedebatten entscheidet man meist spontaner und von Gefühlen geleitet – und eben in bedrohlichen Situationen. Anders bei eher technischen Themen, etwa einer Abstimmung über Anpassungen bei der Verrechnungssteuer – da setzt man sich vielleicht intensiver mit den Argumenten auseinander, bevor man entscheidet.

Gab’s Schweizer Abstimmungen, wo letztlich Gefühle den Ausschlag gaben?

Ein passendes Beispiel scheint mir die Minarettinitiative von 2009. Zum Zeitpunkt des Volks-Ja, das zu einem Verbot von weiteren Minaretten führte, gab es in der Schweiz gerade mal vier – und es waren auch kaum weitere geplant. Rational betrachtet also kein wirkliches Problem. Aber das Minarett steht symbolisch für Islamisierung, eine vage Bedrohung, die viele emotional aufgewühlt hat. Wobei das Abstimmen schon an sich ein irrationaler Akt ist.

Warum das denn?

Weil weder Sie noch ich glauben, eine Abstimmung allein entscheiden zu können. Trotzdem verbringen wir bei einigen Vorlagen viel Zeit damit, uns einzulesen, um einen Entscheid zu treffen. Ein enormer Aufwand für etwas, das keinen direkten Gewinn abwirft. Wenn die Kosten aber den Nutzen übersteigen, sind die Irrationalen am Zug. Dass wir als rational denkende Menschen dennoch abstimmen, hat auch viel mit Emotionen zu tun.

Rechte und linke Populisten scheinen Wut und Angst gezielt zu schüren, in der Hoffnung, davon profitieren zu können. Eine erfolgversprechende Strategie?

Es ist ein Mittel, ihre Wählerschaft zu mobilisieren – die Rechtspopulisten würden heute kaum dort stehen, wo sie sind, wenn sie das nicht nutzen würden. Aber es reicht nur selten für Mehrheiten. Zudem zeigt unsere Forschung, dass es vor allem die Wut und nicht Angst ist, die zur Unterstützung des populistischen Lagers führt.

Lassen sich solche starken Gefühle politisch kontern? Oder haben es Politiker, die mit Gefühlen spielen, immer leichter als die anderen?

Es ist schwierig, wütende Menschen mit Vernunft zu überzeugen. Nur schon, weil sie andere Informationen meist gar nicht an sich heranlassen. Eine Mehrheit ist aber mit Vernunftappellen durchaus erreichbar, umso mehr als in Krisensituationen das Vertrauen in Experten eher steigt.

Wie kann man selbst sicherstellen, die richtige Balance zwischen Herz und Verstand zu finden?

Am besten hört man einfach auf die innere Stimme. Die Erfahrung zeigt, dass Menschen gerade in Extremsituationen intuitiv meist das Richtige tun. Ansonsten hilft es, vor wichtigen Entscheidungen eine Nacht darüber zu schlafen. Das beruhigt in der Regel überschäumende Gefühle.

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