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Kammerjägerin Anouk Ledermann

Der ersten Ratte sagte sie noch Sorry

Als Kind sprach Anouk Ledermann tagelang nicht mit ihrem Vater, weil er als Kammerjäger Ratten töten musste. Heute führt die Bielerin das Familienunternehmen in 4. Generation. 

Text Manuela Enggist
Fotos Franziska Frutiger
Datum
Ungeziefer müsse man leider oft töten, da sie  Krankheiten übertragen können, sagt Anouk Ledermann, Kammerjägerin in Biel. 

Ungeziefer müsse man leider oft töten, da sie Krankheiten übertragen können, sagt Anouk Ledermann, Kammerjägerin in Biel. 

Eigentlich liebt Anouk Ledermann Tiere über alles. Zuhause hält sie sich Hasen und Echsen, Ihr Freund machte ihr die grösste Freude, als er ihr zum Geburtstag einen Eintritt in den französischen Zoo «Parc de Beauval» schenkte. Als war Kind Mitglied stritt sich tagelang mit ihrem Vater, der Kammerjäger war, weil sie es nicht gut fand, dass er Ratten tötete. «Ich verstand nicht, warum es bei einigen Tieren okay war und bei anderen nicht», sagt sie. Es würde ja niemand einfach einen Hund umbringen. «Wiederum haben wohl die meisten von uns schon eine Fliegenklatsche in die Hand genommen. Wo ist die Grenze, fragte ich mich.» Und doch sitzt Anouk Ledermann an diesem Morgen im September am Tisch ihre Büros in der Bieler Altstadt.

An der Wand hinter ihr hängt ein Spinne aus Plüsch. Sie trägt einen grauen Einteiler, ihre schwarzen Haare sind zu einem langen Zopf gebunden. Anouk Ledermann führt als Kammerjägerin das Unternehmen Ledermann AG  wie einst ihr Urgrossvater, ihr Grossvater und ihr Vater vor ihr. Wenn sie über ihren Werdegang spricht, dann schüttelt sie oft ihren Kopf. Sie ist wohl selber überrascht, dass nun auch sie – neben anderem Ungeziefer wie Schaben, Lebensmittelmotten, Ameisen, Hornissen und Wespen – Ratten töten muss.

Vom Schmuck zum Ungeziefer

Angefangen hat alles mit einer Weiterbildung. Die gelernte Goldschmiedin absolvierte eine zur Uhrendesignerin, die ihr am Ende nicht wirklich gefiel. Andere Optionen mussten her. Sie begann als Gebäudereinigerin, putzte Büros und Treppen- häuser. Ihr gefiel die schwere ­Arbeit mit den Händen. «Mir macht es nichts aus, dreckig zu werden und strenge Arbeit zu ­erledigen.» Also habe sie ernsthaft darüber nachgedacht, eine weitere Lehre zu absolvieren. Bis ihr Vater auf sie zukam. «Er meinte, wenn schon eine weitere Ausbildung, dann solle ich mir doch überlegen, Kammerjägerin zu werden.» Zwei Wochen dachte sie darüber nach. «Ich musste herausfinden, ob ich es mir tatsächlich vorstellen konnte – für mich persönlich, und nicht, weil mein Vater mich darum bat.» Sie spürte: Sie will.

Anouk Ledermann bei der Arbeit.  Die Kammerjägerin streut nicht gerne Gift aus, weil es für Ratten einen qualvollen Tod bedeute. 

Anouk Ledermann bei der Arbeit.  Die Kammerjägerin streut nicht gerne Gift aus, weil es für Ratten einen qualvollen Tod bedeute. 

Als sie ihrem Vater sagt, dass sie die einjährige Ausbildung ­zur Schädlingsbekämpferin machen werde, um die Fachbe­willigung zur All­gemeinen Schädlings­bekämpfung zu erhalten, habe er es nicht glauben können. «Er hat geweint vor Freude.»

Lieber kein Gift streuen

Sie habe erkannt, dass man Ungeziefer leider oft töten müsse, da es Krankheiten übertragen kann. Zudem könne Ungezieferbefall bei Menschen auch psychische Probleme auslösen. «Wenn jemand Ameisen zu ­Hause hat, kann das sehr belastend sein. Als Kammerjägerin kann ich den Menschen helfen, und deswegen erfüllt mich dieser Beruf heute mit Stolz.»

Trotzdem sei ihr die Arbeit anfangs nicht immer leichtgefallen. Sie erinnert sich an ihren ersten Einsatz, bei dem es um Ratten ging. Sie habe die Wohnung untersucht, den Kot inspiziert, die Löcher gestopft. Aber ein Nagetier hatte sich schon in der Wohnung eingerichtet. Also stellte sie eine klassische Rattenfalle auf. Kurze Zeit da­rauf schnappte diese zu.

Als sie das Tier in eine Tüte packte, habe sie gegen Tränen ankämpfen müssen. «Ich habe mich später in Gedanken bei der Ratte entschuldigt, ihr gesagt, dass es mir leid tue, aber dass sie nicht in Häuser kommen dürfe.» Es sei eine bittersüsse Erfahrung gewesen. «Einerseits war ich stolz, dass ich meinen Job erledigt hatte, aber ich hatte auch ein schlechtes Gewissen.» Zum Glück sei die Ratte durch den Genickbruch sofort tot gewesen.

Die Arbeitsuntensilien der Kammerjägerin. Eine gute Maske gehört neben der «Giftspritze» dazu. 

Die Arbeitsutensilien der Kammerjägerin. Eine gute Maske gehört neben der «Giftspritze» dazu. 

Viel mehr Mühe habe sie aber damit, Gift auszustreuen. Das sei vom Tierschutzamt zwar erlaubt, aber es sei für Ratten trotzdem sehr qualvoll. «Das Gift führt zu inneren Blutungen. Es kann Tage dauern, bis das Tier tot ist.» Deswegen überlegt sich die Bielerin, Frettchen zu kaufen. Diese natürlichen Feinde der Ratten könnten allenfalls helfen, gegen eine Plage vorzugehen.

Bei Milben nützt keine Chemie

Manchmal muss sie nicht töten Ihr Vater René Ledermann hat das Geschäft vor drei Jahren an seine Tochter übergeben. Er findet es gut, dass sie in der Schädlingsbekämpfung neue Wege geht. «Anouk arbeitet oft mit Kameras. Und sie kriecht unter das Gebäude, um zu schauen, woher die Tiere kommen. Sie will dem Problem ­immer auf den Grund gehen.» ­Andere Schädlingsbekämpfer würden einfach Gift streuen und danach eine Rechnung schicken. «Anouk schaut, dass jedes Tier möglichst wenig leidet.»

Manchmal muss sie gar keine Tiere umbringen, etwa dann, wenn die Kundinnen und Kunden ihr sagen, dass sie Milben hätten . «Da nützt es nichts, wenn man mit Chemie dahintergeht», sagt Anouk Ledermann. 

Manchmal muss sie gar keine Tiere umbringen, etwa dann, wenn die Kundinnen und Kunden ihr sagen, dass sie Milben hätten . «Da nützt es nichts, wenn man mit Chemie dahintergeht», sagt Anouk Ledermann. 

Auch Anouk Ledermann ist zufrieden damit, wie sich alles entwickelt hat. Zum Glück werde sie ja nicht nur wegen der Ratten gerufen. Manchmal müsse sie auch gar keine Tiere umbringen, oft dann, wenn die Kundinnen und Kunden sagen, dass sie Milben hätten. «Da nützt es nichts, wenn man mit Chemie dahintergeht.» Sie würden nach wenigen Wochen wiederkommen. Wer allergisch auf Milben sei, dem rate sie jeweils, sich einen Luftreiniger anzuschaffen. Den anderen rate sie zu einer gesunden Koexistenz mit den Gliederfüssern. «Milben umgeben uns praktisch überall, das ist nicht weiter problematisch.» Das sind Einsätze, die der Kammerjägerin besonders viel Spass machen. 

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