Der Steingletscher im Gadmertal, Berner Oberland. Aufgrund des Gletscherrückgangs ist ein See entstanden.

Klimaschutzgesetz

Was passiert mit dem Klima, wenn wir nichts tun?

Der Klimawandel hat längst auch die Schweiz erreicht und bedroht unsere Lebensgrundlage. Die Zahlen und Fakten zur Abstimmung über das Klimaschutzgesetz am 18. Juni.

Von
Jörg Marquardt
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Temperaturanstieg von zwei Grad

Die Jahresdurchschnittstemperatur ist in der Schweiz seit 1864 um rund zwei Grad gestiegen – doppelt so viel wie die globale Erwärmung. Daran hat auch die geografische Lage einen Anteil: Als Binnenregion fehlt der Schweiz die kühlende Wirkung des Meeres. Zudem gibt es Anzeichen dafür, dass sich höher gelegene Gebiete schneller erwärmen als tiefere Lagen, wie die ETH Zürich 2021 in einer Studie festhält (siehe unten).

Ohne Gegenmassnahmen: Die Durchschnittstemperatur in der Schweiz steigt bis 2060 um weitere zwei bis drei Grad.

Folgen: Extreme Wetterereignisse wie Hitzewellen oder Überschwemmungen nehmen an Häufigkeit und Intensität zu. Dies wird zu einer Belastung für die Ökosysteme, die Infrastruktur, die Land- und Forstwirtschaft, aber auch für die Gesundheit der Bevölkerung.

Gletscherschwund von 60 Prozent

Neben der Durchschnittstemperatur steigt auch die Nullgradgrenze. Damit ist die Höhe gemeint, wo oberhalb Dauerfrost herrscht. Seit 1961 hat sich diese Grenze um 300 bis 400 Meter nach oben verschoben. Das Volumen der Gletscher ist seit 1850 um 60 Prozent zurückgegangen.

Ohne Gegenmassnahmen: Die Nullgradgrenze klettert bis zum Jahr 2060 voraussichtlich um weitere 400 bis 650 Meter hinauf. Im Jahr 2100 werden laut des Glaziologen Matthias Huss, Leiter des Schweizer Gletschermessnetzes Glamos, 1100 bis 1200 der aktuell noch 1400 Gletscher der Schweiz verschwunden sein.

Folgen: Abnehmende Schneedecke und auftauender Permafrost bedrohen das gesamte Ökosystem. Schädliche Organismen und Krankheiten (zum Beispiel von Zecken übertragene) sowie fremde oder invasive Tier- und Pflanzenarten breiten sich leichter aus. Das Seuchenrisiko für Mensch und Tier steigt.

Doppelt so viele Hitzewellen

Die Sonnenscheindauer ist in der Schweiz seit 1980 um 20 Prozent gestiegen. Gegenüber 1901 hat sich die Häufigkeit und Intensität von Hitzewellen um 200 Prozent erhöht.

Ohne Gegenmassnahmen: Die Sommer werden bis 2060 durchschnittlich um bis zu 4,5 Grad wärmer. Das heisst: Gibt es heute im Schnitt einen sehr heissen Tag pro Sommer, werden es künftig drei bis 17 Tage sein. «Sehr heiss» wären im Mittelland etwa Temperaturen ab 35 Grad.

Folgen: Vegetation und Böden trocknen schneller aus, Wasserknappheit und akute Brand­gefahr nehmen zu. Es kommt vermehrt zu Ernteausfällen.

30 Prozent mehr Starkregen

Im Sommer sorgen steigende Temperaturen für mehr Verdunstung. Zugleich kommt es während des ganzen Jahres vermehrt zu Starkregen, da wärmere Luft mehr Wasser aufnimmt und in Form von Tropfen wieder abgibt. Seit 1901 ist die Häufigkeit von starken Regenfällen um 30 Prozent gestiegen.

Ohne Gegenmassnahmen: Die Regenmenge unterliegt massiven Schwankungen. Bis 2060 kann sie im Sommer zwischen −25 und +10 Prozent liegen, im Winter zwischen −3 und +21 Prozent.

Folgen: Starkregen führt in den Bergen vermehrt zu Bodenerosion, Erdrutsch und Steinschlag, da die Berghänge infolge von Dürre und Waldbränden instabiler geworden sind. Flutwellen und Überschwemmungen bedrohen vor allem Regionen, wo Flüsse aufeinandertreffen und sehr grosse Wassermengen zusammenkommen.

Energieverbrauch steigt an

In tiefer gelegenen und urbanen Gebieten dürfte der Energieverbrauch zur Kühlung wegen häufigerer Hitzewellen ansteigen. Im Sommer wird zugleich die zunehmende Wasserknappheit die Energiegewinnung aus Wasserkraft erschweren. Und die Haushalte werden ihren täglichen Wasserverbrauch einschränken müssen.

Auch höher gelegene Skigebiete können ihren Betrieb ohne Kunstschnee kaum mehr aufrechterhalten: eine energie- und wasserintensive Massnahme, die viel kostet und ökologisch nicht nachhaltig ist.

Die Artenvielfalt schwindet

Durch die steigenden Temperaturen, die abnehmende Schneemenge und den Anstieg der Nullgradgrenze können sich Schädlinge wie der Borkenkäfer leichter ausbreiten. Andere Pflanzen und Tiere geraten dagegen unter Druck. Höhere Wassertemperaturen beispielsweise lassen viele Fische und Flusskrebse ihren Lebensraum verlieren – die Artenvielfalt schwindet. Dies wird auch zu einem Problem für den Obst- und Gemüseanbau: Bestäubung und natürliche Schädlingsregulierung setzen nämlich eine intakte Biodiversität voraus. 

Wirksamer Klimaschutz

Man kennt einen grossen Hebel, um den Klimawandel zu bremsen: die Verringerung beim Ausstoss von Treibhausgasen. Würden die Schweiz und andere Unterzeichnerstaaten des Pariser Klimaabkommens die vereinbarten Reduktionsziele erreichen, kön

nte gemäss des Netzwerks des Bundes für Klimadienstleistungen (NCCS) mit Sitz in Zürich die Hälfte der prognostizierten Klimaauswirkungen bis Mitte Jahrhundert verhindert werden – bis Ende Jahrhundert gar zwei Drittel der Auswirkungen.