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Preisüberwacher Stefan Meierhans am Schreibtisch in seinem Büro

GDI

Wird wirklich alles teurer?

Stefan Meierhans kämpft als Preisüberwacher seit 18 Jahren gegen zu hohe Preise. Wir haben ihn gefragt, wie zufrieden er mit der Migros ist.

Text
Katja Fischer De Santi
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Beat Schweizer
Datum
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Interview

Stefan Meierhans, wofür geben Sie selbst zu viel Geld aus?
Für Steuern und Gebühren, abgesehen davon bin ich ein klassisches Opfer von Wühltischen. Mein letzter Kauf war ein Velokettenreinigungsset. Meine Frau meinte, ich bräuchte das nie, aber ich habe damit sofort alle Veloketten in der Garage gereinigt.

Ihre Arbeit ist ein Kampf gegen Windmühlen, es wird doch seit Jahren gefühlt alles nur teurer?
Im vergangenen Jahr hatten wir eine Nullteuerung, die Preise sind also im Durchschnitt stabil geblieben. In der Elektronik bekommt man heute für den gleichen Preis massiv mehr Leistung als noch vor zehn Jahren. Auch bei Mobilfunkabos oder im öffentlichen Verkehr, etwa beim GA-Night, sind die Preise gesunken.

Das scheint vorbei zu sein, die SBB haben Tariferhöhungen angekündigt. Die Preissteigerung beim Benzin ist enorm.
Ja, seit einigen Wochen ziehen die Bürgermeldungen bei mir wieder an. Der Iran-Krieg droht, viele Produkte zu verteuern. Ich beobachte die Gewinnmargen bei den Treibstoffen genau. Bei den Erdölpreisen haben wir bisher keine rechtlich er­heblichen Unregelmässigkeiten gefunden. Ich kann nur einschreiten, wenn eine marktmächtige Stellung vorliegt. Auch bei den SBB werden wir ganz genau hinschauen und Stellung beziehen.

Die Preise für viele Produkte steigen, gleichzeitig machen Unternehmen wie Lindt & Sprüngli gute Gewinne. Wird hier mit der Krise Profit gemacht?
Steigende Rohstoffpreise und höhere Kosten entlang der Lieferkette können Preisanpassungen erklären. Sie rechtfertigen aber nicht überdurchschnittliche Margen. Entscheidend ist die Transparenz: Wenn Gewinne deutlich stärker wachsen als die Kosten, muss kritisch geprüft werden, ob Preiserhöhungen gerechtfertigt sind. Ein funktionierender Wettbewerb und informierte Konsumentinnen und Konsumenten sind zen­tral, um überhöhte Preise zu verhindern.

Markenartikelhersteller wie L’Oréal verlangen in der Schweiz massiv höhere Preise als im Ausland. Die Migros geht in harten Preisverhandlungen dagegen vor. Was tun Sie gegen diesen «Schweiz-Zuschlag»?
Es ist kein Geheimnis, dass Markenhersteller in der Schweiz oft Zuschläge verlangen, die kostenmässig nicht zu rechtfertigen sind. Dagegen wehre ich mich seit Langem. Gut, wenn das auch andere tun.

Welchen Beziehungsstatus haben Sie als Preisüberwacher mit der Migros?
Es ist kompliziert, trifft es am besten. Aber es war schon schwieriger.

Ein Medikament, das bei uns 100 Franken kostet, gibt es in England für 20 Franken. Dagegen wehre ich mich.

Stefan Meierhans, Preisüberwacher

Die Migros hat die Preise von über 1000 Produkten auf Tiefpreis-Niveau gesenkt und lässt sich das pro Jahr 500 Millionen kosten, das müsste Sie doch freuen.
Wenige grosse Anbieter dominieren den Schweizer Detailhandel und verfügen über erhebliche Marktmacht. Preissenkungen sind deshalb auch das Ergebnis strategischer Entscheide in einem stark konzentrierten Markt. Selbstverständlich sind günstigere Preise aber im Sinne aller Konsumentinnen und Konsumenten.

Gibt es für Sie auch zu billig? Etwa ein halbes Kilogramm Brot für weniger als einen Franken?
Ich bin nur für zu hohe Preise verantwortlich. Zu billig ist ein Fall für die Wettbewerbskommission.

Eine der grössten Sorgen der Schweizer Bevölkerung sind die explodierenden Mieten. Können Sie da etwas ausrichten?
Dafür fehlt mir leider die gesetzliche Grundlage. Es gibt Zehntausende Vermieter und keine klare Marktmacht eines Einzelnen, die ich angehen könnte. Aber es gibt Wege, sich rechtlich gegen Wuchermieten und unzulässige Erhöhungen zu wehren, nur wird das viel zu wenig gemacht.

Auch die Kosten für die Krankenkassen gehen seit Jahren nur noch nach oben.
Mein Kampfgebiet seit Jahrzehnten! Einer von vielen Gründen dafür ist, dass wir bei den Generika in der Schweiz dreistellige Millionenbeträge pro Jahr zu viel bezahlen. Ein Medikament, das bei uns in der Schweiz 100 Franken kostet, gibt es in England für 20 Franken. Die staatliche Preisregulierung ist hier schlicht falsch eingestellt.

Haben Sie noch Hoffnung für unser Gesundheitssystem?
Es ist schwierig, weil das System tief krankt – etwa bei der Spitalplanung, wo Kantone oft die Tarife ihrer eigenen Spitäler festsetzen. Vergangenes Jahr haben wir Hunderte ­Millionen gespart durch Preissenkungen –aber die sind teilweise unmittelbar wieder weg­geschmolzen. Der Widerstand der ­ver­schiedenen Interessenvertreter ist riesig. Da fühlt man sich manchmal schon auch etwas allein.

Sie sind nun seit fast 18 Jahren im Amt. Woher nehmen Sie die Motivation?
Ich habe den besten Job, den es gibt! Jeden Tag gibt es eine kleine Freude. Etwa wenn mir eine Grossmutter schreibt, dass sie sich dank der Sparbillette der SBB den Besuch bei ihren Enkeln wieder leisten kann, oder wenn ein Gemüsebauer meldet, dass die für ihn existenzbedrohenden Wasser­gebühren jetzt gesenkt wurden. Diese Arbeit im Kleinen ist genauso wichtig wie die grossen ­po­litischen Gespräche.