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Szene aus dem Spot auf der Münsterbrücke: Auf der Strasse liegen geplatzte Papiertüten mit Hörnli und Reis vor dem Verkaufswagen. Dutti ist verärgert, Passanten laufen einfach vorbei.

Unsere Geschichte

Duttis Leben in 90 Sekunden

Ein neuer Werbespot erzählt im Zeitraffer, wie Gottlieb Duttweiler und seine Frau Adele vor 100 Jahren die Migros gründeten. Der Kurzfilm wurde so sorgfältig inszeniert wie ein grosses Historiendrama.

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Michael West
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Nik Hunger
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Was wir tun

90-Sekunden-Spot «Merci, Adele und Dutti.»


15. Mai: Die letzte Kostümanprobe

Monika Schmid ist eine Meisterin ihres Fachs. Die Kostümbildnerin hat schon viele Kinofilme und TV-Serien mitgestaltet. Die Kleider im Reformationsdrama «Zwingli» haben ihr 2019 den Schweizer Filmpreis eingebracht. Die erfahrene Spezialistin weiss also ganz genau, wie man Schauspieler in historische Gestalten verwandelt.

Seit mehreren Monaten ist sie nun bei einem Filmprojekt dabei, dessen Resultat gerade mal 90 Sekunden lang sein wird. Die Rede ist vom neusten Migros-Werbespot, der im Zeitraffer die Geschichte des Firmengründers Gottlieb Duttweiler erzählt. Schmid nimmt dieses Projekt genauso ernst wie einen abendfüllenden Spielfilm. Zusammen mit ihrem Team hat sie in einem ehemaligen Logistikzentrum an der Zürcher Pfingstweidstrasse ein riesiges Kostümlager aufgebaut.

Die Expertin führt in eine Halle. Im grellweissen Schein von Leuchtstoffröhren hängen hier in Reih und Glied Blusen, Röcke und Unterröcke, Handtaschen, Perlenketten, Krawatten und ganze Anzüge. Nur schon die Auswahl an Kopfbedeckungen ist gewaltig – sie reicht von der Schiebermütze bis zum eleganten Borsalino-Hut.

Schiebermützen und Borsalino-Hüte auf einem Regal
Die Auswahl an Kopfbedeckungen ist gewaltig – sie reicht von der Schiebermütze bis zum eleganten Borsalino-Hut. © Nik Hunger

Im Ganzen sind es mehrere Tausend Kleidungsstücke und Accessoires aus den 1920er- bis 1950er-Jahren. Wo hat Schmid bloss all diese Dinge her? «Es sind Leihgaben, die wir überall in Europa in Kostümhäusern gemietet haben», erklärt sie. «Damit das klappt, muss man jahrelang Beziehungen pflegen und Vertrauen aufbauen. Die Betreiber der Kostümhäuser wollen sicher sein, dass sie alles in makellosem Zustand zurückbekommen.»

Heute ist für Monika Schmid ein wichtiger Tag – es findet die letzte grosse Kostümanprobe vor den Dreharbeiten statt. Alle Schauspielerinnen und Schauspieler ziehen die Kleider an, die sie schon bald vor laufender Kamera tragen werden. «Die Darsteller müssen sich in den Kostümen wohlfühlen», sagt Schmid. «Nur dann wirkt es am Ende lebensecht.»

Was sie damit meint, zeigt sich, als Andrew Greenough an die Reihe kommt. Der hierzulande kaum bekannte Brite spielt im Werbespot den älteren Gottlieb Duttweiler. Er wurde für die Rolle ausgewählt, weil er eine frappante Ähnlichkeit mit dem Migros-Gründer hat. Bei der Kostümanprobe schlüpft er nun in einen dreiteiligen Anzug, der aus dem Jahr 1939 stammt. Und erst jetzt ist die Verwandlung perfekt: Man hat das Gefühl, der leibhaftige Dutti sei auferstanden.

Andrew Greenough
Der Brite Andrew Greenough spielt im Werbespot den älteren Gottlieb Duttweiler. © Nik Hunger

15. Mai: Schätze aus dem Brockenhaus

Ortswechsel: Wir befinden uns nun in einer Lagerhalle in Glattbrugg. Hier hat Szenenbildnerin Su Erdt zusammen mit Helferinnen und Helfern in monatelanger Arbeit einen riesigen Fundus aus historischen Requisiten zusammengetragen. Dazu gehören antike Büromöbel, mechanische Schreibmaschinen, Wählscheibentelefone oder Röhrenfernseher. «Fündig wurden wir in Brockenhäusern und auf Flohmärkten», sagt Erdt. «Manches haben wir auch auf Ricardo ersteigert.»

Sue Erdt steht in der Lagerhalle zwischen Regalen, die mit historischen Requisiten gefüllt sind
Lagerhalle in Glattbrugg: Szenenbildnerin Su Erdt hat zusammen mit Helferinnen und Helfern in monatelanger Arbeit einen riesigen Fundus aus historischen Requisiten zusammengetragen. © Nik Hunger

Doch für den Werbespot braucht es zusätzlich Dinge, die nirgendwo mehr auffindbar sind – zum Beispiel das legendäre Waschpulver «Ohä», das Dutti 1931 lancierte. Erdts Team hat historische Fotos aus dem Migros-Archiv als Vorlage genommen und mehrere Waschmittel-Kartonschachteln nachgebaut.

Der absolute Star im Requisitenfundus ist ein Ford TT, der vor 100 Jahren als mobiler Laden durch Zürich rollte. Er war im Migros-Gründungsjahr 1925 einer von fünf Verkaufswagen, mit denen Dutti günstige Produkte direkt zu den Kundinnen und Kunden zu bringen liess. Der Oldtimer gehört der Genossenschaft Migros Zürich. Ein Bühnenmaler hat das kostbare Auto vorsichtig mit einer hauchdünnen Schicht aus Seife und Heilerde überzogen. «Der Wagen darf nicht wie ein glänzendes Museumsstück aussehen», erläutert die Szenenbildnerin. «Er muss wie ein Gebrauchsgegenstand wirken, der jeden Tag im Einsatz ist.»

Man merkt Su Erdt an, dass sie sich sehr auf die Dreharbeiten freut, aber auch ein wenig angespannt ist. Schon bald müssen sich ihre Requisiten vor der Kamera bewähren.


21. Mai, Morgen: Action auf der Münsterbrücke

Heute ist bereits der dritte von insgesamt vier Drehtagen und der wohl wichtigste Termin der Filmproduktion. Regisseur Jan-Eric Mack will unbedingt die 15 Sekunden lange Eröffnungsszene des Werbespots in den Kasten kriegen. Sie ist in wenigen Sätzen erzählt: Dutti und seine Frau sind im Migros-Gründungsjahr mit einem Ford-Verkaufswagen unterwegs. Die beiden platzen fast vor Tatendrang und Optimismus, denn sie glauben fest an ihre grosse Idee: Mit mobilen Läden wollen sie den erstarrten Schweizer Detailhandel umpflügen.

Die Zürcher Münsterbrücke wird gesperrt, Sicherheitsleute in orangen Leuchtwesten schirmen sie ab, Zuschauer stehen daneben
Viel Organisation ist nötig, damit die Zeitreise ins Jahr 1925 gelingt: Die Zürcher Münsterbrücke wird gesperrt, Sicherheitsleute in orangen Leuchtwesten schirmen sie ab. © Nik Hunger

Viel Organisation ist nötig, damit die Zeitreise ins Jahr 1925 gelingt: Die Zürcher Münsterbrücke wird gesperrt, Sicherheitsleute in orangen Leuchtwesten schirmen sie ab. Zwei Kameras halten die Szene aus verschiedenen Blickwinkeln fest. Die Bildausschnitte sind so gewählt, dass man im Hintergrund eine historische Häuserzeile am linken Limmatufer sieht. Sie passt perfekt ins Migros-Gründungsjahr – nur eine rote Leuchtreklame muss man später digital wegretuschieren.

«Action» ruft der Regieassistent, und schon erwacht ein Stück Vergangenheit zum Leben. Dutti und seine Frau Adele stehen auf der Brücke vor dem Ford TT und präsentieren den Passanten ihre Waren. Plötzlich sausen zwei Lausbuben auf einem klapprigen Velo vorbei und fegen aus purer Fiesheit Auslagen vom Verkaufstisch. Papiertüten platzen, Hörnli und Reis vermischen sich auf dem Strassenpflaster. Auf einen Blick macht die Szene klar: Gottlieb und Adele mussten viel einstecken, bevor die Migros zum Erfolg wurde.

Zwei Lausbuben sausen auf einem klapprigen Velo vorbei und fegen Auslagen vom Verkaufstisch
«Action» auf der Münsterbrücke; zwei Lausbuben sausen auf einem klapprigen Velo vorbei und fegen aus purer Fiesheit Auslagen vom Verkaufstisch. © Nik Hunger

Etliche Anläufe sind nötig, bis die Szene endlich sitzt: Einmal sind die Passanten falsch gruppiert und verdecken die Action; einmal spiegelt sich die orange Weste eines Sicherheitsmannes in der Oldtimer-Windschutzscheibe. Unterdessen ballt sich über Zürich schwarzgraues Gewölk zusammen, und ein Platzregen droht. Doch der Regisseur behält die Nerven und macht weiter, bis alles im Kasten ist. «Das düstere Wetter war ein Geschenk», sagt er nachher mit einem Grinsen. «Es passte perfekt zur Szene.»


21. Mai, Nachmittag: Hiobsbotschaft für Dutti

Das ganze Filmteam wechselt am Nachmittag in die altehrwürdige Villa Hirschengraben nahe der Uni Zürich. Hier soll eine Szene gedreht werden, die 1937 in Gottlieb Duttweilers Privatbüro spielt. Damals war die Migros gerade in einer schwierigen Phase: Auf Drängen des mittelständischen Detailhandels hatte der Bund 1933 das sogenannte Filialverbot erlassen, das bis 1945 in Kraft blieb. Duttis aufstrebende Firma durfte nun keine neuen Läden mehr eröffnen.

In der Filmszene träumt der Migros-Gründer alias Andrew Greenough trotzdem von neuen Filialen. Sie sollen einen ausgeklügelten Grundriss haben und der Kundschaft eine perfekte Einkaufswelt bieten. In seinem Büro beugt sich Dutti über die Pläne. Alles wirkt stimmig, weil Su Erdts Team den Raum perfekt eingerichtet hat. Der imposante Schreibtisch passt bestens zu einem Wirtschaftskapitän. Auf der Tischplatte gibt es Stempel und Stempelkissen, Drahtkörbe voller Dokumente und ein Pferd aus Metall als Briefbeschwerer. Im Hintergrund steht eine Bücherwand. In dieser Umgebung wirkt Dutti souverän und unangreifbar.

Mitarbeiter der Filmcrew «arrangieren» Gottlieb und Adele Duttweiler im nachgestellten Privatbüro
Alles muss sitzen: Das Filmteam «arrangiert» Gottlieb und Adele Duttweiler im nachgestellten Privatbüro. © Nik Hunger

Doch dann kommt Gattin Adele (gespielt von Jacqueline Davis) ins Zimmer und präsentiert ihrem Mann eine Zeitung mit einer Hiobsbotschaft: Der Bund hat das Filialverbot soeben verlängert. Dutti starrt fassungslos auf die Schlagzeile, dann rastet er aus, zerknüllt die Ladenpläne und schleudert sie durch den Raum.

Wie bei allen Szenen des Werbespots wird nichts geredet. Der Kurzfilm kommt ganz ohne Dialoge aus. Viel hängt also von der Körpersprache ab, und die scheint diesmal lange nicht stimmig. Duttis Zornausbruch ist zwar überzeugend; doch Adele steht passiv und wie erstarrt daneben – fast als fürchtete sie sich vor ihrem Mann. Jan-Eric Mack gibt neue Regieanweisungen: Jacqueline Davis ändert ihre Körperhaltung. Sie stemmt die Hände in die Hüften und wirkt jetzt so, als empöre sie sich gemeinsam mit ihrem Gatten über das unfaire Filialverbot.

Am Ende ist auch diese Szene perfekt. Die Filmcrew ist zufrieden – und zugleich etwas wehmütig. Denn schon bald ist die intensive Zeit der Dreharbeiten vorbei. Der Regisseur bringt die Stimmung auf den Punkt: «Wir alle würden am liebsten weitermachen und einen abendfüllenden Dutti-Film drehen.»

Making-of «Merci, Adele und Dutti.»

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