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Interview mit Fabrice Zumbrunnen

«Das Engagement der Mitarbeitenden ist grossartig»

Die Coronakrise fordert die Mitarbeitenden der Migros enorm. Konzernchef Fabrice Zumbrunnen erläutert, welchen Sondereffort das Unternehmen für die Schweizer Bevölkerung leistet und wirft einen Blick zurück auf das Geschäftsjahr 2019.

Text Kian Ramezani, Patrick Stöpper
Fotos Kostas Maros / 13 Photo
Fabrice Zumbrunnen

Die Migros wird durch die Corona-Krise stark durchgeschüttelt und stösst an ihre Grenzen. Haben Sie die Situation noch im Griff?  

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im In- und Ausland leisten Ausserordentliches, damit die Schweizer Bevölkerung sich auch in dieser Ausnahmesituation mit Lebensmitteln und Alltagsprodukten versorgen kann. Wir haben im ganzen Unternehmen Sonderschichten eingelegt, unsere Industrieunternehmen produzieren rund um die Uhr und die Logistik zur Versorgung der Filialen läuft ebenfalls auf Hochtouren. Ich bin beeindruckt, was die Migros in dieser Extremsituation gemeinsam für die Menschen in der Schweiz leisten kann. Ich habe viele Filialen besucht, das überdurchschnittliche Engagement der Migros-Mitarbeitenden vor und hinter den Kulissen ist grossartig und verdient grossen Respekt.


Sie wurden vom Ansturm der Kundinnen und Kunden überrascht. Richtig?

Eine solche Extremsituation haben wohl die wenigsten von uns bisher erlebt. Wir haben bereits im Januar einen Krisenstab eingesetzt, um uns im ganzen Unternehmen auf die sich zuspitzenden Entwicklungen vorzubereiten. Ende Februar war der Ansturm auf unsere Läden derart gross, dass in vielen Supermärkten die Regale mehrmals pro Tag innert kürzester Zeit leergekauft wurden. Obschon wir stets betont haben, dass Hamsterkäufe nicht notwendig sind. Wie erwähnt, haben wir die Kapazität der Logistik massiv erhöht. Auch die Produktion von Lebensmitteln haben wir praktisch über Nacht stark hochgefahren. Unsere eigene Pasta-Produktion beispielsweise arbeitet rund um die Uhr und stellt jeden Tag über 100 Tonnen Teigwaren her. Diese liefern wir direkt in unsere Migros-Filialen. 


Die Mitarbeitenden der Migros in den Filialen sind stark exponiert. Was macht die Migros?  

Ich bin mir bewusst, dass die aktuelle Situation für viele unserer Mitarbeitenden sehr belastend ist. Um unser Personal an der Kasse besser zu schützen, haben wir an den Kassen Plexiglas-Scheiben montiert. Die Anzahl der Kundinnen und Kunden in den Läden ist schweizweit stark beschränkt, damit der Mindestabstand von zwei Metern eingehalten werden kann. Wir sind daran, den Schutz wenn möglich noch zu verstärken. Unsere Mitarbeitenden sind dankbar, wenn unsere Kundinnen und Kunden beim Einkauf strikte die Verhaltensregeln des Bundes – Hände waschen und Abstand einhalten – befolgen.


Wegen der Corona-Krise ist das vergangene Jahr bereits in Vergessenheit geraten. Trotzdem die Frage: Sind Sie zufrieden mit dem Jahresergebnis 2019?

Ja, die Migros konnte 2019 sowohl Umsatz als auch das operative Ergebnis vor Portfoliobereinigung steigern. Das ist im anspruchsvollen Umfeld von heute nicht selbstverständlich und zeigt, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Migros täglich eine hervorragende Arbeit für die Kundinnen und Kunden leisten. Daher freut es mich besonders, dass 2019 erneut mehr Menschen bei der Migros eingekauft haben.


Trotzdem stagniert der Umsatz in den Supermärkten. Wie wollen Sie in Ihrem Kerngeschäft zum Wachstum zurückfinden?

Im letzten Jahr haben wir die Preise der beliebtesten Produkte für die Kundinnen und Kunden gesenkt und die Qualität wichtiger Eigenprodukte erhöht. Der Rückgang des Umsatzes bei den Supermärkten und Verbrauchermärkten ist primär auf diese Preissenkungen und auf weitere Effekte wie die Verlagerung zu Online bei Non-Food begründet. Diese Entwicklung beobachten wir auf der ganzen Welt: Die Kundinnen und Kunden nutzen vor allem bei Non-Food zunehmend Online-Shops. Als Marktführerin im elektronischen Handel sind wir hier für die Zukunft gut aufgestellt. Auch im Lebensmittel-Segment bauen wir unsere Online-Angebot aus, um den Einkauf für die Kundinnen und Kunden bei der Migros spürbar zu vereinfachen.

Fabrice Zumbrunnen

Fabrice Zumbrunnen (50) ist seit 2018 Präsident der Generaldirektion des Migros-Genossenschafts-Bunds. Zuvor leitete er die Abteilung Human Resources, Kulturelles und Soziales, Freizeit.

Und wie steht es um den klassischen Detailhandel?

Auch hier ist Wachstum weiterhin möglich. In Bereichen wie dem schnellen und einfachen Einkaufen und Essen – der Convenience – mit Bio-Produkten und im Discountgeschäft mit Denner haben wir 2019 deutlich zugelegt. Da werden wir weiter investieren und wachsen, weil sich die Kundenbedürfnisse stark in diese Richtung bewegen.


Apropos Discount: Ausländische Mitbewerber gewinnen in der Schweiz kontinuierlich an Marktanteilen. Wie begegnet die Migros dieser Herausforderung?

Mit Denner haben wir in der Migros-Gruppe den beliebtesten und grössten Discounter der Schweiz. Denner ist 2019 erneut gewachsen, steht also hoch in der Gunst der Kundinnen und Kunden. Was die Migros-Supermärkte anbelangt, so haben wir im vergangenen Jahr über das ganze Sortiment in Qualitätsverbesserungen und Preissenkungen der 1500 beliebtesten Produkte investiert. 


Wird die Migros bald selbst zum Discounter?

Nein. Die Breite unseres Sortiments, unsere Eigenmarken, aber auch der Kundenservice und die Kompetenz in unseren Fachmärkten wird uns immer deutlich von einem Discounter unterscheiden. Die Migros will nicht die billigste Anbieterin sein, sondern den Menschen das beste Sortiment, einfach und bequem zu fairen Preisen bieten. Genau deshalb ist uns die hohe Qualität unserer Eigenmarken seit jeher wichtig. 


Die Migros ist kürzlich wieder als nachhaltigste Detailhändlerin der Welt ausgezeichnet worden. Alles richtig gemacht?

Die Auszeichnung freut uns und zeigt sicher, dass wir vieles richtig machen. Wir dürfen uns jedoch nicht in Auszeichnungen sonnen. Unsere Kundschaft erwartet nachhaltiges Engagement. Die Migros erwirtschaftet inzwischen jeden fünften Franken mit Produkten mit ökologischem oder sozialem Mehrwert. 2019 haben wir erstmals biologische Lebensmittel im Wert von über einer Milliarde Franken verkauft. Das sind erfreuliche Entwicklungen, für uns aber kein Grund, uns auszuruhen. Unsere Fachleute erarbeiten laufend neue Massnahmen, um das Angebot der Migros noch nachhaltiger zu gestalten.


Die Migros hat sich im vergangenen Jahr von mehreren Tochterunternehmen getrennt, darunter auch Globus. Sind weitere Verkäufe geplant?

Aktuell sind keine weiteren Verkäufe vorgesehen. Aber selbstverständlich müssen wir immer schauen, was in der aktuellen Situation zur Ausrichtung der Migros passt und was nicht. Für die betroffenen Unternehmen besteht ausserhalb der Migros die Chance auf eine erfolgreichere Zukunft. Dank der Verkäufe können wir gezielter dort investieren, wo dies unseren Kundinnen und Kunden besser zugutekommt. Das bedeutet konkret, wir vereinfachen den Einkauf sowohl stationär als auch online und wollen beide Einkaufswelten zunehmend nahtlos verbinden. 


Die Migros engagiert sich stark für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Schweiz.  Wird dies trotz Corona-Krise weiter möglich sein?

Ich bin immer wieder beeindruckt, wie viele gute Projekte die Migros freiwillig unterstützen und fördern kann. Allein mit dem Kulturprozent stellten wir 2019 insgesamt 118 Millionen Franken für Bildung, Kultur, Freizeit und gesellschaftliche Engagements zur Verfügung. Selber besuche ich viele Konzerte und Veranstaltungen des Kulturprozentes. Leider fallen die Konzerte und Anlässe, die vom Migros-Kulturprozent unterstützt oder organisiert werden, nun vorläufig aus. Das ist für Kulturschaffende und Kulturbetriebe eine sehr schwierige Situation. Wir bleiben auch in dieser Zeit ein verlässlicher Partner und stehen zu den verabredeten Engagements, denn wir wissen, wie wichtig die Unterstützung des Migros-Kulturprozent und des Förderfonds Engagement Migros gerade während einer solchen Krise ist.


Trotz der Krise: Worauf freuen Sie sich dieses Jahr?

Ich hoffe sehr, dass alle Menschen, die Schweiz als Land, aber auch die Migros als Unternehmen so gut wie möglich durch die Corona-Krise kommen und freue mich, wenn sich das Leben anschliessend möglichst schnell wieder normalisiert. Ich erwarte, dass die kommenden Monate für uns alle sehr anspruchsvoll bleiben werden. Wir setzen alles daran, dass wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihren Angehörigen und Familien, unsere Kundinnen und Kunden, die Bevölkerung der Schweiz, weiterhin unterstützen und damit gemeinsam diese Extremsituation möglichst gut meistern können.

Fakten zum Migros-Jahr 2019

137 Mio. Franken stellt das Migros-Kulturprozent für Bildung, Kultur, Freizeit und gesellschaftliche Engagements zur Verfügung.

1 Mrd. Franken geben die Menschen 2019 für biologische Lebensmittel 

in der Migros aus – damit knacken sie erstmals die Milliardengrenze.

353 Mio. Einkäufe verbucht die Migros 2019. Das entspricht einer Zunahme der Kundenfrequenz um 0,8 Prozent. 

28.683 Mrd. Franken beträgt der Umsatz der Migros-Gruppe 2019 – das entspricht einem leichten Umsatzwachstum von 0,7 Prozent.

1,106 Mrd. Franken erzielt Migros-Tochter Digitec Galaxus. Ein Rekordumsatz für den führenden Schweizer Onlinehändler.

2.285 Mrd. Franken beträgt der gesamte Online-Umsatz in der Migros-Gruppe. Ein deutliches  Wachstum um 9,9 Prozent.

1,574 Mrd. Franken betragen die Investitionen, die die Migros-Gruppe im Jahr 2019 getätigt hat.

106 119 Mitabeiterinnen und Mitarbeiter sind bei der Migros beschäftigt. Damit ist sie die grösste private Arbeitgeberin in der Schweiz.

335 Mio Franken Gruppengewinn hat die Migros 2019 erzielt.

Vollständiger Geschäftsbericht der Migros-Gruppe: report.migros.ch/2019

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