Migros-Marketingchef Matthias Wunderlin (links), Balz Strasser, Geschäftsführer Bio Suisse (rechts)

Doppel-Bio-Interview

«Bio ist teurer, aber reich wird damit niemand»

Bioprodukte kosten teilweise mehr als konventionell hergestellte. Der Bio-Suisse-Chef und der Marketingchef der Migros erklären hier, wieso das so ist – und warum Bio trotzdem günstiger werden muss.

Von
Kian Ramezani
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Ist Bio in der Schweiz zu teuer?

Matthias Wunderlin: Die Preise widerspiegeln heute die höheren Herstellungs- und Verarbeitungskosten. In einem Bio-stall dürfen zum Beispiel pro Quadratmeter weniger Schweine gehalten werden. Trotzdem bin ich überzeugt, dass wir Bio dringend aus der Nische herausholen müssen. Sonst bleibt der positive Einfluss auf die Umwelt an einem kleinen Ort.

Balz Strasser: Die Richtlinien von Bio Suisse zählen zu den strengsten weltweit. Der Mehraufwand für Tierschutz, Biodiversität und Umweltschutz ist gross und verursacht Mehrkosten. Mir stellt sich aber eine andere Frage: Sind konventionell hergestellte Produkte nicht zu günstig? Synthetische Pestizide verschmutzen unser Trinkwasser, das dann teuer gefiltert werden muss. Nur bezahlen wir das nicht beim Einkauf, sondern indirekt über die Steuern.

Wie könnte man Bio günstiger machen, um es aus der Nische zu bringen?

Balz Strasser: Wird mehr Bio produziert, sinken die Stückkosten: Ein Betrieb, der ausschliesslich Biokäse produziert, hat einfachere Abläufe und damit niedrigere Kosten als einer, der Bio- und konventionellen Käse macht. Auch die Politik wäre gefordert. Die EU etwa will in der Landwirtschaft einen Bio-Anteil von 25 Prozent bis 2030 erreichen und es gibt Forderungen, die Mehrwertsteuer auf Bioprodukte zu senken.

Matthias Wunderlin: Ich sehe das eher kritisch, denn das Subventionssystem würde dadurch noch intransparenter. Es gibt Dinge, die wir heute angehen können, ohne auf die Politik zu warten. Bei manchen Erzeugnissen hat man es schlicht verpasst, genügend Produzenten aufzubauen, obwohl die Nachfrage da wäre…

… und anderswo gibt es Produzenten, die umstellen möchten, aber die Nachfrage fehlt?

Balz Strasser: Persönlich bin ich der Ansicht, dass nur jene auf Bio umstellen sollen, die das wirklich aus Überzeugung machen möchten. Wenn die Bedingungen und die Nachfrage da sind, dann stellen die Produzenten um, frei und unabhängig.

Ein Bioprodukt muss nicht perfekt sein, aber gemäss Bio-Verordnung zu 100 Prozent Bio.

Balz Strasser

Matthias Wunderlin: Aber wenn wir das Gesamtsystem nachhaltiger machen wollen, dann muss der Label-Anteil wachsen. Was bringt ein perfektes Produkt, das zwei Prozent der Bevölkerung kaufen? Sinnvoller wäre ein zu 90 Prozent perfektes Produkt, das 30 Prozent oder mehr der Leute kaufen.

Balz Strasser: Ein Bioprodukt muss nicht perfekt sein, aber gemäss Bio-Verordnung zu 100 Prozent Bio. Und die Preise für die Produzenten müssen fair sein. Gibt es plötzlich ein Überangebot, dann sinken die Preise – was der Detailhandel vielleicht kurzfristig begrüsst – aber dann steigen die Produzenten wieder aus, weil sich der Mehraufwand nicht lohnt.

Was kann der Detailhandel tun, damit der Bio-Anteil wächst?

Balz Strasser: Der Detailhandel hat einen grossen Hebel. Werden Sortimente wie Brot und Zucker in grossem Umfang auf Bio umgestellt, wie das die Migros jetzt tut, dann folgen die Produzenten. Die Migros könnte das ebenso bei anderen Produkten beschliessen.

Matthias Wunderlin: Genau das tun wir seit Längerem. Trinkmilch und Eier gibt es bei uns nur noch mindestens in IP-Suisse-Qualität. Das wäre auch bei Bioprodukten denkbar, wenn die Preise stimmen. Und das ist vor allem beim Fleisch nicht überall der Fall. Das Biofilet verkauft sich problemlos, das Biohackfleisch nicht. Aber das Tier besteht nun einmal nicht nur aus Filet.

Finden es die Bioproduzenten überhaupt gut, wenn Bio quasi Mainstream wird?

Balz Strasser: Einzelne Bioproduzenten finden tatsächlich, es brauche nicht mehr von ihnen. Auch bei der Weiterentwicklung der Richtlinien spüren wir Gräben. Die einen finden sie nicht streng genug und vermissen den Idealismus der Anfangszeit. Andere finden uns viel zu streng. Unter dem Strich wächst die Zahl der Bioproduzenten aber jedes Jahr. Wir sind auf Kurs.

Matthias Wunderlin: Die Migros muss Bio ein Stück weit in den Mainstream holen, um die eigenen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Darum ist auch der Vorwurf absurd, wir würden Bio künstlich verteuern. Unsere Bio-Margen sind nicht höher als im konventionellen Segment. Bio ist teurer, aber reich wird damit niemand.

Der Vorwurf der überhöhten Margen hält sich trotzdem hartnäckig. Wie sieht das Bio Suisse?

Balz Strasser: Jeder Akteur in der Biowertschöpfungskette, ob Produzent, Zwischenhändler, Verarbeiter oder Detailhändler, muss und darf etwas verdienen. Sonst ist es kein nachhaltiges System. Margen müssen jedoch in einem fairen Verhältnis bleiben, auf jeder Stufe der Wertschöpfung. Das thematisieren wir regelmässig mit all unseren Partnern.

Ein anderer Vorwurf lautet, die Produzenten erhielten von den Detailhändlern zu wenig.

Matthias Wunderlin: Mir ist hier ein Punkt sehr wichtig: Die Migros ist eine Genossenschaft der Kunden. Wir haben keine Boni, niemand hier erhält mehr Lohn, wenn er Ende Jahr ein besseres Resultat erzielt. Unser Job ist es, für unsere Kunden ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis hinzubekommen.

Balz Strasser: Grundsätzlich haben wir mit unseren Richtpreisen für Biorohprodukte ein griffiges Instrument. Gelegentlich hören wir von Produzenten, die unter Druck gesetzt werden, und in Einzelfällen werden wir aktiv und suchen das Gespräch mit dem Detailhandel.

Balz Strasser, was wünschen Sie sich von der Migros?

Balz Strasser: Ich bin sehr dankbar für die Partnerschaft mit der Migros und anerkenne ihre Anstrengungen, nachhaltiger zu werden. Mein Wunsch wäre, dass die Mehrleistungen der Bioproduzenten immer fair entlöhnt werden, auch bei den vielen Bio-Aktionen.

Matthias Wunderlin: Du willst weniger Bio-Aktionen?

Balz Strasser: Nein, wir begrüssen Aktionen, vor allem wenn es ein Überangebot gibt.

Matthias Wunderlin: Bio-Aktionen funktionieren tatsächlich sehr gut, weil die Produkte dann für eine breitere Bevölkerungsschicht erschwinglich sind. Der Preis spielt eben doch eine Rolle.

Balz Strasser: Auch wir befürworten günstigere Preise, solange die Kosten der Produzentinnen gedeckt sind. Ist dies bei gewissen Preisen nicht mehr der Fall, mache ich mir Sorgen.

Matthias Wunderlin, was wünschen Sie sich von Bio Suisse?

Matthias Wunderlin: Bio Suisse kommt vielleicht nicht darum herum, sich ihre zahlreichen Richtlinien anzuschauen und bei jeder einzelnen Kosten und Nutzen genau abzuwägen. Dasselbe gilt für die Migros und ihre Abläufe. Bio Suisse ist der Biostandard in der Schweiz, darum machen wir mit und möchten ihn zusammen mit euch weiterentwickeln.

Balz Strasser: Letztlich sitzen wir im selben Boot. Wenn wir etwas erreichen wollen, geht es nur zusammen.