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Innovatives Startup

Mit Unkraut gegen Schimmelpilz

Jeder kennt es: Zitronen werden grau und auf den Himbeeren wächst ein weisser Flaum. Schimmel verursacht Lebensmittelabfälle in Milliardenhöhe. Das Schweizer Start-up Agrosustain hat nun ein pflanzliches Mittel entwickelt, das Fäulnis bekämpft.

Text Benita Vogel
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Durchsichtige Döschen stehen aufeinandergestapelt im Schrank. In jedem ist graubräunlicher Flaum zu sehen. «Das ist unsere Schimmelpilzbibliothek», sagt Olga Dubey. Sie ist die Chefin des in Nyon VD ansässigen Start-ups Agrosustain und erforscht die unappetitlichen Gewächse. In den vergangenen zwei Jahren analysierten die 29-Jährige und ihr Team, welche Art von Schimmelpilzen auf Zitronen, Orangen, Erdbeeren, Himbeeren, Äpfeln, Tomaten oder Karotten wachsen und wie man sie davor schützen kann.

 

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Olga Dubey (29), Gründerin und Chefin des Start-ups Agrosustain mit Sitz in Nyon

Die zerstörerischen Sporen sind die häufigste Ursache für Pflanzenkrankheiten. Allein auf einer Erdbeere bilden sich bis zu acht unterschiedliche Pilze. Jedes Jahr gehen weltweit geschätzt 30 Milliarden Franken verloren, weil Pflanzen und ihre Früchte von Pilzen befallen sind. «Schimmelpilze sind für einen substanziellen Verlust von Ernten verantwortlich», sagt Olga Dubey. Das Problem sei bei schnell verderblichen Früchten wie Erdbeeren besonders akut, oder wenn der Transport und die Lagerung von Lebensmitteln nicht optimal seien.

Die Unternehmerin hatte bereits für ihre Doktorarbeit in Biologie das Ziel, ein Mittel gegen die Schädlinge zu finden, und zwar ein pflanzliches. «Pflanzen wirken gegen vieles, wieso nicht auch gegen Schimmelpilz», sagt sie. Ihre Forschungszeit für das Doktorat war vor drei Jahren fast vorbei, als sie in ihrem Labor auf ein Unkraut mit kleinen weissen Blüten stiess, das zur Familie der Kreuzblütler gehört. Es zeigte grosse Wirkung. Inzwischen hat Olga Dubey zwei Moleküle der Pflanze ausgemacht, die in verschiedenen Kombinationen gegen viele Pilzarten wirken.

Das Produkt in Pulverform wird je nach Frucht in Wasser oder mit Wassernebel angewendet. «Wenn wir das Mittel gleich nach der Ernte, etwa in den Kühllagern, auf Obst und Gemüse bringen, können wir verhindern, dass sich ein Schimmelpilz ausbildet», sagt Ehemann Sylvain Dubey, Mitgründer und Chief Technology Officer. Reifung und Geschmack würden nicht beeinflusst. Aber: Der Ernteverlust könne um ein Vielfaches reduziert werden. «Je nach Sorte bleiben Obst und Gemüse zwei bis vier Tage länger frisch», so Dubey. Eine rasche Anwendung sei wichtig, weil Schimmelpilze vom Wind angetragen würden und sich schnell verbreiteten. «Die Gewächse sind schlau», sagt die Forscherin, die die flauschigen Gebilde fast ein wenig liebgewonnen hat.

Erdbeeren aus dem Gewächshaus

Derzeit arbeitet das Agrosustain-Team an der genauen Formulierung der Produkte. Es wird analysiert, in welcher Dosierung und zu welchem Zeitpunkt man die Mittel auf Obst und Gemüse auftragen soll, damit die Moleküle optimal gegen Schimmel wirken, aber keine Rückstände mehr vorhanden sind, wenn die Lebensmittel in den Verkauf gelangen: «Obwohl unser Produkt von der Pflanze identifiziert wird und nur auf der Oberfläche von Obst und Gemüse funktioniert, wo auch der Schimmelpilz sitzt. Trotzdem darf es keine Rückstände geben», sagt Olga Dubey. Um die Daten dafür genau zu berechnen, zieht sie Tomaten- und Erdbeerpflanzen in eigenen Gewächshäusern. «Erdbeeren sind sensible Pflanzen, Tomaten robust», erklärt Sylvain Dubey die Wahl. Agrosustain ist bei Agroscope, der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt des Bundes, in Nyon eingemietet, mit der sie zusammenarbeitet – etwa bei einem Projekt zur Bekämpfung von Mehltau auf Reben.

Zulassung bis 2024 erwartet

Auch mit der Migros besteht eine Kooperation. Diese hat für das Start-up Früchte und Gemüse eruiert, die besonders schimmelanfällig sind, und zu Forschungszwecken Zitrusfrüchte ins Agrosustain-Labor geschickt. Zudem schlägt die Migros eine Brücke zwischen Produktion und Forschung. «Wir wollen durch die Zusammenarbeit mit Agrosustain Food-Waste und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduzieren», sagt Philipp Schmidlin, zuständig für das Früchtesortiment bei der Migros (siehe Box «Die Migros war schon früh dabei»).

zitronen

So verändert sich die Beschaffenheit einer von Schimmel befallenen Zitrone während fünf Tagen im Vergleich zu einem behandelten Exemplar. (v.l.n.r. Montag, 14 Uhr / Dienstag, 22 Uhr / Mittwoch, 12 Uhr / Donnerstag, 7 Uhr / Freitag, 7 Uhr)

Noch in diesem Jahr will das Waadtländer Start-up bei den europäischen und Schweizer Behörden die Zulassung für das Produkt beantragen. Es sollte sie bis 2024 erhalten. Bis dahin bietet Agrosustain den Obst- und Gemüseproduzenten Dienstleistungen an, um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu optimieren und zu reduzieren. «Dank unserer Forschung können wir einschätzen, wann und in welcher Menge Pestizide effizienter und effektiver eingesetzt werden können», sagt Frits Vranken, Leiter Unternehmensstrategie. Eine Herausforderung bestehe darin, dass bestimmte Schädlinge gegen einige Mittel resistent geworden seien. Insofern verspricht sich Agrosustain neben der Reduktion von Food­Waste auch einen Beitrag zur nachhaltigen Landwirtschaft, zum Beispiel bei der Wasser- und Bodenverschmutzung.

 

Bilder: Getty Images, Marco Barbera, zVg

Die Migros war schon früh dabei

Im Rahmen des Start-up-Förderungsprogramms Venture Kick ist die Migros auf Agrosustain aufmerksam geworden und arbeitet seit zwei Jahren mit dem Spin-off der Universität Lausanne zusammen.

Venture Kick fördert junge Schweizer Start-ups, beispielsweise indem Zugang zu Investoren, Schulungen und weiteren Angeboten vermittelt wird. Die Migros unterstützt mit dem Förderfonds Engagement Migros die Initiative Venture Kick bei der Weiterentwicklung. Der Förderfonds ist Teil des gesellschaftlichen Engagements der Detailhändlerin, zu dem auch das Migros-Kulturprozent und der Unterstützungsfonds zählen.

Neben der Zusammenarbeit mit Agrosustain betreibt die Migros weitere Initiativen, um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und die Vergeudung von Lebensmitteln zu reduzieren. So läuft derzeit ein Projekt mit Bauern der Organisation IP-Suisse, Weizen ohne den Einsatz von Pestiziden anzubauen.

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