Armando Santacesaria

Migros Industrie

«Wir produzieren, was unsere Kunden mögen»

Armando Santacesaria leitet die Migros Industrie, die einen Grossteil des Migros-Sortiments herstellt. Der schweizerisch-italienische Doppelbürger über Frauenquoten, Inflation – und warum die Migros seinen Lieblingskaffee nicht hat.

Von
Kian Ramezani
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Interview

Armando Santacesaria, was machen Sie bei der Migros?

Ich leite die Migros Industrie. Unsere Produktionsbetriebe stellen über 20'000 Eigenprodukte für die Migros her. Kult-Eistee, Jowa-Bürli, Candida-Zahnpasta, Frey-Risoletto und viele mehr.

Lohnt es sich für die Migros, diese Produkte selbst herzustellen?

Auf jeden Fall. Wir kontrollieren die gesamte Wertschöpfungskette, vom Einkauf der Rohstoffe, über die Entwicklung der Rezepturen, bis hin zur Produktion und Verpackung. Wenn die Migros zum Beispiel entscheidet, für ihr Brot nur noch Mehl in mindestens IP-Suisse-Qualität zu verwenden, dann können wir sofort mit der Umsetzung starten.

Und worin liegt der Nutzen für die Kunden?

Der zeigt sich etwa in der aktuellen Situation: Auch die Migros Industrie spürt die Auswirkungen der Inflation. Rohstoffe, Energie, Verpackungsmaterial, alles ist teurer geworden und hat uns im vergangenen Jahr Mehrkosten in dreistelliger Millionenhöhe beschert. Aber wir sind in der Lage, die Preissteigerungen zumindest teilweise abzufedern. Denn unser Ziel ist nie die Gewinn-Maximierung, sondern das beste Preis-Leistungs-Verhältnis für die Migros-Kunden. Die Bedeutung der Eigenindustrie zeigte sich auch während der Corona-Pandemie, als wir mit unseren Fabriken einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit der Schweiz leisteten.

Neben der Inflation liest man derzeit viel über Fachkräftemangel. Wie ist die Migros Industrie davon betroffen?

Wir spüren das auf jeder Ebene, vom Management bis in die Produktion. Aktuell sind in der Migros Industrie über 350 Stellen offen. Ich ermutige alle Berufstätigen, die eine neue Herausforderung suchen, unbedingt den Stellenmarkt der Migros Industrie anzuschauen: Herstellung, Betriebstechnik, IT – wir haben viele spannende Jobs zu bieten.

Sie betonen die Wichtigkeit der Migros Industrie für die Eigenmarken. Tatsächlich nimmt die Migros aber regelmässig Fremdmarken ins Sortiment.

Eine Migros ohne Eigenmarken ist undenkbar. Gleichzeitig möchten wir, dass unsere Kunden alle ihre Lieblingsprodukte in den Filialen finden. Dazu gehören auch ausgewählte Fremdmarken. Der Anteil der Eigenmarken am Gesamtsortiment liegt seit Jahren stabil bei rund 80 Prozent, denn auch die Migros Industrie bringt regelmässig neue Produkte auf den Markt. Darunter viele der pflanzenbasierten Produkte der neuen Eigenmarke V-Love. Oder Weltneuheiten wie CoffeeB, das Kapselsystem ohne Kapsel mit seinen vollständig kompostierbaren Coffee Balls.

Die Bedeutung der Eigenindustrie zeigte sich auch während der Corona-Pandemie, als wir mit unseren Fabriken einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit der Schweiz leisteten.

Armando Santacesaria

Neben den Fremdmarken gibt es auch Druck von den Discountern. Wie wollen Sie mit der Migros Industrie noch wachsen?

Wachstum ist für uns nie Selbstzweck. Wir möchten mit unseren Produkten Erfolg haben und die Migros-Kunden mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis begeistern. Wachstum ist vor allem im Ausland ein Thema, wo wir «Swissness» in Form von Käse, Kaffee, Schokolade sowie Kosmetik- und Hygieneprodukten exportieren.

Wie bedeutend ist das Ausland für die Migros Industrie?

2022 erzielten wir im Ausland erstmals einen Umsatz von einer Milliarde Schweizer Franken. Das entspricht einer von sechs Milliarden, welche die Migros Industrie im Jahr gesamthaft erwirtschaftet. Das Exportgeschäft tangiert indirekt auch den Schweizer Markt, denn je mehr wir im Ausland verkaufen, desto besser sind unsere Produktionsanlagen ausgelastet. Dies wiederum senkt die Stückkosten für alle.

Was wird die Migros Industrie als nächstes aus dem Hut zaubern?

Wir arbeiten an verschiedenen Innovations-Themen. Zum Beispiel «Cultured Meat, also Fleisch, das durch die Kultivierung von Stammzellen entsteht. Wir sind überzeugt, dass solche Produkte langfristig einen Beitrag zur Lösung des Klimawandels und der globalen Ernährungssicherheit leisten können. Ein beachtlicher Teil unserer Innovationen findet jedoch abseits der eigentlichen Produkte statt, etwa im Bereich Verpackungen. Hier waren wir die ersten, die PET aus CO2 verarbeiten.

Sie sind in Italien aufgewachsen. Gibt es Produkte, die Sie in der Migros vermissen?

Ich kam vor 25 Jahren in die Schweiz. Mit Italien und meiner Jugend verbinde ich den Kaffee. Heute ist es jedes Mal eine Reise nach Italien und in meine Vergangenheit, wenn ich einen Espresso mit hohem Robusta-Anteil trinke. Dieser ist herrlich erdig und nussig. In der Schweiz ist die Arabica-Sorte beliebter – sie schmeckt fruchtig und nur leicht bitter. Manchmal vermisse ich den italienischen Kaffee meiner Jugend.

Weswegen produziert die Migros Industrie keinen Robusta-Kaffee?

Wir produzieren, was unsere Kunden mögen, und nicht, was ich persönlich mag.