Zwei Kühe begegnen sich auf einer Alp.

Viehwirtschaft im Alpenraum

Warum gehen Kühe eigentlich auf die Alp?

Für viele Tiere hat der Alpsommer begonnen. Doch wieso gehen sie überhaupt in die Höhe? Und warum ist das sogar für die Umwelt gut? Die Antworten.

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Edita Dizdar
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Was wir tun

Welche Tiere gehen in der Schweiz auf die Alp?

Auf den Schweizer Alpweiden grasen Milchkühe, Mutterkühe und ihre Kälber, Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde. Auf einzelnen Alpen werden gar Alpschweine gehalten.

Wie viele Tiere sind es pro Jahr?

Insgesamt gehen über eine halbe Million Tiere auf die Alp. Etwa 400’000 davon sind Milchkühe, Mutterkühe und Rinder.

Verkauft die Migros Fleisch von Tieren, die auf der Alp waren?

Ja, so verbringt zum Beispiel ein Teil der Bio-Weide-Beef-Rinder die Sommermonate auf der Alp – je nach Betriebstradition und Standort. Während die Bio Weide-Beef-Tiere im Tal täglich mindestens acht Stunden auf der Weide grasen, sind jene in den Bergen ausschliesslich an der frischen Luft. Ihr Futter besteht auf der Alp zudem zu 100 Prozent aus Weidepflanzen. «Dies ist die artgerechteste Weise, Tiere zu halten. Das zeigt sich auch in der hohen Qualität des Weide-Beef-Fleisches, welches die Migros verkauft», sagt Dennis Pisoni, Nachhaltigkeitsexperte bei Micarna.

Wie viel Fläche steht den Tieren zur Verfügung?

Die Alpfläche, auf der die Tiere ihren Sommer verbringen, nennt man Sömmerungsgebiet. Dieses ist aufgrund der klimatischen Lage nicht für die landwirtschaftliche Produktion geeignet. In der Schweiz liegen diese Gebiete in den Alpen, den Voralpen und im Jura. Sie sind insgesamt etwa 500'000 Hektaren gross. Dies entspricht etwa einem Achtel der Gesamtfläche der Schweiz.

Wieso bringen Bauern ihre Tiere im Sommer auf die Alp?

 Dabei handelt es sich um eine Jahrhunderte alte Tradition. Der Zweck eines Alpsommers ist die Erweiterung der Nahrungsgrundlage für die Nutztiere. Ist das Futter im Tal zu knapp, können Bauern ihre Herden auf saftige Alpweiden bringen und so sicherstellen, dass sie genug zu fressen haben. Währenddessen kann im Tal Heu und Grünfutter konserviert und so für die kalten Monate vorgesorgt werden. Auch sind die Alpauf- und -abzüge von kultureller und touristischer Bedeutung. Die schön geschmückten Tiere erfreuen jeweils zig Tausend Zaungäste am Strassenrand.

Schicken alle Bauern ihre Tiere auf die Alp?

Nein. Im Tal leben mehr Tiere, als auf Alpweiden gehen können. Der Alpsommer ist aufwändig und nicht alle Landwirte sind den Traditionen verbunden. Der Bund unterstützt die Sömmerung – so nennt man den sommerlichen Weidegang von Nutztieren auf einer Alp – deshalb finanziell und schafft so für die Bauern Anreize. Auch weil es in den Tälern in den Sommermonaten zunehmend trocken bleibt, werden die Berge wieder zu einer Alternative.

Gehören unsere Nutztiere eigentlich auf die Alp?

Dies ist nicht für alle Tiere gleich. Sehr leistungsstarke Milchkühe können auf der Alp nicht genügend Nährstoffe aufnehmen, um ihren hohen Bedarf zu decken. Beat Reidy, Professor für Graslandnutzung und Wiederkäuersysteme an der Berner Fachhochschule sagt: «Ist von Milchkühen mit moderater Leistung die Rede, dann ist die Alp eine gute Sache.» Diese Tiere seien für die Alp angepasst, die frische Luft, die Bewegung und das frische Futter täten ihnen gut.

Was würde passieren, wenn keine Tiere mehr auf die Alp gehen?

Die Folge wäre, dass die Weiden allmählich zuwachsen. Alles unterhalb der Waldgrenze, die in der Schweiz je nach geografischer Lage bei rund 1800 Metern über Meer liegt, wäre übersät mit Büschen und längerfristig von Wald bedeckt. Kühe können bis etwa 2000 Höhenmeter hochsteigen, Schafe noch höher, da sie mit weniger Nährstoffen auskommen. Ohne Alptiere würden über kurz oder lang auch viele Skipisten zuwachsen, da diese oft im Sömmerungsgebiet liegen. Das Landschaftsbild würde sich stark verändern. Gemäss Arealstatistik des Bundes hat die Waldfläche im Zeitraum zwischen 2009 und 2018 um ca. 2% zugenommen. Laut Experte Beat Reidy betrifft der Grossteil davon wohl Alpflächen, die nicht mehr genutzt wurden.

Wie entwickelt sich die Viehwirtschaft im Alpenraum?

Würde der Trend mit der Verwaldung fortschreiten, so hätten wir im Alpenraum sehr bald sehr viel mehr wilde Tiere wie Bären oder Wölfe. Ein anderes Szenario: In einigen Jahrzehnten wird die landwirtschaftliche Fläche im Tal kaum mehr ausreichen, um alle Menschen hierzulande mit Lebensmitteln zu versorgen. Darum sieht Forscher Beat Reidy in den Sömmerungsgebieten eine mögliche Erweiterung der Nahrungsgrundlage der Zukunft.

Was zeichnet Alpweiden aus?

«So biodivers wie sie ist sonst keine Fläche in der Schweiz», sagt Beat Reidy von der Berner Fachhochschule. Das heisst, nirgends finden sich mehr Pflanzen und Insekten auf einem Raum. Die Nutztiere helfen dabei, dieses System aufrecht zu erhalten, weil sie auf den Wiesen grasen, sie dadurch erhalten und mit ihrem Mist gleichzeitig wieder düngen.

Wie hat sich die Alpwirtschaft in den letzten Jahren verändert?

Laut dem Bundesamt für Landwirtschaft hat sich die Zahl der Sömmerungsbetriebe zwischen 2003 und 2021 von 7472 auf 6663 reduziert. Da bestehende Betriebe fusionierten oder durch Nachbarbetriebe übernommen wurden, sind die Sömmerungsbetreibe tendenziell aber grösser geworden. Insgesamt war der Tierbesatz auf den Alpen in den letzten 20 Jahren relativ stabil. Während die Zahl der gealpten Milchkühe seit 2000 um rund zehn Prozent zurückgegangen ist, hat sich die Zahl der Mutterkühe verdreifacht.

Gibt es einen Geschmacksunterschied in der Milch oder beim Fleisch von Tieren, die auf der Alp waren?

«Man kann tatsächlich Unterschiede feststellen», sagt Experte Beat Reidy. Dies sei wohl auf die sekundären Inhaltsstoffe, also Farb-, Duft- oder Aromastoffe in den Pflanzen, die auf der Alp wachsen, zurückzuführen.