Nancy Da Silva steht in einer Küche, vor ihr eine Pfanne und Gemüse.

Zöliakie

Ein Freudentanz wegen glutenfreier Pizza

Als Nancy Da Silva vor zehn Jahren die Diagnose Zöliakie erhielt, wurde ihr Leben kompliziert. Die Micarna-Mitarbeiterin ist froh, dass die Migros ihr glutenfreies Sortiment mittlerweile stark ausgebaut hat.

Von
Andrea Söldi
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Nancy Da Silva hat ihr Essen von zuhause mitgebracht. Im Mikrowellengerät wärmt sie die selbst gekochte Paella auf. Heute stehen an der Theke des Micarna-Personalrestaurants in Bazenheid zwar Mais und Reis zur Auswahl - Beilagen, welche die Zöliakie-Betroffene im Prinzip essen könnte. Doch sie traut der Sache nicht über den Weg: «Vielleicht wurden sie mit Boullion zubereitet oder jemand hat beim Schöpfen die Löffel vertauscht.» Meist bedient sie sich deshalb nur beim Salat ohne Sauce oder bei den Wienerli.

Die Assistentin in der Geschäftsleitung der Migros-Tochter Micarna achtet streng auf eine Ernährung ohne Gluten. Das Protein kommt in Weizen, Roggen, Gerste, Dinkel, Grünkern und Emmer vor, nicht aber in Mais, Reis, Hirse, Buchweizen, Kartoffeln und Soja. Kleinere Mengen an glutenhaltigen Getreiden verstecken sich auch in vielen Fertigprodukten wie etwa Suppen, Saucen, Würsten, Hamburgern, Getränken und sogar in Zahnpasta. Und auch glutenfreies Getreide, das in denselben Mühlen wie Weizen bearbeitet wurde, kann Spuren enthalten.

Vor zehn Jahren erhielt die heute 39-Jährige die Diagnose Zöliakie. «Ich hatte den Begriff noch nie zuvor gehört», blickt sie zurück. Einerseits sei sie froh gewesen, endlich die Ursache ihres angeschlagenen Gesundheitszustands zu erfahren. Anderseits war sie stark verunsichert: «Ich fragte mich, was ich jetzt noch essen kann.»

Psychische Ursache vermutet

Schon als Jugendliche hatte sie immer wieder an starken Magen-Darmbeschwerden wie Durchfall und Übelkeit gelitten, aber auch an Nasenbluten, Gelenkschmerzen und extremer Müdigkeit. Wegen des gravierenden Nährstoffmangels verschrieb ihr der Hausarzt immer wieder Eiseninfusionen und Vitamine. Gleichzeitig gab er ihr jedoch zu verstehen, dass ihre Symptome wohl psychische Gründe hätten. «Ich wusste, dass das nicht stimmen kann», sagt Da Silva. «Mir ging es sonst gut.»

Nach einem ausgeprägten Schwächezustand liess sie sich von einem Facharzt der Inneren Medizin gründlich untersuchen. Ein Bluttest sowie eine Zwölffingerdarm-Biopsie führten endlich zum klaren Befund. Die bisherige Ernährung mit viel Brot, Pizza und anderen Getreideprodukten hatten ihre Dünndarmschleimhaut bereits stark geschädigt. Deshalb auch der ständige Eisen- und Vitaminmangel.

Zur Expertin geworden

Die Umstellung der Ernährung sei schwierig gewesen, erzählt die Flawilerin. Nach einer Ernährungsberatung entsorgte sie die meisten Vorräte sowie diverse Utensilien wie etwa Holzbrettchen. «Mein erster Einkauf in der Migros dauerte zwei Stunden», erinnert sie sich. Sie habe auf allen Produkten die Inhaltsangaben gelesen, die ihr teilweise wie Kauderwelsch vorkamen. Vor zehn Jahren habe es noch kaum glutenfreie Produkte gegeben, bis auf ein Toastbrot, das wie Karton schmeckte. Sie begann deshalb, viel selbst zu kochen und backen – etwa mit Reis-, Kartoffel- oder Kastanienmehl. Indem sie sich mit dem Thema Ernährung auseinandersetzte, wurde sie geradezu zur Expertin. Auf Social Media und ihrem Blog, publiziert sie Rezepte empfiehlt Restaurants, die sich auf glutenfreie Ernährung verstehen, und gibt Reisetipps.

Vom Reisen lässt sie sich nämlich nicht abhalten, auch wenn es mit dem Essen kompliziert ist. Sie hat immer ihren eigenen Proviant im Gepäck und oft isst sie unterwegs nur kalt. Am einfachsten ist es für sie in Italien, wo viele Restaurants glutenfreie Pizza und Pasta anbieten.

Produktion in separatem Betrieb

Für ihren Partner und die dreijährige Tochter gibt es zuhause auch mal gewöhnliche Kost. Ihre eigenen Lebensmittel bewahrt Da Silva jedoch in einem eigenen Küchenschrank auf. Die zertifizierten Produkte seien zwar meist deutlich teurer als andere, sagt sie. Doch seit sie einmal den zur Migros gehörigen Betrieb Huttwiler glutenfree besichtigte, hat sie dafür Verständnis: Um Verunreinigungen zu vermeiden, braucht es eine extra Produktionsstätte mit eigenen Maschinen. Nancy Da Silva ist froh, dass das Sortiment mit dem Label der durchgestrichenen Ähre mittlerweile stark gewachsen ist. Wenn es schnell gehen muss, kann auch sie nun auch mal eine Packung Spinat-Tortelloni wärmen. «Und als ich zum ersten Mal eine glutenfreie Tiefkühlpizza entdeckte, führte ich in der Migros einen Freudentanz auf.»