Barbara Infanger in der Migros Verteilbetrieb AG in Neuendorf SO

Asperger-Autismus

«Ich sehe alle Fehler, als würden sie leuchten»

Barbara Infanger ist 43 Jahre alt und macht bei der Migros Verteilbetrieb AG in Neuendorf eine Lehre als Logistikerin. Sie hat Asperger-Autismus und erzählt, warum ihr das im Arbeitsalltag sogar oft nützlich ist.

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Lisa Stutz (aufgezeichnet)
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«Komme ich in einen Raum, sehe ich ­sofort alle Fehler. Es ist, als würden sie leuchten. Als Logistikerin ist das natürlich praktisch. Neulich wurde für die Lernenden im dritten Lehrjahr eine Übung aufgebaut, in der 13 Fehler versteckt waren. Ich kam per Zufall vorbei und sah sofort 12 davon. Nach nicht einmal 40 Sekunden im Raum.

Diese Gabe hilft mir enorm in der Logistik, aber weniger im Zwischenmenschlichen. Ich habe Asperger-Autismus. Das heisst, ich bin eine kommunikative Autistin – man nennt es auch das «Little Professor Syndrome».

Sehe ich einen Fehler, sage ich es sofort und bin dabei nicht sehr ­diplomatisch. Damit stosse ich andere Leute oft vor den Kopf.

Barbara Infanger, 43

Das trifft es ganz gut: Man hat sofort ein Kind vor Augen, das alles besser weiss. So eines war ich und bin ich noch heute. Sehe ich einen Fehler, sage ich es sofort und bin dabei nicht sehr ­diplomatisch. Damit stosse ich andere Leute oft vor den Kopf.

Kindheit & Autismus

Als Kind hatte ich keine Ahnung, wa­rum ich anders bin als die anderen. Ich fühlte mich oft wie eine Ausserirdische. Wenn du blind auf die Welt kommst, weisst du nicht, wie die Farbe Rot aussieht. Man kann es dir 100 Mal ­sagen, aber du weisst es nie. Bei mir ist es so, dass ich keine Mimik oder Gestik lesen kann – die nonverbale Kommunikation geht komplett an mir vorbei.

Wenn mich also jemand blöd anguckt oder zwischen den Zeilen spricht, merke ich es nicht. Ich weiss nicht, wie jemand etwas meint, wenn er oder sie es nicht direkt sagt. Das führt oft zu Missverständnissen. Als Kind gab man mir sehr klar zu verstehen, wenn ich nicht so reagierte, wie es von mir erwartet wurde. Als Erwachsene merkte ich: Andere erzählen von Freunden, von gemeinsamen Plänen am Wochenende. So etwas hatte ich nie.

Die Diagnose

Meine Diagnose kam relativ spät. Ich war 36 Jahre alt und arbeitete in einem kleinen Produktionslager. Bis dahin war mein Berufsleben nicht wirklich konstant, ich habe immer wieder etwas Neues ausprobiert, nirgendwo richtig ­hineingepasst. Es war mein damaliger Chef, der als Erster die Vermutung hatte, dass ich vielleicht Autismus habe.

Ich las mich ein und hatte ein Aha-Erlebnis: Genau das ist es! Die Diagnose half mir, mich besser zu verstehen. In der Therapie lerne ich, wie ich diplomatischer sein kann. Medikamente geben meinem Hirn einen Filter, damit nicht alle Informa­tionen pausenlos eindringen.

Der Weg zur Migros

Nach einigen Jahren als Selbständige bin ich zur Migros gekommen. Ich merkte schnell, dass ich hier bleiben will. Also entschloss ich mich, eine ­Lehre als Logistikerin bei der Migros Verteilbetrieb AG in Neuendorf zu machen – das ist der grösste Logistikbetrieb in der Schweiz. Ich bin jetzt 43 Jahre alt, im zweiten Lehrjahr und sehr glücklich ­damit. Ich kann hier jeden Tag meine ­Fähigkeiten ausleben, dafür bin ich dankbar.

Mittlerweile wissen alle, dass ich Asperger-Autistin bin. Meine Ausbildner haben gelernt, dass sie mit mir genauer kommunizieren müssen und ich nicht einfach so weiss, was sie meinen. Natürlich gibt es immer wieder ­Herausforderungen im Alltag.

Mein Motto ist aber: Ich mag keine Probleme, darum suche ich Lösungen. Das zweite Thema bei mir ist, dass ich nicht schon immer eine Frau war. Man hört das an meiner Stimme, und manchmal führt das zu Irritationen. Dass ich eine Transfrau bin, war hier aber nie eine grosse Sache, und das sollte es auch nicht sein.

Bald beginnt mein drittes Lehrjahr. Ich darf an einem Förderprogramm teilnehmen, darauf freue ich mich sehr. Mein nächstes Ziel ist, dass ich meine Lehre gut abschliesse. Für mich ist klar, dass ich danach bei der Migros bleiben will.

Einerseits, weil die Logistik meine grosse Leidenschaft ist. Andererseits bin ich froh, dass die Migros nicht nur gegen aussen eine moderne Arbeitgeberin ist, sondern das auch wirklich so lebt – ob es nun um mein Alter, mein Geschlecht oder um meine Diagnose geht.»