Gottlieb Duttweiler

Der Migros-Gründer war Visionär, Querdenker und charmanter Choleriker – und er hat mehr als nur das Einkaufen neu erfunden.
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Unsere Geschichte
Im Migros-Gründer sahen manche Zeitgenossen einen Exzentriker, andere verehrten ihn wie einen Heiligen. Das zeigen historische Zeitungszitate. Warum löste Gottlieb Duttweiler so starke Emotionen aus?
Gottlieb Duttweiler wuchs in Zürich in einer Familie auf, in der die Frauen das Sagen hatten. Er war der einzige Junge unter vier Schwestern. Sein Vater, ein ehemaliger Wirt, arbeitete als Verwalter beim Lebensmittelverein Zürich. Manche Biografen sind sich sicher, dass der frauenlastige Haushalt Dutti stark prägte. Sein Leben lang hatte er ein offenes Ohr für Frauen. Seine Ehefrau Adele war seine engste Vertraute. Und seine Beraterin Elsa Gasser, eine brillante Ökonomin und ehemalige «NZZ»-Journalistin, nannte er «meine fest besoldete Opposition», weil er ihren Widerspruch und ihre kühnen Ideen schätzte. Er galt auch als grosser Charmeur, der später als Migros-Chef bei Ladeneröffnungen die Kundinnen verzauberte. Zeitgenossen beschrieben Dutti zudem als «Menschenfischer», der nicht nur Frauen von seinen Ideen überzeugen konnte.
Als Duttweiler 1925 die Migros gründete, setzte er alles auf eine Karte – die Gunst der Hausfrauen. Er liess in Zürich fünf Verkaufswagen mit konkurrenzlos günstigen Produkten ausschwärmen. Ein Migros-Flugblatt begann damals mit den Worten «An die Hausfrau, die rechnen muss». Der Firmengründer war sich sicher: Die Frauen würden die Vorzüge der rollenden Läden erkennen.
Und ich gebe gerne zu, dass ich den Lebensmittelhandel nur revolutionieren konnte, weil ich einen intelligenten Partner fand: die Schweizer Hausfrau.
Schon als Bub nervte Duttweiler die Lehrer mit seiner unruhigen, aufmüpfigen Art. Er wollte sich nie mit den bestehenden Verhältnissen abfinden. Er brach auf Wunsch der Schulleitung die Kantonsschule ab und machte eine kaufmännische Lehre. Gehandelt hatte er schon als Kind gern, etwa mit selbst gezüchteten Meerschweinchen. Als er 1925 die Migros gründete, erschütterte er damit den althergebrachten Schweizer Detailhandel.
Er trat wie ein Elefant in das fein gesponnene Netz von Preisabsprachen, Produzententrusts und Politikern (…).
Sein Leben lang testete Dutti neue Geschäftsideen und nahm dabei immer auch Fehlschläge in Kauf. Die Migros verdankt ihre Gründung einer ganzen Serie von schweren Rückschlägen in Duttweilers Leben, etwa als Zuckerrohrproduzent in Brasilien. Aufhalten liess er sich dadurch nie, stets witterte er schon die nächste Chance. Ein Paradebeispiel dafür war sein Versuch, das Taxigewerbe aufzumischen: 1951 kaufte er in London 100 Kleintaxis, mit denen er in Zürich günstig Fahrgäste befördern liess. Er wollte, dass sich auch ein «Büezer» ein Taxi leisten konnte. Es kam zu einem Preiskrieg, den Dutti verlor. Er musste seine Autos verkaufen, reklamierte es aber als Erfolg für sich, dass die Taxitarife nun dauerhaft gesunken waren.
Dass es zu diesem Notstand im Zürcher Taxigewerbe kam, das hat der Migros-Präsident, Gottlieb Duttweiler, so gewollt. Seine Drohung, die Zürcher Strassen mit 100 gelben Wägeli zu überschwemmen, hat die Zürcher Taxihalter sehr rasch geeinigt.
1933 erreichte die Migros-Konkurrenz, namentlich der mittelständische Detailhandel, dass der Bund das sogenannte Filialverbot erliess. Es blieb bis 1945 in Kraft und legte Duttis Firma Fesseln an: Sie durfte nun keine neuen Läden mehr eröffnen.
Um das Verbot besser bekämpfen zu können, ging Duttweiler in die Politik – widerwillig, quasi aus Notwehr. Er gründete die Partei Landesring der Unabhängigen und wurde 1935 in den Nationalrat gewählt. Insgesamt 24 Jahre lang gehörte er zum Parlament.
Mit seiner rastlosen, ungeduldigen Art eckte Dutti im behäbigen Berner Politikbetrieb immer wieder an. Er galt als Choleriker, manchmal schroff und grob, aber soll stets ein guter Zuhörer gewesen sein. Er kämpfte temperamentvoll für Gewerbefreiheit und gegen Kartelle, öfter auch vor Gericht, stiess aber auf heftige Ablehnung. Immer wieder warf man ihm vor, dass er aus purem Eigeninteresse für seine Migros politisierte.
Er wurde in der helvetischen Politik als geschmackloser und exzessiver Kaufmann mit unberechenbaren Allüren wahrgenommen.
1948 wollte Duttweiler mit einem Vorstoss erreichen, dass die Schweiz Vorräte aus lebenswichtigen Gütern anlegte, um für künftige Kriege gewappnet zu sein. Weil der Nationalrat das Anliegen immer wieder verschleppte, riss Dutti der Geduldsfaden. Aus Protest warf er im Bundeshaus mit zwei Steinen ein Fenster ein. Seine Gegner sahen darin den Beweis, dass er nun endgültig übergeschnappt war.
In den 1910er-Jahren war Duttweiler noch ein konventioneller Lebensmittelgrosshändler gewesen, der ein grosses Vermögen anhäufte und nach dem Ersten Weltkrieg wieder verlor. Als Migros-Chef stellte er den herkömmlichen Kapitalismus immer mehr infrage. Er propagierte eine neue Marktwirtschaft, die den Menschen dienen sollte.
Der rücksichtslose manchesterliche Liberalismus ist tot, es lebe der verantwortungsbewusste soziale Liberalismus!
Den grossen Worten liess Dutti ebenso grosse Taten folgen. 1948 gründete er die Klubschule Migros, die Bildung auch für ärmere Schichten erschwinglich machte. 1957 schuf er das Migros-Kulturprozent. Dank dieser Einrichtung gibt die Migros heute jährlich 121 Millionen Franken für das Wohl der Allgemeinheit aus. Seinen kühnsten Wurf wagte Dutti schon 1940, als er sein Unternehmen in eine Genossenschaft umwandelte. Damit verschenkte er sein Lebenswerk an die Bevölkerung.
Gegen Ende von Duttweilers Leben nahmen die Anfeindungen gegen ihn ab, auch die bürgerliche Presse zollte ihm nun Respekt. Man war sich inzwischen einig, dass er viel für die Schweiz und besonders viel für die ärmeren Menschen im Land getan hatte.
Die Ehe Duttweilers blieb kinderlos, seine väterliche Fürsorge umschloss deshalb seine ‹Familie M›.
Als er 1962 starb, war die Anteilnahme riesig. Die Abdankung fand im Zürcher Fraumünster statt, doch das Meer der Trauernden fand darin keinen Platz. Die Messe wurde in drei weitere Kirchen übertragen. Besonders stimmig brachte damals die Zeitung «Blick» die Stimmung auf den Punkt: Dutti hinterliess in der Schweiz schlicht eine riesige Lücke.
Es starb ein grosser Menschenfreund. Es starb ein Mann, der nie Bundesrat wurde, aber die Schweiz in vielen Belangen umkrempelte, dass vielen Hören und Sehen verging.
Und wie sieht man Dutti heute? 63 Jahre sind seit seinem Tod vergangen, und doch hat er nichts von seiner Bedeutung verloren: Er war ein überragender Pionier; er hat die Schweiz in vielen Lebensbereichen modernisiert. Auch wer nichts über ihn weiss, lebt doch in einem Land, das Dutti geprägt hat.
Er war eine Jahrhundertfigur, ein Gestalter, ein Streitlustiger, ein Furchtloser. Und Gottlieb Duttweiler war das Gesamtpaket: Unternehmer, Publizist, Politiker.
Der Migros-Gründer war Visionär, Querdenker und charmanter Choleriker – und er hat mehr als nur das Einkaufen neu erfunden.
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