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Zur Rose CEO Emanuel Lorini

Interview

Warum Medikamente knapp werden und was Zur Rose dagegen tut

Immer wieder fehlen Medikamente in der Schweiz – mit teils ernsten Folgen für Betroffene. Wo die Ursachen liegen und wie die Ärzte-Grossistin und Online-Apotheke Zur Rose das Problem angeht, verrät CEO Emanuel Lorini.

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Jörg Marquardt
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Anna-Tina Eberhard
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Interview

Seit Monaten ist das Schmerzmittel Buprenorphin kaum mehr lieferbar – ein Problem für Menschen mit sehr starken Schmerzen, etwa nach Operationen. Ist das ein typischer Fall?
Leider ja. Engpässe betreffen alle Arten von Medikamenten. Der Anteil der fehlenden Medikamente schwankt zwischen zwei und zehn Prozent. Derzeit sind über 700 Verpackungen international nicht lieferbar – das entspricht rund vier Prozent der in der Schweiz registrierten Medikamente. Besonders gravierend sind Engpässe bei Schmerz- und Betäubungsmitteln sowie Antibiotika, weil dort der Leidensdruck sofort hoch ist.

Müssen Schmerz- oder Parkinson-Patienten jederzeit damit rechnen, dass ihre gewohnten Medikamente plötzlich nicht mehr verfügbar sind?
Dies kann im Einzelfall passieren. Wenn kritische Medikamente fehlen, finden Betroffene zusammen mit ihrem Arzt oder ihrer Apothekerin jedoch oft eine Lösung in Form eines gleichwertigen Präparats.

Wie lange dauern diese Engpässe im Normalfall?
Oft nur wenige Wochen. Bei einzelnen Medikamenten ziehen sich die Lieferschwierigkeiten jedoch über Monate hin. Als Grosshändlerin haben wir unser Lager deshalb gezielt ausgebaut. Von 100 bestellten Medikamenten können wir derzeit 99 fristgerecht und in der benötigten Menge liefern. Dies jedoch nur, weil wir kritische Arzneimittel mindestens für zwei Monate vorrätig haben.

Seit Jahren nehmen Lieferschwierigkeiten bei wichtigen Medikamenten zu, warum?
Wir sind stark von globalen Lieferketten abhängig. Die einzelnen Bestandteile der Medikamente werden oft an verschiedenen Orten hergestellt. Zudem gibt es einen enormen Preisdruck auf nicht mehr patentierte Präparate, daher konzentriert sich die Produktion der Rohstoffe in Tieflohnländern wie China und Indien. Geopolitische Konflikte, Probleme in der Logistik oder Störungen in einem Werk gefährden schnell die ganze Lieferkette.

Trägt die Schweiz eine Mitverantwortung?
Unsere Bevölkerung wächst und altert, wodurch die Nachfrage nach Therapien steigt. Gleichzeitig gibt es einen starken Preisdruck und die strengen Auflagen bei der Zulassung von Medikamenten. Dadurch ist unser Markt für Hersteller immer weniger attraktiv. Dies geht zulasten der Versorgungssicherheit.

Nun will der Bund die Beschaffung erleichtern. Zum Beispiel soll es für Arzneimittel, die in der Schweiz und der EU zugelassen sind, keine schweiz-spezifische Verpackung mehr geben. Wird das die Lage entschärfen?
Der Abbau von Hürden bei den Verpackungsvorgaben ist sinnvoll. Dies erleichtert die Produktionsplanung für Hersteller und kann in gewissen Bereichen zu einer Entlastung beitragen. Die Ursachen der Engpässe wie etwa der hohe Preisdruck bei der Produktion von Generika oder fragile internationale Lieferketten bleiben jedoch bestehen.

Der Preisüberwacher kritisiert seit Jahren, dass Generika in der Schweiz deutlich mehr kosten als im Ausland – wie kann das sein?
Generika gehören zu den günstigsten Medikamenten. Die Preise reflektieren das generell höhere Kosten- und Lohnniveau in der Schweiz, das auch bei anderen Gütern höher ist als im Ausland. Sie werden staatlich festgelegt und regelmässig überprüft, um Kostensenkungen zu realisieren und gleichzeitig ein funktionierendes Angebot zu gewährleisten.

Müsste die Schweiz nicht besser abgesichert sein, immerhin haben wir Roche und Novartis?
Roche und Novartis tun ihr Möglichstes, um die Schweiz ausreichend zu versorgen. Aber sie decken zusammen nur einen kleinen Teil der registrierten Medikamente ab. Zudem liefern sie vor allem patentgeschützte Originalprodukte aus. Engpässe gibt es jedoch vor allem bei patentabgelaufenen Medikamenten und bei deren generischen Alternativen.

Was tut Zur Rose, wenn ein Medikament knapp wird?
Haben wir genug Vorräte, beobachten wir zuerst die Entwicklung. Dauert der Engpass an, prüfen wir die Alternativen: Können wir auf andere Lieferanten ausweichen? Ist das Medikament in einer anderen Dosierung erhältlich? Oder gibt es ein alternatives Präparat mit demselben Wirkstoff, sprich: ein Generikum? Dann informieren wir die behandelnden Ärzte und Apothekerinnen über die Alternativen.

Der Bundesrat will Engpässe durch eine bessere Kategorisierung der Medikamente und einer engeren Überwachung des Markts abmildern. Was halten Sie davon?
Der Bund sollte gute Rahmenbedingungen schaffen. Er legt die Einkaufspreise für Medikamente fest. Regelmässige Preissenkungen – vor allem bei günstigen Medikamenten, die länger am Markt sind – gefährden die Wirtschaftlichkeit. Stabile Preise für kritische Medikamente, geknüpft an Sicherheiten, könnte Hersteller motivieren, die Verfügbarkeit in der Schweiz zu verbessern.

Was können Patientinnen und Patienten selbst tun, um Engpässen vorzubeugen?
Ich rate davon ab, Vorräte anzulegen, allein schon wegen des Verfallsdatums. Sinnvoller ist es, ein Medikament schon bei Anbruch der letzten Verpackung oder des letzten Blisters nachzubestellen. Kommt es zu einem Engpass, sollte man schnell einen Arzt oder Apotheker aufsuchen, um die Alternativen zu besprechen.

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