Raparen Mohammad, Assistentin der Filialleitung der Denner-Filiale in Rapperswil-Jona am 9. November 2021.

Aus Syrien in die Schweiz

Ein Neuanfang

Vor wenigen Jahren floh Raparen Mohammad unter Lebensgefahr aus Syrien. Heute arbeitet sie in der Denner-Filiale in Rapperswil als Assistentin der Filialleitung.

Von
Michael West
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Was wir tun

Die junge Frau mit der leuchtend roten Denner-Jacke befüllt rasch die Gemüseauslage mit frischen Tomaten, Kartoffeln und Gurken. Dann führt sie uns in das kleine Büro der Filiale, um uns aus ihrem Leben zu erzählen.

Raparen Mohammad (29) spricht einwandfreies Deutsch und versteht auch Schweizerdeutsch problemlos. Dabei fand sie erst vor sieben Jahren in der Schweiz Zuflucht. Den grössten Teil ihres Lebens verbrachte sie im Nordosten Syriens, wo sie nahe der türkischen Grenze in der multikulturellen Stadt Qamischli aufwuchs. Ihre Eltern sind Kurden, der Vater arbeitete als Bäcker. «Meine Eltern wollten immer nur das Beste für mich und meine sechs Geschwister», erzählt Raparen Mohammad. «Wir sollten in Freiheit leben und unseren eigenen Weg gehen.» Weil sie gute Noten hatte, konnte sie nach der Schule ein Studium beginnen. Sie träumte davon, Psychologin zu werden.

Von Extremisten bedroht

Als im Frühling 2011 der Bürgerkrieg in Syrien ausbrach, wurden alle Pläne hinfällig. Mohammads Eltern fürchteten, Qamischli könnte von der Terrormiliz IS erobert werden und bangten um das Leben und die Freiheit ihrer Kinder. 2012 flüchtete darum die ganze Familie über die nahegelegene Grenze. Ihr Ziel war Westeuropa, doch die Familie musste zuerst ein Jahr lang unter schwierigen Bedingungen in der Türkei ausharren. Um etwas zum Lebensunterhalt beizutragen, schuftete Raparen Mohammad dort in einer Textilfabrik. Schliesslich vertrauten die Familienmitglieder ihr Leben einer Schlepperbande an und verliessen die Türkei auf getrennten Wegen.

Zusammen mit einer Schwester gelangte Raparen Mohammed zuerst nach Bulgarien. «Dort gerieten wir in Lebensgefahr», berichtet sie. «Zusammen mit etwa 50 anderen Flüchtlingen wurden wir in einem Lastwagen zusammengepfercht. Die Fahrt sollte nach Wien gehen, doch unterwegs wurde die Luft knapp. Ich hatte Angst zu ersticken. Die Türen des Lastwagens waren verriegelt, es gab kein Entkommen. Eine Erfahrung, die ich niemandem wünsche. Doch im Vergleich zu all den Flüchtlingen, die im Meer ertrunken sind, hatte ich grosses Glück.»

Nach der Ankunft in Österreich traten die beiden völlig entkräfteten Frauen die letzte Etappe ihrer Reise an: Sie fuhren in die Schweiz und stellten hier einen Asylantrag. Sie und die Schwester besitzen inzwischen einen Ausweis F. Sie gelten also als vorläufig aufgenommene Ausländerinnen. Die übrige Familie hat in Deutschland Asyl erhalten und lebt heute im Bundesland Niedersachsen.

Eine Denner-Filiale als Schule des Lebens

Schon in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft prägte sich Raparen Mohammad möglichst viele deutsche Wörter ein. Später besuchte sie mehrere Sprachkurse. «Doch viel gelernt habe ich dort nicht. Mein Wortschatz wuchs viel schneller, als ich vor fünf Jahren für Denner zu arbeiten begann. Der Laden war mein Klassenzimmer

Heute ist die Denner-Filiale im Rapperswiler Einkaufszentrum Sonnenhof für sie auch ein Stück Heimat. Sie kennt alle Stammkunden und -kundinnen beim Namen und begrüsst sie mit einem strahlenden Lächeln. Raparen Mohammad wickelt täglich Bezahlungen und Bestellungen ab und geht der Filialleiterin so tatkräftig zur Hand, dass sie inzwischen ihre Assistentin ist. Später einmal möchte sie selber ein Team leiten.

Von der Schweiz ist Raparen Mohammad hellauf begeistert: «Die Menschen hier habe ich vom ersten Tag an als freundlich, offen und sehr hilfsbereit erlebt. Und ich staune noch immer darüber, wie sauber und sicher das Land ist.» Nur ab und zu ist die Denner-Mitarbeiterin traurig darüber, dass sie laut ihrem Ausweis nur als vorläufig aufgenommen gilt: «Ich möchte auch auf dem Papier richtig dazugehören. Die Schweiz ist doch längst meine Heimat.»