
Food Waste
Warum friert die Migros jetzt Fleisch ein?
Neu werden Fleischprodukte eingefroren, kurz bevor sie das Verbrauchsdatum erreichen, und zum halben Preis verkauft.
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Nachhaltigkeit
Das meiste Gemüse, das du in der Migros im Tiefkühlregal findest, wächst im St. Galler Rheintal. Dort tüftelt Bauer Beni Dürr ständig daran, wie er den Broccoli noch umweltschonender anbauen kann.
Der Tesla hängt am Solarstrom. «Diesen Sonnenschein muss ich ausnützen», sagt Beni Dürr mit einem Augenzwinkern. Auf dem grossen Platz vor seinem Bauernhof in Haag SG stehen ausserdem Tausende kleiner Setzlinge. Ab Anfang März werden sie in die umliegenden Felder gepflanzt. Ende Mai wird der erste Broccoli geerntet. Übers Jahr pflanzt Dürr mit seinen Lieferanten vier Millionen Setzlinge, die er über seine Firma Verdunova zu 1000 Tonnen Tiefkühlbroccoli verarbeitet.
Unternehmerisch sah ich mehr Potenzial im Gemüse.
Noch vor 30 Jahren wurde Tiefkühlbroccoli, -blumenkohl und -romanesco aus dem Ausland importiert. Dürr war der Erste, der diese drei Röschengemüse in der Schweiz anbaute und zu Tiefkühlgemüse verarbeitete. Er ist kein Mann für halbe Sachen. Mit gerade mal 23 Jahren übernahm er den Viehzuchtbetrieb seines Vaters mit 20 Milchkühen. 1991 baute er einen modernen Laufstall. Fünf Jahre später verkaufte er sämtliche Kühe. Im ehemaligen Stall entstand eine Gemüseverarbeitungsanlage. «Unternehmerisch sah ich mehr Potenzial im Gemüse», sagt Dürr. Zudem faszinierte ihn die Natur. Das Samenkorn eines Weisskabis wiegt ein Dreihundertstelgramm und wird innerhalb von 100 Tagen eine Million Mal schwerer. «Da wird man demütig.»
Der Rheintaler schwärmt für Dixieland und spielt nebenbei selbst leidenschaftlich gern Saxofon. Wie in der Jazzmusik improvisierte er manchmal auch im Geschäftlichen. Einen Businessplan habe es schon gegeben, aber er gibt zu: «Ich bin etwas blauäugig an die Sache gegangen.» Den ersten Grossauftrag der Migros bekam er nicht, da die Hygieneverhältnisse seiner selbst gebauten Gemüseanlage – direkt neben einem Pferdestall – nicht über alle Zweifel erhaben waren. Doch Dürr gab nicht auf, lagerte die Produktion aus und tüftelte weiter.
So entwickelte er ein Tiefkühlverfahren, bei dem das Gemüse nicht wie herkömmlich im Wasser gekocht und mit Eiswasser abgeschreckt, sondern mit Dampf erhitzt und mit Luft gekühlt wird. Den Wasserverbrauch senkte er so um 90 Prozent, und Vitamine, Farbe und Geschmack bleiben im Gemüse erhalten.
Vor fünf Jahren kam die Migros, sehr bald doch zur grössten Abnehmerin geworden, auf Beni Dürr zu. Das Ziel war, den Broccolianbau noch nachhaltiger zu gestalten. Dürr ist bekannt als einer, der viele Methoden vorantreibt, um die Landwirtschaft schonender zu betreiben. Schon als Bub wollte er die Natur sauber halten. Bachputzen war ein Spiel, bei dem er ganze Velos und einmal einen Helm aus dem Zweiten Weltkrieg rausfischte.

Zusammen mit der Migros testete Dürr 30 verschiedene Broccolisorten und untersuchte, welche davon auf dem sandigen Boden im St. Galler Rheintal am besten mit wenig Pflanzenschutzmittel zurechtkommt. Der Test ergab, dass mit der richtigen Sortenwahl das Spritzen zur Pilzbekämpfung auf unter 30 Prozent heruntergefahren werden kann, ohne Ertragsverluste.
Darüber hinaus erarbeitete Dürr eine ganze Trickkiste zur Einsparung von noch mehr Pestizid. Beim sogenannten Bandspritzen beispielsweise werden die Pflanzen direkt beim Setzen nur in ihrer Reihe gespritzt und nicht die ganze Ackerfläche – eine Reduktion von 70 bis 80 Prozent der Mittel zur Unkrautbekämpfung. Ein weiterer Trick ist die Düngung mit Kalk bei den Setzlingen. So sind die Wurzeln stärker und haben gegenüber Unkraut einen Vorteil. Fazit: Der tiefgefrorene Broccoli ist heute umweltverträglicher, und die Bauern sparen Kosten ein, weil sie weniger Pflanzenschutzmittel benötigen.
Derweil forscht Beni Dürr bereits an einer neuen Idee. Er hat einen Pilz entdeckt, der als Nützling im Boden eingesetzt werden könnte, weil er das Wurzelwachstum fördert und die jungen Broccolipflanzen robuster macht. Dabei wäre Dürr mit seinen 67 Jahren eigentlich pensioniert. Seine Firma Verdunova hat er mittlerweile an Rosina, der Zweitjüngsten seiner vier Töchter, übergeben. Das verschafft ihm mehr Zeit für seine andere Leidenschaft, die Musik. Als Präsident der Werdenberger Schloss-Festspiele organisiert er für August eine Verdi-Oper. «40 Jahre lang habe ich mich als Landwirt um das leibliche Wohl der Menschen gekümmert. Jetzt kümmere ich mich um das seelische Wohl.»
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