René Hübner im Rollstuhl bei der Arbeit

Inklusion

Mann mit eisernem Willen

Ein Unfall brachte René Hübner in den Rollstuhl. Doch er kämpfte sich ins Leben zurück und arbeitet heute für die Migros als Gabelstaplerfahrer.

Von
Michael West
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Was wir tun

In der riesigen Halle ist alles in Bewegung: An zehn Rampen halten immer wieder Lastwagen. Sie bringen gebrauchtes Verpackungsmaterial aus den – Supermärkten der Migros Ostschweiz – massenhaft aufgeschnittene Kartonschachteln und unzählige leere PET-Flaschen, die Kundinnen und ­Kunden an den Recyclingstationen eingeworfen haben.

Männer auf Gabelstaplern nehmen das Material in Empfang und befördern es in mächtige Pressen, die es zu zentnerschweren Ballen zusammenquetschen. Später gelangen der Karton und das PET per Zug in Recyclingfabriken.

Gute Tat mit schlimmen Folgen

Wir befinden uns in der Betriebszentrale der Migros Ostschweiz in Gossau SG. Hier gehört René Hübner seit drei Jahren zum Team, das für die Entsorgungen zuständig ist. Schon kurz nach seiner Anstellung lenkte der athletische 48-Jährige seinen Gabelstapler gekonnt durch das Gewusel der Halle. Man hätte nie geahnt, dass er querschnittgelähmt ist. Der Grund dafür ist ein tragischer Unfall, der mittlerweile 20 Jahre zurückliegt.

Der gelernte Metzger und Forstwart reiste damals für ein paar Ferientage auf die kanarische Insel Fuerteventura. Als er sich einmal am Swimmingpool seines Hotels entspannen wollte, sah er plötzlich einen Buben, der im Wasser unter-ging und nicht mehr auftauchte. Hübner rannte sofort los, um zu helfen. Dabei rutschte er aus, fiel kopfüber in ein Nichtschwimmerbecken und stiess heftig ­gegen den Boden des Bassins.

Für den Buben ging es glimpflich aus: Andere Leute kamen ihm rechtzeitig zu Hilfe. Doch Hübner hatte sich beim Unfall den siebten Halswirbel gebrochen, er war gelähmt und konnte seine Beine nicht mehr bewegen. Auf der Nachbarinsel La Palma wurde er ein erstes Mal operiert, später folgten in der Schweiz 50 weitere Eingriffe.

Eine gute Tat, die sich furchtbar rächt – daran wären sicher viele Menschen verzweifelt. Doch Hübner verlor nie den Mut. Unter der Anleitung von Physiotherapeutinnen trainierte er unermüdlich. «Ich bin eine Kämpfernatur», sagt er dazu. «Aufgeben kommt für mich nicht infrage.»

Plötzlich Gefühl in den Beinen

Vor sechs Jahren geschah dann etwas Wunderbares: Das Gefühl in seinen Beinen kam zurück. Hübner konnte mithilfe von Krücken aufstehen und mit der Zeit sogar kurze Distanzen gehen. Doch beruflich hatte er weniger Glück: Hübner fand zwar zeitweise Arbeit, bediente etwa Verpackungsmaschinen oder war als Lagerist im Einsatz. Doch es gab immer wieder Durststrecken ohne Beschäftigung. «In einer solchen Phase habe ich etwa hundert Bewerbungen geschrieben», erinnert er sich. «Doch man lud mich nicht einmal zu einem ­Gespräch ein. Mein Handicap schreckte alle ab.»

Die Migros Ostschweiz gab ihm schliesslich eine Chance. «Ich bewarb mich bei Röbi Zwingli, dem früheren Chef des Entsorgungszentrums, als Gabelstaplerfahrer», erzählt Hübner. «Ich sagte ihm am Telefon, dass ich diese Arbeit machen will und dass ich sie auch kann. Er hörte mir zu, empfing mich, und nach einigen Probetagen hatte ich den Job.»

Im vergangenen Oktober erlebte Hübner dann einen schlimmen Rückschlag: Er stürzte in seiner Wohnung über den Rollstuhl, brach sich einen Lendenwirbel und landete ein weiteres Mal auf dem Operationstisch. Zurzeit ist er krankgeschrieben, doch er hat ein klares Ziel: «Ich will wieder im Entsorgungszentrum arbeiten, ich brauche den Halt, den mir dieser Job gibt.» Seine Stimme klingt entschlossen – und man glaubt ihm sofort, dass er es schaffen wird.