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Familie Diodati beim Einkauf in der Migros

Arbeitswelt

«Ich wünsche mir mehr Offenheit gegenüber verschiedenen Modellen»

In der einen Familie arbeiten beide Elternteile Vollzeit, in der anderen beide Teilzeit. Sie erzählen, wie sie Beruf und Familie unter einen Hut bringen.

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Nina Huber
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Gabi Vogt
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Was wir tun

«Es stösst nicht überall auf Verständnis, dass ich Vollzeit arbeite», sagt Gratia Hoschek, Projektleiterin Finanzen beim Migros-Genossenschafts-Bund. Als Hoschek und ihr Mann von London nach Zürich zogen, war ihre damals einjährige Tochter das einzige Kind, das fünf Tage pro Woche in die Kita ging. «In England arbeiten die meisten Eltern Vollzeit. Für uns war immer klar, dass wir beide auch mit Kind hundert Prozent weiterarbeiten möchten», erzählt Gratia. In der Schweiz sagten ihr manche Eltern offen, dass dies zu viel sei für ein Kind. Manchmal waren es auch nur hochgezogene Augenbrauen, wie die einer Nachbarin, die Unverständnis ausdrückten.

Gratia Hoschek sitzt zusammen mit ihrem Mann und den beiden Töchtern am Familientisch.
Gratia Hoschek arbeitet Vollzeit beim Migros-Genossenschafts-Bund und ist Mitglied der Migros-Community «Working Parents». © Gabi Vogt

Vollzeitarbeitende Mütter sind in der Schweiz eher die Ausnahme. Zwar arbeiten 80 Prozent der Mütter weiter, aber vier Fünftel tun dies in Teilzeit. Bei den Vätern sind es gut 13 Prozent. Roberto Diodati, IT-Berater bei der Migros, reduzierte sein Pensum, als vor zwei Jahren seine Tochter geboren wurde. Er arbeitet 90 Prozent, verteilt auf vier Tage, mit langen Arbeitstagen von Dienstag bis Freitag. Der Montag gehört seiner Tochter. «Mein Papitag ist mir sehr wichtig», sagt er. Seine Frau, angestellt bei einem Unfallversicherer, arbeitet 60 Prozent. Im Mai erwarten sie ihr zweites Kind. Nach der Mutterschaftspause will sie mit 40 Prozent zurückkehren. «Wir haben es gut durchkalkuliert, finanziell wird es aufgehen», sagt Roberto. Früher arbeitete er in der Buchhaltung – Zahlen sind sein Ding. Sie wohnen günstig, und Kosten für externe Kinderbetreuung fallen keine an, weil beide Grosseltern fixe Betreuungstage übernehmen. Das Betreuungsmodell funktioniere für sie und stärke den Familienzusammenhalt. Kompliziert werde es nur, wenn die Grosseltern ferienhalber oder krankheitsbedingt ausfallen.

Familie Diodati packt ihre Einkäufe in ein Auto
Theresa und Roberto Diodati arbeiten beide Teilzeit. Sie erwarten ihr zweites Kind. © Gabi Vogt

Aktuell läuft die Unterschriftensammlung der Familienzeit-Initiative. Sie fordert eine gleichberechtigte Elternzeit von je 18 Wochen nach der Geburt nach dem Vorbild von Japan und Norwegen. Dort erhalten Eltern 10 Monate (Japan) und 49 Wochen (Norwegen) Urlaub, unter der Bedingung, dass sich Väter beteiligen. Die Folge: Die Quote der erwerbstätigen Frauen ist gestiegen.

Gratia Hoschek erzählt, dass sie und ihr Mann eher zufällig in den Genuss einer Elternzeit gekommen seien, was sich als sehr wertvoll erwiesen habe. Ihr Mann wechselte just während ihrer Mutterschaft den Job und blieb drei Monate zu Hause, als sie schon wieder arbeitete. «Die Erfahrung, ein Baby allein zu betreuen, hat unser gegenseitiges Verständnis für Care-Arbeit und die Wertschätzung dafür gestärkt», sagt sie. Mittlerweile ist die ältere Tochter sechs Jahre alt und schon in der Schule, die jüngere Tochter ist dreijährig. Nach der Geburt der zweiten Tochter engagierte Gratia Hoschek zwei Tage in der Woche eine Nanny. «Ohne ihre Unterstützung wäre der Alltag schwer zu meistern», sagt sie.

Die Erfahrung, ein Baby allein zu betreuen, hat unser gegenseitiges Verständnis für Care-Arbeit und die Wertschätzung dafür gestärkt.

Gratia Hoschek, Projektleiterin Finanzen bei der Migros

Roberto Diodati und Gratia Hoschek finden, dass sich Karriere und Familie in der Schweiz gut vereinbaren lassen – zumindest in ihrer privilegierten Situation mit flexiblen Arbeitszeiten, verständnisvollen Vorgesetzten und externer Hilfe. Beide sind Mitglieder der Migros-Community «Working Parents». «Der Austausch mit anderen Eltern in ähnlichen Situationen tut gut. Und er schafft Verständnis, denn nicht für alle sind die Herausforderungen die gleichen», so Roberto. Gratia stimmt ihm zu. Sie wünscht sich mehr Offenheit für verschiedene Modelle. «Jedes Modell hat seine Berechtigung, solange es für die eigene Familie stimmt.»

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