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Veronica Fusaro

Migros-Kulturprozent

«Ich bin stolz, die Schweiz zu vertreten»

Veronica Fusaro will mit ihrem Song «Alice» am Eurovision Song Contest für unser Land punkten. Warum die Sängerin im ESC ein Sprungbrett sieht und was sie am FC Thun inspiriert.

Text
Pierre Wuthrich
Bild
Nils Sandmeier
Datum
Format
Interview

Veronica Fusaro, am Eurovision Song Contest (ESC) werden Lieder bewertet und verglichen, die eigentlich nicht vergleichbar sind. Ist das nicht absurd?
Es stimmt, dass es seltsam wirken kann, Musik in dieser Form in Konkurrenz zu stellen. Aber ich schätze die Idee, mit dem ESC eine Plattform zu haben, auf der so viele verschiedene Länder auftreten. Man entdeckt dabei Künstlerinnen und Künstler, die man sonst vielleicht nie kennengelernt hätte.

Nicht nur die Künstlerinnen und Künstler treten gegeneinander an – auch die Länder messen sich mit­einander. Fühlen Sie sich schweizerisch genug dafür?
Ich finde, man sollte das nicht zu ernst nehmen. Aber ja: Ich bin stolz, die Schweiz zu vertreten, und fühle mich sehr schweizerisch. Ich bin in einer multikulturellen Familie aufgewachsen – mit einem italienischen Vater und einer Schweizer Mutter. Das passt doch sehr gut zur Schweiz. Zudem bin ich pünktlich, sehr organisiert und arbeite präzise – ist das schweizerisch genug?

Ihr Song am ESC hat ein schweres Thema: Gewalt gegen Frauen. Haben Sie Erfahrungen damit gemacht?
Abgesehen von abwertenden Bemerkungen auf der Strasse hatte ich das Glück, damit nicht direkt konfrontiert zu sein. Aber als Frau berührt mich das Thema sehr, und es betrifft uns alle als Gesellschaft.

Wer ist «Alice», die Frau aus dem Song?
Sie steht für alle Frauen: eine Schwester, eine Freundin, eine Cousine. Der Name ist eine Anspielung auf «Alice im Wunderland». Der Song beginnt entsprechend heiter und verspielt, doch mit den ersten Rockgitarrenriffs spürt man, dass etwas nicht stimmt.

Wenn Alice für alle Frauen steht, sind dann alle Männer Täter?
Im Song spricht Alice nicht, und es ist nicht klar, wer der Täter ist. Ich wollte das offenlassen. Es kann ein Mann, eine Frau oder die Gesellschaft sein, die übergriffig und gewaltvoll wird.

Der ESC ist eine schrille Unterhaltungsshow. Sie haben eine ernste Botschaft. Wie passt das zusammen?
Als Künstlerin ist es nicht meine Aufgabe, das Thema zu erklären, sondern die Menschen mit meiner Interpretation zu be­rühren. Wir haben eine Inszenierung ent­wickelt, die die Botschaft unterstreicht. Mehr verrate ich noch nicht, ausser dass ich mit meiner Gitarre auf der Bühne stehen werde. Mir ist wichtig, dass jede und jeder die eigene Geschichte in diesem Song finden kann. Alle sollen sich darin wiederfinden können.

Sie gelten nicht als Favoritin. Wie gehen Sie damit um?
Das stresst mich nicht. Ich komme aus Thun, wo der Fussballclub vergangene ­Saison noch in der zweithöchsten Liga spielte. Heute führt er die Super League an. Alle sind überrascht, und das nehme ich mir als Vorbild.

Dass ich am ESC nicht als Favoritin gelte, stresst mich nicht.

Veronica Fusaro

Vor zehn Jahren haben Sie als 18-Jährige am m4music-Festival den Talentwettbewerb, die Demotape Clinic, gewonnen. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Ich erinnere mich, dass ich mit meiner Mutter und meinem kleinen Bruder hingegangen bin. Ich hatte keine Ahnung von der Musikbranche. Danach fuhren wir mit dem Zug nach Hause, den Preis in einer Tasche. Dass dieser Sieg mein Leben so verändern würde, war mir in dem Moment noch gar nicht bewusst.

Was hat er Ihnen konkret gebracht?
Meine Songs wurden plötzlich im Radio gespielt, ich konnte Konzerte geben. Und ich habe während des Wettbewerbs meinen heutigen Manager kennengelernt. Die Demotape Clinic war ein echtes Sprungbrett. Wissen Sie, ich glaube sehr an Zyklen, und zehn Jahre später ist der ESC für mich das nächste grosse Sprungbrett.

Wie hat sich die Musikbranche in den vergangenen zehn Jahren verändert?
Heute sind viele Superstars Frauen. Beyoncé, Lady Gaga oder Taylor Swift sind echte Unternehmerinnen, die Dutzende Menschen beschäftigen. Hinter den Kulissen dominieren jedoch nach wie vor Männer, als Manager, Tontechniker, Tourneeveranstalter. Viele dieser Berufe sind für Frauen noch immer schwer zugänglich.

Werden Künstlerinnen heutzutage mehr respektiert als noch vor zehn Jahren?
Es geht nicht um Respekt. Frauen haben sich ihren Platz erarbeitet, weil sie musikalisch sehr stark sind. Viele Newcomer sind heute Frauen, und das freut mich sehr.

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