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Aurélie Hinder und Souad Atoui-Kendouci.

Arbeitswelt

«Jugendliche sind heute selbstbewusster»

Aurélie Hinder und Souad Kendouci sind Berufsbildnerinnen bei Denner und Digitec Galaxus. Im Gespräch räumen sie mit Vorurteilen gegen heutige Jugendliche auf und sagen, wie sie Lehrabbrüche verhindern.

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Michael West
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Christian Schnur
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Es heisst, dass Teenager heute viel weniger belastbar seien. Ein Vorurteil der älteren Generation, oder ist da etwas dran?

Souad Atoui-Kendouci: Ich glaube, das ist ein Missverständnis. Die Jugendlichen reden heute sehr offen über private Probleme – ich höre manchmal von Liebeskummer oder vom Krach mit der besten Freundin. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass die Teenager das Leben weniger gut packen. Sie haben einfach keine Angst, auch mal Schwäche zu zeigen. Das gilt übrigens nicht nur für die Frauen, sondern auch für die Männer.

Aurélie Hinder: Das sehe ich auch so. Es ist für mich als Berufsbildnerin natürlich eine Herausforderung, dass das Private so präsent ist. Aber ich finde es trotzdem gut: Früher hat man als Lernender Probleme einfach heruntergeschluckt. Und wenn nicht, hätte der Lehrmeister sicher gesagt: Reiss dich zusammen! Sei kein Weichei!

Haben Jugendliche heute auch höhere Ansprüche an ihre Lehrstelle?

Aurélie: Sie kennen ihren Wert und treten selbstbewusster auf als frühere Generationen. Auch das ist nichts Schlechtes. Und ehrlicherweise muss man auch zugeben, dass wir mit anderen Unternehmen um den Nachwuchs konkurrieren. Lernende sind die Fachkräfte der Zukunft, ohne sie geht es nicht.

Wie viele Lehrabbrüche haben Sie beide denn als Berufsbildnerinnen schon erlebt?

Aurélie: Noch keinen. Aber ich bin auch erst seit zwei Jahren Berufsbildnerin und habe bisher zwei Lernende, die noch mitten in der Ausbildung sind.

Souad: Ich hatte bei mir im Team auch noch nie einen Lehrabbruch. Ich habe in sechs Jahren schon 18 Lernende begleitet. Acht haben erfolgreich abgeschlossen, die anderen sind auch noch in der Lehre.

Wie gelingt es Ihnen, Jugendliche mit Problemen bis zum Lehrabschluss bei der Stange zu halten?

Souad: Man muss sich ehrlich für die Lernenden interessieren und Warnzeichen frühzeitig erkennen. Sorgen macht es mir nicht, wenn jemand über etwas jammert. Viel schlimmer ist es, wenn ein Lernender verstummt, am Morgen kaum noch grüsst und auch im Team keinen Kontakt mehr hat. Auf solche Jugendliche gehe ich zu und versuche herauszufinden, was los ist und wie ich sie unterstützen kann.

Aurélie: Ich würde in einem solchen Fall auch sofort das Gespräch suchen, den Lernenden beiseite nehmen, fragen, wie wir ihm im Team helfen können. Klar ist aber auch: Ich bin keine Psychologin. Wenn es jemandem wirklich schlecht geht, müsste ich ihn oder sie an eine professionelle Therapeutin oder einen professionellen Therapeuten verweisen.

Sie bilden junge Leute zu Detailhandelsfachleuten und zu Logistikern EFZ aus. Was spricht eigentlich dafür, diese Berufe zu erlernen?

Aurélie: Ich kann das am besten beantworten, indem ich meinen Arbeitsplatz beschreibe: Es ist ein kleiner Denner Express in Zürich Wiedikon. Wir sind ein aufgestelltes Team – wir halten zusammen und es wird uns nie langweilig: Über Mittag haben wir immer einen riesigen Ansturm. Unsere Arbeit ist nicht anonym – wir haben viele Stammkunden. Mit den Senioren kommt man immer sehr schnell ins Gespräch. Bei den Jüngeren dauert es etwas länger, aber mit der Zeit kennt man sich.

Souad:
Ich arbeite mit meinen Lernenden im Zentrallager von Digitec Galaxus in Wohlen AG. Wir kümmern uns darum, dass die vielen Bestellungen aus den Lagerregalen in die Verpackung und termingerecht in den Warenausgang kommen. Wir managen eine riesige Päckliflut – schliesslich ist Digitec Galaxus der grösste Onlinehändler der Schweiz. Die ganze Logistik ist aber so gut organisiert, dass nie Hektik aufkommt – nicht einmal vor Weihnachten. Es bleibt immer genügend Zeit für Kontakte und auch für längere Gespräche.

Was müssen Ihre Lernenden vom ersten Tag an können?

Aurélie:
Bevor die fachliche Ausbildung anfängt, braucht es zuerst einmal ein paar altmodische Grundtugenden. Eine davon ist Pünktlichkeit: Wir fangen um 6 Uhr an – das lässt sich nicht verschieben. Denn eine Stunde später geht der Laden auf und alles muss parat sein. Auch Freundlichkeit ist wichtig: Wenn man schlechte Laune hat, darf man das nicht heraushängen lassen. Auf manchen Dingen muss ich als Ausbildnerin bestehen: Eine Lehre ist kein Boot Camp, in dem herumgeschrien wird, aber auch keine reine Wohnfühl-Oase.

Souad: In der Logistik ist von der ersten Minute an Sicherheit extrem wichtig: Man trägt Stahlkappenschuhe und eine Leuchtweste, manchmal auch Sicherheitshandschuhe. Man muss seinem Rücken Sorge tragen und schwere Dinge richtig heben.

Wie fangen Sie eigentlich mit Ihren Lernenden den Tag an?

Souad: Wir treffen uns alle, Mitarbeitende und Lernende, an der Kaffeemaschine bei einem White Board. Zuerst machen wir Stretching. Manchmal bringt jeder einen Witz mit. So machen wir uns locker, bevor die Arbeit losgeht. Am Morgen berichten die Lernenden dem Team oft auch von ihren Einsätzen in den verschiedenen Abteilungen. Mir sind diese kleinen Vorträge sehr wichtig – ebenso wichtig wie die schriftlichen Lehrdokumentationen, die sie mir abgeben.

Aurélie: Bei uns fängt der Tag gleich mit Vollgas an. Wir machen den Laden bereit für die ersten Kundinnen und Kunden, die um 7 Uhr kommen. Lastwagen halten an der Verladerampe und bringen frisches Gemüse, Milch, Joghurt und andere Molkereiprodukte. Wir bestücken die Gestelle und nehmen die Aufbackstation in Betrieb. Damit wir auf Touren kommen, läuft dann immer unsere aktuelle Playlist, die dem ganzen Team gefällt – natürlich gehören auch die Lieblingssongs der Lernenden dazu. Jetzt gerade spielen wir Bad Bunny, albanischen Pop und Afrobeat.

Wir haben darüber geredet, was die Lernenden alles beherrschen müssen. Was muss die Ausbildnerin heute unbedingt können?

Aurélie: Natürlich muss man die Arbeitsabläufe im Laden aus dem FF beherrschen. Vor allem aber: Man darf Motivation nicht nur fordern, man muss sie selbst vorleben. Ich habe meinen Beruf und mein Team gern, sonst würde mir alles Wissen über digitale Bestellvorgänge, Preisabschläge und Food-Trends nicht viel nützen.

Souad: Neben der Fachkompetenz braucht es vor allem Lebenserfahrung. Ich war zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter. Um das zu schaffen, muss man richtig gut organisieren können, extrem belastbar sein und darf sich nie entmutigen lassen. Das alles hilft mir heute bei der Betreuung der Lernenden.

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