Kim de l'Horizon

Kim de l’Horizon

Raus aus den alten Rollen

Kim de l’Horizon ist ein Star der deutschsprachigen Literatur und glänzt seit Kurzem auf der Bühne. Neben vielen Vorzügen hat der Ruhm auch Schattenseiten. Eine Begegnung in Zürich.

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Jörg Marquardt (Text) / Getty Images (Bild)
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Interview

Ein ruhiger Vormittag im Volkshaus Zürich. Das Café hat noch wenig Gäste. Als Kim de l’Horizon den Raum betritt, wandern die Blicke zum Eingang. Grüne Jogginghose, rotblaues Oberteil, leuchtend rote Lippen und darüber ein Schnauz. Ohne Zweifel, Kim fällt auf. Das liegt aber auch am Promi-Status. Über Nacht ist de l’Horizon (31) zu einem Star der deutschsprachigen Literatur geworden. «Blutbuch» heisst das Debüt, das 2022 für Furore sorgt.

Kim lächelt und setzt sich zum Interview – «Sorry für die Verspätung, der ÖV…» Der erste Eindruck: selbstsicher, aber respektvoll und zugewandt. Von Allüren keine Spur.

Dabei könnte sich Kim, ursprünglich aus Ostermundigen BE, auf den Erfolg durchaus etwas einbilden. Ausgezeichnet mit dem Deutschen und dem Schweizer Buchpreis, avanciert «Blutbuch» schnell zum Bestseller und wird in 17 Sprachen übersetzt. Ein virtuoser Roman über die Suche nach der eigenen Herkunft, über Ängste, Lüste und die Kraft, sich neu zu erfinden. Er macht de l’Horizon zur öffentlichen Figur – Anfeindungen inklusive.

Immer wieder wird Kim auf die eigene Geschlechtsidentität angesprochen. «Nonbinär» ist der Begriff, der dann fällt. Oder «genderfluid». Menschen wie Kim identifizieren sich weder als Mann noch als Frau. Für sie ist Geschlecht ein buntes Spektrum – keine schwarz-weisse Angelegenheit. Auch die Erzählfigur in «Blutbuch», die ihre Familiengeschichte aufrollt, ist nonbinär.

Dass sich die Medien oft nur auf dieses Thema stürzen, ärgert Kim.

Was stört Sie an der öffentlichen Wahrnehmung als nonbinärer Mensch?

Ich glaube nicht an fixe Identitäten. Mir ist wichtig, dass wir wieder offen werden für neue Erfahrungen.

Was hält uns zurück?

Unsere Kultur. Als Kinder haben wir noch grosse Lust und Freude, uns auszuprobieren, in andere Rollen zu schlüpfen, uns selbst zu spüren. Im Laufe der Kindheit trainieren wir uns diese Offenheit ab.

Das Feiern von geschlechtlicher Vielfalt und befreiten Körpern polarisiert. Im Internet entladen sich Wut und Hetze gegen Kim de l’Horizon. Für einen Auftritt an der Frankfurter Buchmesse wird deshalb Polizeischutz angefordert. In Berlin kommt es zu einem tätlichen Angriff.

Über den Hass will Kim nicht viele Worte verlieren. «Das ist nur ein verzweifelter Schrei von Leuten, die selbst Gewalt erfahren haben.» Wichtiger sind dem Literaturstar die positiven Veränderungen, die durch «Blutbuch» möglich geworden sind, allen voran die Bündnisse und Projekte mit anderen Menschen.

An den Rummel um die eigene Person hat sich Kim inzwischen gewöhnt. «Wenn ich gut drauf bin, finde ich es schön, angesprochen zu werden, ausser vielleicht in der Sauna.»

Der Bucherfolg hat das Leben gehörig umgekrempelt, vor allem im ersten Jahr: Lesungen, Podiumsgespräche und Interviews am laufenden Band. Davon viele Auftritte im Ausland. Manchmal geht es Kim wie einem Popstar auf Tournee, der nach dem Aufwachen grübelt, in welcher Stadt er gerade ist. Irgendwann wird der Stress zu viel. «Ich brauchte Abstand, um rauszufinden, was ich eigentlich will.»

Nach einer längeren Pause ist de l’Horizon jetzt zurück auf der öffentlichen Bühne – buchstäblich: Am Schauspielhaus Zürich läuft derzeit eine Adaption von «Blutbuch» mit Kim selbst in einer Hauptrolle. Das «Blutstück», inszeniert von Leonie Böhm, ist eine wilde Mischung aus Slapstick, Gesangseinlagen und berührenden Ansprachen nach Motiven aus dem Roman. Kim hat daran mitgearbeitet. Es ist nicht die einzige Bühnenfassung. Auch in Hannover, Wien, Magdeburg und Bern steht das «Blutbuch» auf dem Spielplan.

Bekommen Sie Lampenfieber auf der Bühne?

Nein, ich hatte in den letzten beiden Jahren so viele Auftritte vor grossem Publikum, dass ich kaum noch aufgeregt bin. Es ist mehr eine Vorfreude.

Was reizt Sie an der Zürcher Inszenierung?

Dass sich das Stück laufend verändert, weil wir Schauspielenden in einen Austausch mit dem Publikum treten. Ich habe Lust auf Prozesse, bei denen ich am Anfang nicht weiss, was am Ende herauskommt.

Kim schaut ungeduldig auf die Armbanduhr. Es ist gerade wieder viel los. Neben den Bühnenauftritten und der Promotion rund um «Blutstück» läuft seit Kurzem ein eigens für das Schlachthaus Theater in Bern geschriebenes Stück. «Ich arbeite gern an vielen Projekten gleichzeitig. Nur ein Vollzeitjob – das wäre nichts für mich.»

Ein Anker in der Hektik ist Kims Wahlheimat Zürich. Schon fürs Studium hat sich der Schwerpunkt hierher verschoben. Nach Berlin oder eine andere Metropole zieht es Kim nicht: «Mir ist der Blick vom kulturellen Rand her lieber.»

Und was kommt jetzt? – Die Öffentlichkeit erwartet den nächsten Roman. Davon will sich Kim aber nicht leiten lassen. Entscheidend sei der kreative Prozess. «Ich will das tun, was ich als lustvoll und sinnhaft empfinde.»

Kim de l’Horizon muss jetzt los. Es bleibt nur noch Zeit für eine wichtige Frage.

Ist Kim de l’Horizon eine Kunstfigur?

Nein. Es gibt kein wahres Ich, das sich hinter einer Kunstfigur verbirgt. Für mich ist Kim de l’Horizon eine andere Möglichkeit zu existieren. Ich befreie mich vom Erbe meines Familiennamens, indem ich ihn verwandle.

Gewinne Tickets für «Blutstück»

Am Schauspielhaus Zürich läuft bis 4. Mai die Aufführung von «Blutstück» nach dem Roman von Kim de l’Horizon. Die Inszenierung mit de l’Horizon in einer Hauptrolle wird von Migros-Kulturprozent unterstützt. Wir verlosen 3x2 Tickets. Jetzt mitmachen.

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