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Omidullah Azad

Späte Lehre

«Manchmal sind wir stolz auf uns»

Vor sieben Jahren floh Omidullah Azad aus Afghanistan in die Schweiz. Diesen Sommer schloss er seine Migros-Lehre mit Bestnoten ab. Wie er das schaffte und wovon er träumt.

Von
Edita Dizdar
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Story

Die Schlange vor der Kasse in der St. Galler Migros-Filiale St. Fiden ist lang. Und da dieser Montagmittag zudem ein ziemlich grauer Tag ist, könnte man durchaus schlechte Laune bekommen. Wäre da nicht dieser Mann hinter der Kasse. Denn Omidullah Azad lächelt. Er lächelt und bedient Kunde um Kunde. So geht das, bis die Ablösung eintrifft.

Nun hat Omidullah Azad Zeit, um seine Geschichte zu erzählen. Er läuft durch die Lagerräume der Filiale und sucht ein ruhiges Plätzchen. Angestellte schieben Rollwagen umher, beladen Kisten, Hochbetrieb. «Omid, mein Freund», begrüsst ihn eine Kollegin. Hier ein Spässchen, da ein Schulterklopfen. Der 33-jährige Afghane fühlt sich hier sichtlich wohl, ist Teil des Teams.

Früh aufstehen lohnt sich

Vor sieben Jahren sah sein Leben anders aus. 2016 entscheiden Omidullah Azad und seine Frau, Afghanistan zu verlassen. Sie ahnen nicht, wie gefährlich die Reise wird, welch Gewaltmärsche sie zurücklegen werden. «Manchmal sind wir stolz auf uns», sagt er. Stolz auf den Mut, für ein selbstbestimmtes Leben etwas riskiert zu haben. Sie wollen frei leben, frei denken, frei entscheiden können. Das alles ist mit der Politik ihrer Heimat nicht vereinbar. Also gehen sie. Über den Iran, die Türkei und die Balkanroute hoch bis Österreich. Nach zweieinhalb Monaten gelangen sie in die Schweiz. Sie sprechen kein Wort Deutsch. Aber sie haben einander. Und sie haben Hoffnung.

Diesen August bekam Azad die Belohnung für seine harte Arbeit. Er schloss seine zweijährige Lehre als Detailhandelsfachmann ab. Und zwar als Jahrgangsbester der Migros Ostschweiz. Mit einem Notendurchschnitt von 5,6. Dafür sei er jeden Tag um 5 Uhr aufgestanden und habe gelernt, «Man muss sich doch bemühen», sagt er.

Er will Dialekt reden

In seiner Heimat war Azad Teamleiter in einer Telekomfirma. In der Schweiz musste er neu anfangen. An die dreieinhalb Jahre in Asylheimen kann er sich gut erinnern: «Jede Woche kam eine Frau zu Besuch, brachte Kuchen, unterhielt sich mit uns.» Sie wurden Freunde. Die Azads konnten sich nicht dazu durchringen, sie zu duzen – «das macht man in Afghanistan nicht mit Menschen, die älter sind» – also bot sie ihnen an, sie Mama zu nennen. Auch das erste Raclette tischte Mama ihnen auf. Omidullah Azad war skeptisch: «Der Käse stank und ich dachte <Uiuiui, das kann ich nicht essen>.» Er wollte nicht unhöflich sein, probierte und hat seither ein Lieblingsgericht mehr.

«Die grösste Hürde war die Sprache», sagt Azad heute in St. Gallerdialekt. Im Deutschkurs lernte er Hochdeutsch. Aber er wollte Schweizerdeutsch sprechen können, weil doch alle hier so reden würden. Also arbeitete er ehrenamtlich in der Osteuropahilfe, später in einem Restaurant und bat alle, nur Mundart mit ihm zu sprechen

Die Schweiz als Vorbild

Als das Ehepaar im Jahr 2020 den Entscheid erhielt, in der Schweiz bleiben zu dürfen, waren sie überglücklich. 2021 begann er die Migros-Lehre. Trotz Sprachdefiziten und obwohl er bereits über 30 Jahre alt war. Für diese Chance ist er dankbar.

Ausgeruht hat er sich seit seinem Lehrabschluss kaum. Stattdessen hat er eine zweijährige Zusatzlehre bei der Migros angehängt. Er will danach die Berufsmatur meistern und studieren gehen. «Ich bin ein Zahlenmensch, mich interessieren Buchhaltung, Informatik und Wirtschaft», sagt er.

Auch daheim gibt es viel zu tun. Er ist zweifacher Vater, die Kinder kamen in der Schweiz zur Welt. Sonntags geniessen sie die gemeinsame Zeit – in Sicherheit. «Die Schweiz schaut zu den Mitmenschen, den Armen, den Ausländern.» Afghanistan brauche auch ein solches gerechteres System. Dafür seien die Leute in seiner Heimat kommunikativer, der Austausch sei intensiv und familiär. Anders hierzulande: «Manchmal schaue ich auf die Strasse und frage mich, wo denn all die Kinder sind!»

Herzenswünsche für die Zukunft

Viel hat Omidullah Azad bereits geschafft, andere Wünsche stehen noch auf seiner Liste. Allen voran der, ein guter Vater zu sein. Und da wäre auch noch das erste Wiedersehen mit seinen Eltern und dem Bruder, die nach Indien geflohen sind. Auch möchte er einmal noch durch die alten Strassen seiner Heimat schlendern.

Azad wird wieder an der Kasse verlangt. Bevor er zurückgeht, sagt er: «Das Leben ist kurz. Wir sollten lieb miteinander sein und eine bessere Atmosphäre schaffen für unsere Kinder.» Und er zeigt nochmals sein breites Lächeln.

Eine Lehre bei der Migros-Gruppe

Jedes Jahr bietet die Migros-Gruppe rund 1500 Lehrstellen in über 60 verschiedenen Berufen an. Es wartet eine spannende Lehrzeit mit attraktiven Zukunftsperspektiven.

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