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Ausbildung

Wenn die Lernenden den Laden schmeissen

Zwei Wochen lang managten die Lernenden den Migros-Supermarkt in Gebenstorf AG im Alleingang, vom Auffüllen der Regale über die Kassenplanung bis hin zur Marktleitung. Unser Autor arbeitete einen halben Tag mit.

Text Ralf Kaminski
Fotos Daniel Winkler
Najib Nazari, sonst Lernender bei der Migros Frick, leitet die Gemüse- und Früchteabteilung – und packt selbst mit an. 

Najib Nazari, sonst Lernender bei der Migros Frick, leitet die Gemüse- und Früchteabteilung – und packt selbst mit an. 

 «Magst du Pilze?» will Najib Nazari wissen. Ich schaue auf einen hohen Turm von Palletten voller Pilze und nicke. «Gut, die sind ziemlich einfach», sagt der 19-jährige Lernende, der diese Woche in der Migros Gebenstorf für die Gemüse- und Früchteabteilung verantwortlich ist. Und somit auch dafür, dass alle Gestelle und Kühlregale gut gefüllt sind mit Produkten, bevor die Kundschaft um 8 Uhr den Laden stürmt.

Doch es ist schon fast 8, und es gibt noch viel zu tun. «Wir sind heute ein bisschen spät dran, weil ein Kollege krank ist», erklärt er. Deshalb hilft es, wenn er mir Neuling nicht zu viel erklären muss und selbst weitermachen kann mit der Arbeit.

Es ist tatsächlich nicht so schwierig, weil es eine begrenzte Anzahl Pilzsorten gibt. Die eiserne Regel, die auch für alle anderen Gestelle und Regale mit Lebensmitteln gilt: Die Produkte mit dem nahesten Ablaufdatum zuvorderst und zuoberst, die anderen weiter hinten und unten. Falls etwas, das noch vom Vortag übrig ist, nicht mehr schön aussieht: rausnehmen.

Najib erklärt Gastmitarbeiter Ralf Kaminski, wie das Pilzangebot angerichtet werden sollte.

Najib erklärt Gastmitarbeiter Ralf Kaminski, wie das Pilzangebot angerichtet werden sollte.

Ich mache mich ans Werk, während Najib sich Palletten mit Salaten und Broccoli zuwendet. Weisse Champignons, braune Champignons, gemischt, Bio, Aus der Region, offen, verpackt – alle Varianten müssen nach Datum sortiert am richtigen Ort hübsch angerichtet werden. Ich gebe mir Mühe und bin natürlich viel langsamer als die Profis, 

Führungsluft schnuppern

Zuvor hatte ich dasselbe schon eine Stunde im Molkerei-Regal getan – deutlich schwieriger, weil man die Produkte im riesigen Kühlregal erst mal finden und dann quasi von hinten her auffüllen muss, damit das naheste Ablaufdatum vorne ist. Danach helfe ich noch beim Convenience-Kühlregal mit, Produkte zu identifizieren, die heute ablaufen: Sie bekommen mit Hilfe eines Scanners und eines Minidruckers alle einen neuen Preiskleber und sind um einen Drittel günstiger zu haben.

An jedem Ort sind es Lernende, die mir erklären, was ich zu tun habe, und mir auf die Finger schauen, ob ich es auch richtig mache. Denn seit zehn Tagen ist die Migros Gebenstorf fest in der Hand von 15 jungen Leuten in Ausbildung.

Vier Filialen von Lernenden geführt

Bei der Migros Aare erhalten Lernende aus dem 2. und 3. Lehrjahr während zwei Wochen die Möglichkeit, eine Filiale selbstständig zu führen. Dabei werden möglichst alle Funktionen durch Lernende besetzt. Die «Next Generation Weeks» sollen ihnen zwei Wochen lang Gelegenheit geben, Führungsluft zu schnuppern und Aufgaben kennenzulernen, die ihnen sonst erst später oder nach der Lehre begegnen würden. Dieses Jahr fanden sie neben Gebenstorf auch in Solothurn, Gümligen BE und in der Lorraine in der Stadt Bern statt.

Selennur Yöney (17) ist diese Woche Marktleiterin, verantwortet also gleich die ganze Filiale. Kurz vor 10 läuft sie mit prüfendem Blick durch den Supermarkt und schaut, ob alle Regale korrekt eingeräumt wurden und attraktiv aussehen. «Da wurden zu viele Trauben aufgeschichtet, das ist nicht gut. Die reagieren sehr empfindlich auf Druck», erläutert sie und macht sich eine mentale Notiz.

«Wichtig ist auch, auf Lücken zu achten – das sind Produkte, wo wir keinen Nachschub bekommen haben, und wir müssen klären, was los ist.» Alles in allem ist sie zufrieden, die kritischen Punkte bespricht sie nun mit den Zuständigen der jeweiligen Abteilungen, ebenfalls Lernende.

Sie alle haben sich für die «Next Generation Weeks» beworben – und teilweise ganz konkret für die Positionen, die sie nun ausfüllen. «Ich habe, wie erhofft, wirklich viel dazu gelernt», sagt Selennur. Najib findet, es sei eine sehr motivierende Erfahrung – und hoffentlich ein Einblick in seine Zukunft. Livia Egli (18), diese Woche Chefin der Molkerei, sieht das genauso. «Es ist spannend, so viel Verantwortung übernehmen zu dürfen.»

Lehrreich und vergnüglich

Diese Verantwortung spürt gerade auch Piotr Brzozowski (19), der heute bei grösserem Andrang die zweite Kasse bedient und ein Auge darauf hat, dass es darin immer genügend Münz gibt. «Die meisten, die noch bar zahlen, geben uns Noten.» Er zählt ein paar grössere Scheine aus der Kasse ab, verstaut sie in einer Geldtasche und geht damit ins Kassenbüro, wo ein Safe steht. Mit Hilfe des tatsächlichen Marktleiters Michel Liechti (34), der im Hintergrund stets präsent ist, deponiert er die Scheine im Safe und holt sich von dort den Gegenwert in Münzen für die Kasse.

Alle vier Lernenden sind sich einig: Diese zwei Wochen sind nicht nur lehrreich, sondern machen richtig Spass. Gelegentliche Meinungsverschiedenheiten zu Führungsfragen wurden durch Ausdiskutieren gelöst, nicht via einsamen Chefentscheid. «Man wächst in die Aufgabe rein und lernt aus Fehlern», sagt Livia, «Kommunikation und Austausch sind sehr wichtig, besonders für die Planung.» Die finden sie einhellig recht herausfordernd. Umso mehr als alle vier aus anderen Filialen der Region kommen und sich mit der in Gebenstorf erst mal vertraut machen mussten. Ab und zu waren sie ganz froh, Marktleiter Liechti um Rat fragen zu können.

Komplimente der Kundschaft

Der wiederum ist äusserst zufrieden mit den Lernenden. «Es läuft wirklich sehr gut, obwohl einiges für sie ganz anders ist, als sie es gewohnt sind.» Zu Beginn hätten sie manchmal zu viel oder zu wenig Produkte bestellt, weil sie die Menge für diese Filialgrösse nicht richtig einschätzen konnten. «Aber das waren nur Kleinigkeiten, und sie sind wirklich motiviert und initiativ.»

Die ganze Aktion ist eine Premiere für die Migros Gebenstorf, «und ich hoffe, wir können das künftig einmal pro Jahr machen, es ist eine spannende Erfahrung für alle», sagt Liechti, der einst selbst seine Lehre bei der Migros gemacht hat. Neben ihm sind jeweils zwei weitere reguläre Mitarbeitende im Einsatz, für Unterstützung oder Notfälle, die anderen arbeiten temporär in anderen Filialen oder nutzen die Gelegenheit für Ferien.

Die Lernenden kümmern sich auch um alle Anliegen der Kundschaft. 

Die Lernenden kümmern sich auch um alle Anliegen der Kundschaft. 

Auch den Kundinnen und Kunden ist aufgefallen, dass derzeit etwas anders ist als üblich. Statt dem regulären Personal hatte es plötzlich lauter unbekannte junge Leute. «Es kamen einige Fragen und Kommentare», erzählt Marktleiterin Selennur, «aber immer wohlwollend – es gab sogar schon Komplimente.»

Für alle vier ist klar, dass sie nach der Lehre in der Migros weitermachen, sich weiterbilden und Führungspositionen anstreben möchten. Schon jetzt wollen sie zusehen, dass sie nach der Rückkehr in ihre Filialen etwas verantwortungsvollere Aufgaben übernehmen dürfen. Besonders ambitioniert ist Najib, der einst als Minderjähriger allein aus Afghanistan geflüchtet ist: «Mein Traum ist, irgendwann Stellvertreter von Fabrice Zumbrunnen zu werden» – dem Konzernchef der Migros.  

  

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