Demonstrierende halten bei einem Fridays-for-Future-Protest Schilder in die Höhe.

Fake oder Fakt?

Das gefährliche Halbwissen bei Umweltfragen

Bei den Themen Klima, Energie oder Umweltschutz können alle mitreden. Doch was ist wahr, was ist Fake? Die Fragen sind oft zu komplex für einfache Antworten, wie unsere Umfrage zeigt.

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Marcel Zulauf, Ringier Brand Studio
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Liest man Kommentare zu Umweltthemen bei Newsportalen oder auf Social Media, dann tönt es rasch mal so: Schuld an den 1,9 Kilogramm Abfall, die wir in der Schweiz pro Kopf täglich produzieren, sind Plastik-Verpackungen der Produkte. Der Grund für die rund 330 Kilogramm Food Waste pro Person und Jahr ist auch nicht bei den Verbrauchern zu suchen. Und auch beim Klimawandel sind die anderen die Sünder. Jene, die viel fliegen, oder die mit den grossen Autos. Zudem bringt es fast nichts, wenn die kleine Schweiz Massnahmen ergreift und der Rest der Welt weitermacht wie bisher.

Die Diskussionen sind politisch aufgeladen, oft geht es um Schuldzuweisungen. Dabei werden auch Argumente ins Feld geführt, die zumindest zweifelhaft sind. Etwa: «Fliegen ist viel schlimmer als Autofahren.» Doch so einfach ist das nicht, wie unsere Strassenumfrage zeigt.

Die Fakten

Behauptung 1: Bio ist besser

Die Studie der Forschungsanstalt Agroscope kommt zum Schluss: Biologische Landwirtschaft ist auf jeden Fall besser für die Umwelt. Dies vor allem bei der Biodiversität, Bodenschutz und Tierwohl. Matthias Wunderlin, Chief Transformation Officer, betont aber: «Mit dem Bioanbau allein ist es nicht getan. Es muss uns gelingen, den CO₂-Ausstoss in der Agrarproduktion massiv zu senken.»

Trotzdem kann das Klima profitieren: der Verzicht auf Kunstdünger, Verzicht auf fossil beheizte Gewächshäuser und möglichst lokale Produktion senken tendenziell den Treibhausgasausstoss bei pflanzlichen Produkten.

Ein Kunde steckt Bio-Karotten in einen Veggie Bag.

Der Marktanteil von Bio-Lebensmitteln steigt seit Jahren und liegt laut Bundesamt für Landwirtschaft bei 11,2 Prozent. Gemäss Bio-Suisse kauften im vergangenen Jahr 54 Prozent der Kunden mehrmals pro Woche Bioprodukte.

Unser Ziel ist, Bio für alle erschwinglich zu machen.

Matthias Wunderlin, Chief Transformation Officer

Das Bundesamt geht davon aus, dass einzig der höhere Preis für Bio-Produkte diesen Trend bremsen könnte. Darum betont Matthias Wunderlin: «Es ist unser Ziel, Bio für alle erschwinglich zu machen. Die Produktionsart ist positiv fürs Tierwohl und für die Biodiversität, darum wollen wir sie fördern.»

Behauptung 2: Plastik ist das Problem

Die Raschelsäckli an den Kassen gibt es nicht mehr gratis. So soll Plastikmüll vermieden werden. Trinkröhrli sind neuerdings aus dem gleichen Grund aus Karton. Dafür wird Gemüse noch immer in Folien verpackt.

Ein Widerspruch? Nein. Fakt ist, dass die Plastikfolie das Gemüse länger haltbar macht – und somit Food Waste vermieden wird. Dennoch setzt die Migros alles daran, Plastik zu vermeiden und hat seit 2010 schon 17'520 Tonnen Verpackungsmaterial eingespart.

Müll vermeiden bringt zwar viel. Doch das Problem sei nicht Plastik, sondern der Konsum, wie Rainer Bunge, Professor für Umwelt- und Verfahrenstechnik der Ostschweizer Fachhochschule, in der «SonntagsZeitung» sagte: «Ein einziges Grillsteak weniger zu essen, bringt etwa gleich viel, wie ein Jahr lang Plastik zu recyceln.»

Plastik recyceln ist natürlich aber trotzdem dringend nötig. Denn aus Recycling-Plastik entstehen beispielsweise neue Verpackungen oder Getränkeflaschen. Das bedeutet, dass weniger Plastik aus Erdöl neu hergestellt werden muss.

Umweltzahlen pro Kopf und Jahr

  • Wir produzieren pro Person und Jahr 703 Kilogramm Abfall. 373 kg Reststoffe wie PET, Papier, Karton, Metall und Glas werden pro Person und Jahr rezykliert.

  • Dafür landen pro Kopf 330 kg Lebensmittel im Müll. Food Waste wird zu 40 % von Konsumierenden verursacht. Nur 7 % entfallen auf den Gross- und Detailhandel.

  • Umgerechnet pro Person werden im Inland jährlich 4000 kg CO₂ ausgestossen. Addiert man die durch Importgüter verursachten Emissionen dazu, sind es 12’000 kg pro Kopf und Jahr.

Quellen: Bundesamt für Umwelt, Swissrecycling

Sammelcontainer für den Einwurf von Plastikabfällen, die recycelt werden können.

Behauptung 3: Die Schweiz tut viel fürs Klima

In der Schweiz wird national und regional immer wieder über Klimafragen abgestimmt. Gerade erst haben wir deutlich Ja zum Klimaschutzgesetz gesagt, welches das Netto-Null-Ziel bis 2050 festschreibt. Regional wurden noch strengere Ziele befürwortet. Dennoch bewegen wir uns bei der Umsetzung konkreter Massnahmen nur im Mittelfeld. Im Ländervergleich ist die Schweiz im vergangenen Jahr auf Platz 22 zurückgefallen, wie der WWF berichtet.

Auch bezüglich CO₂-Ausstoss bewegen wir uns im europäischen Mittelfeld. Unser Anteil zu den globalen Treibhausgasemissionen beträgt zwar «nur» rund 0,1 Prozent. Oder rund 4 Tonnen CO₂ pro Kopf und Jahr, wie das Bundesamt für Umwelt sagt. Dabei sind aber nur die im Inland ausgestossenen Emissionen berücksichtigt. Werden Importgüter und Dienstleistungen mitgerechnet, liegt der Pro-Kopf-Ausstoss bei 12 Tonnen.

Dass wir handeln müssen, ist klar. Die Frage, was zu tun ist, ist vor allem politisch umstritten. Dabei ist die Schweiz aufgrund ihrer Lage vom Klimawandel besonders betroffen, wie das Bundesamt für Umwelt berichtet. Seit Messbeginn 1864 ist die Temperatur hierzulande um gut 2 Grad Celsius gestiegen. Das ist doppelt so viel wie im globalen Mittel.

Die Migros engagiert sich für die Umwelt.

Viele grosse Unternehmen haben deshalb schon klare Klimaziele verabschiedet. Auch die Migros-Gruppe. Bis 2050 sollen die Emissionen um 90 Prozent reduziert werden. Die restlichen 10 Prozent werden durch sogenanntes Carbon Capture aus der Atmosphäre entfernt und permanent im Boden oder Gestein gelagert. So wird sichergestellt, dass die Migros-Gruppe 2050 unter dem Strich keine Treibhausgase mehr ausstösst.