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Portrait Mohammad Yusufi

Lehre mit Status F

«Die Lehre ist meine Chance, zu zeigen, dass ich mich integriert habe»

Mohammad Yusufi, 23, ist als Jugendlicher aus Afghanistan geflüchtet. Jetzt macht er eine Lehre beim Migros-Betrieb Delica – obwohl er nur vorläufig in der Schweiz aufgenommen ist.

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Barbara Scherer
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Was wir tun

«Vor einem Jahr habe ich meine Mutter und meine Geschwister nach acht Jahren zum ersten Mal wieder live in einem Video-Call gesehen: Das war ein berührender Moment. Zuvor hatte ich immer nur per Telefon oder Kurznachrichten Kontakt mit meiner Familie. Grund dafür war die politische Lage in Afghanistan.

Dort bin ich als Ältester von vier Geschwistern in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Als ich sechs Jahre alt war, hat mein Vater uns verlassen, und wir lebten von da an bei meinem Grossvater. In meiner Heimat herrscht extreme Armut und es gibt keine Perspektiven.

Die Flucht aus Afghanistan

Um mir eine Existenz aufbauen zu können, musste ich mit 15 Jahren mein Heimatland verlassen. Das war weder für mich noch für meine Familie eine einfache Entscheidung. Meine Mutter hat sich grosse Sorgen um mich gemacht, schliesslich wusste sie nicht, was alles auf mich zukommen wird.

Auf meiner Flucht hatte ich oft Heimweh und grosse Angst. Einmal bin ich nach zwei Nächten ohne Schlaf in einem Flüchtlingscamp total erschöpft eingeschlafen, und als ich aufgewacht bin, waren alle anderen Flüchtenden plötzlich weg. Ich musste dann ganz allein weiterreisen, das war beängstigend und stressig.

Meistens bin ich einfach anderen Flüchtenden nachgelaufen, aber schlussendlich war ich die ganze Reise auf mich allein gestellt. So bin ich nach rund einem Jahr schliesslich in die Schweiz eingereist und in Asylzentren untergekommen. Ich habe den Ausweis F erhalten, was bedeutet, dass ich nur vorläufig aufgenommen bin.

Ankunft in der Schweiz

Mein grösster Kulturschock war wohl, dass in der Schweiz alle eine Ausbildung haben. Alle hier können lesen und schreiben. Davon habe ich profitiert, denn schon kurz nach meiner Ankunft konnte ich zur Schule gehen, um Deutsch zu lernen.

Nach vier Jahren in der Schweiz habe ich damit begonnen, eine Lehrstelle zu suchen. Das war aber eine grosse Herausforderung für mich, auch weil ich die Sprache nicht so gut beherrscht habe. Trotzdem habe ich eine Stelle als Montage-Elektriker gefunden. Doch das hat leider nicht geklappt und ich habe die Lehre nach eineinhalb Jahren abgebrochen.

Das war nicht einfach, aber ich habe gemerkt, dass es nicht anders geht. Ich war unsicher und hatte viele Sorgen, weil zu der Zeit erneut Krieg in Afghanistan ausgebrochen ist und meine Mutter mit meinen Geschwistern nach Pakistan fliehen musste.

Ich hatte auch Mühe in der Berufsschule, schliesslich habe ich in Afghanistan nur fünf Jahre die Schule besucht und dabei nicht viel gelernt ausser Schreiben und Lesen – und das auch nicht richtig. Es war eine sehr intensive Zeit und ich habe mich viel mit mir selbst auseinandergesetzt und versucht herauszufinden, wer ich eigentlich bin und was ich will.

Der Weg in die Migros

So habe ich mich für das Lehrvorbereitungsjahr bei der Migros-Gruppe beworben und konnte als Anlagenführer ein Praktikum beim Migros-Kosmetikbetrieb Mibelle anfangen. Doch die Arbeit war mir etwas zu einseitig.

Dann habe ich den Beruf des Unterhaltspraktikers entdeckt und konnte dort mein Praktikum fortführen. Im  August 2023 habe dann die Lehre bei Delica in Buchs AG angefangen.

Mir gefällt es, dass die Arbeit abwechslungsreich ist und ich immer in Bewegung bin. Ich kümmere mich um Reparaturen im Haus, pflege den Garten und führe kleinere Sanitärarbeiten aus. Diese Lehre ist meine Chance, der Schweiz zu zeigen, dass ich angekommen bin und mich integriert habe.

Hoffnung für die Zukunft

Meine grösste Hoffnung ist, dass ich meinen Status von F auf B ändern kann, um in der Schweiz bleiben zu dürfen. Dann kann ich hoffentlich auch endlich ein eigenes Zimmer mieten und unabhängig vom Staat leben. Zurzeit lebe ich in einem Asylheim in Spreitenbach AG.

Hier teile ich mir ein Zimmer mit einem 18-jährigen Afghanen. Küche und Bad nutzen insgesamt acht Personen. Es ist also immer viel los und ziemlich laut. Das ist anstrengend und belastet mich, weil ich Mühe habe, konzentriert für die Berufsschule zu lernen.

Am Wochenende gehe ich darum oft lange im Wald spazieren, so kann ich runterfahren und zur Ruhe kommen. Zudem übe ich Kung Fu. Das habe ich mir selbst beigebracht mit Videos aus dem Internet. Leider kann ich es mir zurzeit nicht leisten, einem Verein beizutreten.

Sorgen vor einer Ausschaffung mache ich mir aber nicht so sehr, es ist wie es ist: Ich kann das nicht kontrollieren. Lieber konzentriere ich mich auf meine Lehre und gehe meinen Weg.»

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