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Die Autorin sitzt bequem im Bus und schaut aus dem Fenster

Migros-Pionierfonds

Ist dieser Car so bequem wie ein Bett?

Schlafend und umweltschonend nach Barcelona fahren: Das verspricht ein Schweizer Start-up. Wir haben im speziellen Luxus-Car eine Testfahrt gemacht und dabei vier Erkenntnisse gewonnen.

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Katja Fischer De Santi
Bild
Paolo Dutto
Datum
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Was wir tun

1. Dieser Sitz kann wirklich was

Der dunkelviolette Twiliner-Bus macht Eindruck, als er um 19 Uhr auf den Busparkplatz beim Zürcher Hauptbahnhof fährt. Der zweistöckige Car ist rund 15 Meter lang und 4 Meter hoch. Im Vergleich dazu sehen die regulären Reisebusse klein aus. Die Grösse braucht der Twiliner, denn das Zürcher Start-up verspricht, dass ich in ihren neuartigen Schlafsitzen ausgestreckt und völlig erholt über Nacht nach Barcelona ­reisen werde.

Der dunkelviolette Twiliner-Bus auf dem Busparkplatz beim Zürcher Hauptbahnhof.
Viel Platz: ­Im zweistöckigen Twiliner können ­21 Fahrgäste ­mitreisen. © Paolo Dutto

Mein Gepäck wird verstaut, ich steige die Treppe hoch und fühle mich ein bisschen wie in der Business Class eines Flugzeugs. Die Beinfreiheit ist beeindruckend. In einer Reihe sind nur drei Sitze und diese Sitze können was. Auf Knopfdruck verwandeln sie sich in ein Liegebett. Ein Kopfkissen gibt es dazu und eine leichte Decke. Die beiden Chauffeure sprechen nur Englisch, sind sehr zuvorkommend und verteilen Wasserflaschen. Tee und Kaffee kann ich mir gratis an der Mini-Bar im unteren Stock holen. Kleine Snacks und gekühlte Getränke kosten. Ich habe meinen Znacht dabei, es bleibt viel Zeit zum Essen, 14 Stunden soll die Fahrt dauern.


2. Das ökologische Gewissen fährt mit

Twiliner will Carreisen mit Luxus verbinden. Im riesigen Bus gibt es nur 21 Sitze. Zum Vergleich: Andere Reisebusse haben für bis zu 70 Personen Platz. Positiv überrascht bin ich von der grossen und edel ausgestatteten Toilette. Direkt daneben gibts einen Umkleideraum – praktisch, um sich vor dem Schlafen und am Morgen umzuziehen.

Das Billett für eine einfache Fahrt von Zürich nach Barcelona oder Amsterdam kostet 150 bis 200 Franken. Das ist gut doppelt so viel, wie die Reise mit einem günstigen Carunternehmen kosten würde und je nach Saison etwa gleich viel wie mit dem Flugzeug. Aber ich kann mich rühmen, deutlich weniger CO2-Belastung auf mich zu laden. Rund 90 Prozent nachhaltiger sei eine Reise mit dem neuen Schlafbus statt mit dem Flugzeug, heisst es auf der Website von Twiliner. Weitere Vorteile: keine ­Sicherheitskontrollen, kein langwieriges Einchecken, weniger Hotelkosten. Eine Viertelstunde nachdem ich eingestiegen bin, ­fahren wir los.


3. Angeschnallt und fixiert auch im Schlaf

Die Idee zu einem Schweizer Schlafbus mit Business-Class-Komfort hatte Gründer Luca Bortolani schon 2021. Der Zürcher ist ein überzeugter Nichtflieger. Nachtzüge waren oft seine erste Wahl. In Europa gibt es aber nur wenige gute Verbindungen, die Infrastruktur hinkt weit hinter der Nachfrage her. Mit Twiliner will er diese Mobilitätslücke schliessen. Einfacher gedacht als gebaut. Denn in Europa müssen Busse Sicherheitsgurte anbieten, auch wenn der Passagier liegt. Gemeinsam mit der Berner Fachhochschule tüftelte das Team mehrere Jahre an einem Sicherheitsschlafsack.

Als um 21.30 Uhr das Licht im Bus gedimmt wird, fahre ich meinen Sitz zum Bett aus, beziehe es mit dem bereitgelegten Laken und stecke meine Beine in einen leichten Netzsack, der etwa bis zur Wade reicht und am Sitz befestigt ist. Ein Gurt über die Oberschenkel fixiert mich zusätzlich. So fühle ich mich auch bei 120 km/h auf der Autobahn ziemlich sicher.

Das Liegebett im Twiliner
Auf Knopfdruck wird der Sitz zum Bett. Autorin Katja Fischer De Santi testet den Schlafbus. © Paolo Dutto

4. Mehr dösen als schlafen, aber immerhin bequem

Ich höre etwas Musik und lese, um 23 Uhr versuche ich einzuschlafen. Es ist ruhig, nur das Rauschen der Räder und des Motors erfüllt den Bus. Das Liegebett ist zwar eher schmal und hart, aber recht bequem. Der Sicherheitsschlafsack stört mich nicht. Schlafen kann ich trotzdem länger nicht. Bei meiner Reise sind nur wenige andere Passagiere an Bord. Trotzdem liegt die nächste Person nur eine Armlänge entfernt über dem Gang. Die Schale des Sitzes sorgt aber für guten Sichtschutz. Die Klimaanlage kühlt etwas gar tief ­runter. Bei 16 Grad bin ich froh, habe ich dicke Socken dabei. Mit Musik in den Ohren döse ich irgendwann ein.

Als ich aufwache, sehe ich, dass die Autos bereits spanische Kennzeichen haben. Um kurz vor 9 Uhr, nach etwas über 13 Stunden Fahrt, hält der Car mitten in Barcelona. Ich fahre mein Bett wieder zu einem Sitz hoch, ziehe mich um und bin erholt genug, um die Stadt zu erkunden. Zumindest nachdem ich einen ­richtig guten Kaffee getrunken habe.

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