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Reto Schmitz mit Lyss Oeschger auf einem Ausflug.

Migros-Engagement

Wer hilft, gewinnt

Fast sechs Millionen Menschen engagieren sich in der Schweiz freiwillig. Vier von ihnen erzählen, was sie anspornt und wie alle profitieren.

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Nina Huber, Simona Sala und Pierre Wuthrich
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Gabi Vogt
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Gemeinsam stark

Angela Pollicelli und Ueli Wyrsch beseitigen invasive Pflanzen.
Ueli Wyrsch (67) hilft Angela Pollicelli (43), invasive Pflanzen zu beseitigen. © Flavia Leuenberger

Als sich Angela Pollicelli ihren Traum erfüllte, war ihr bewusst, dass es nicht einfach werden würde. Die 43-jährige Bündnerin kaufte 2014 in Santa Maria einen Landwirtschaftsbetrieb mit 40 Ziegen, 4 Pferden und rund 15 Hektar Mähwiese. «Wenn man auf dieser Höhe Wald rodet, um Weideland zu schaffen, muss dieses gut gepflegt werden. Wir haben im Val Calanca Ginster, der sehr invasiv ist und ausgerissen werden muss.»

Zum Glück gibt es dafür Menschen wie Ueli Wyrsch. Der 67-jährige Berner arbeitete früher als Landschaftsgärtner und Erzieher. Nach seiner Pensionierung suchte er aktiv nach einem freiwilligen Engagement. Im Internet stiess er auf das Projekt Bergversetzer. Er meldete sich kurz entschlossen an, um Angela Pollicelli gemeinsam mit Zivildienstleistenden eine Woche lang bei der Beseitigung der invasiven Pflanzen zu helfen. «Eine wunderschöne Erfahrung, die mir eine andere Lebensweise nähergebracht hat», sagt Ueli.

Die Voraussetzung sei Offenheit – auf beiden Seiten: Angela hat eine fremde Person bei sich aufgenommen, und Ueli musste sich auf eine völlig neue Umgebung einlassen. Beide Jahre in Folge ist ihm die Abreise nach seinem Einsatz schwergefallen. «Eine Zeit lang vermisste ich die Stille, die Farben der Blumen und nachts den herrlichen Sternenhimmel über dem Val Calanca.»

Infos unter bergversetzer.ch


Momente teilen verbindet

Reto Schmitz mit Lyss Oeschger auf einem Ausflug.
Reto Schmitz (65) unternimmt mit Lyss Oeschger (77) Ausflüge. © Gabi Vogt

Der Nebel hängt im Winter oft hartnäckig über Luzern, wo die 77-jährige Lyss Oeschger wohnt. Vor 21 Jahren erlitt sie ­einen Schlaganfall und ist seither halbseitig gelähmt. Als an einem weiteren grauen Tag Reto Schmitz für seinen regelmässigen Besuch vorbeikam, wünschte sie sich, wieder mal die Sonne zu sehen. Kurzerhand hievte er ihren Rollstuhl ins Auto und fuhr sie auf den Rooterberg zum Michaelskreuz. Wenige Meter vor Ankunft zeigte sich endlich der blaue Himmel. «Als ich das Strahlen auf Lyss’ Gesicht sah, wusste ich, dass es sich gelohnt hat», sagt Reto.

Früher arbeitete er im Paraplegiker-Zentrum Nottwil LU, seit vier Jahren ist der 65-Jährige pensioniert. Über die Nachbarschaftshilfe «Zeitgut Luzern» traf er Lyss und macht seither zweimal pro Monat mit ihr kleine Ausflüge. «Von einem Ausflug wie jenem zum Michaelskreuz zehre ich einige Tage lang», sagt sie. Reto ist beeindruckt, wie positiv Lyss trotz ihrer Beeinträchtigung durchs Leben geht.

Obwohl sich die beiden erst drei Monate kennen, ist eine Vertrautheit zwischen ihnen spürbar. Reto sagt, dass es ihm nicht nur darum gehe, etwas Gutes zu tun. Besonders seit der Pensionierung sei auch der soziale Kontakt für seine Lebensqualität wichtig. «In geteilten, schönen Momenten fühle ich mich lebendig, wirksam und verbunden», sagt er. Dann hilft er Lyss in den Mantel. Jetzt geht es raus an die Frühlingssonne.

Infos unter zeitgut-luzern.ch oder nachbarschaftshilfeschweiz.ch


Gute Seele im Schulzimmer

Anne-Françoise Droz im Schulzimmer zusammen mit Lehrerin Marie Negri und Schülerin Finja Riedwyl.
Anne-Françoise Droz (68) unterstützt Lehrerin Marie Negri (30). Hier abgebildet zusammen mit Schülerin Finja Riedwyl. © Gabi Vogt

Mit 68 Jahren drückt Anne-Françoise Droz wieder die Schulbank – einmal pro Woche. Doch die Seniorin ist weder eine pensionierte Lehrerin noch eine ewige Studentin; sie engagiert sich ehrenamtlich. «Ich unterstütze Marie Negri an der Primarschule Saint-Imier BE. Mal lese ich der Klasse vor, mal übe ich mit einem Kind einzeln Mathe oder Französisch», erklärt «Fifi», wie sie alle liebevoll nennen, während sie im Korridor mit einer Schülerin eine Lektion vertieft.

Anne-Françoise Droz ist Teil von «Win3», einem Programm von Pro Senectute Arc Jurassien, das ältere Menschen mit Schülerinnen und Schülern im Klassenzimmer zusammenbringt. «Hier zu sein, ist ein echtes Geschenk. Ich fühle mich nützlich und ­wertgeschätzt», sagt sie, die seit 2018 jeden Donnerstag in der Klasse ist.

Die Verantwortung für die Klasse liegt weiterhin bei der 30-jährigen Primarlehrerin Marie Negri. Doch durch «Fifis» Hilfe kann sie die Kinder individueller fördern. «‹Fifi› bewertet nicht, sie begleitet», betont sie. Über die vergangenen acht Jahre ist zwischen den beiden Frauen eine Verbundenheit gewachsen. Dieses Vertrauen ermöglicht Marie Negri auch grössere Ausflüge: «‹Fifi› ist immer dabei. Es ist un­bezahlbar, eine zweite erwachsene Bezugsperson an der Seite zu haben, der ich vollkommen vertrauen kann.»

Und die Kinder? Sie lieben ihre «Fifi». Davon zeugen die vielen herzlichen Gesten, etwa jene der siebenjährigen Finja Riedwyl, die ihre Lieblingsfreiwillige bei jeder Gelegenheit fest umarmt.

Infos unter aj.prosenectute.ch/win3


Aus Treffen wurde Freundschaft

Hannes Neuhaus und Santos Morray stehen draussen mit Fahrrädern.
Hannes Neuhaus (27) holt den Geflüchteten Santos Morray (27) aus der Isolation. © Gabi Vogt

Sie sind gleich alt, am liebsten draussen unterwegs und kochen gern. Doch ihre Lebensumstände könnten nicht unterschied­licher sein. Hannes Neuhaus lebt in einer Wohnung bei Winterthur und arbeitet im Tourismus, Santos Morray ist vor zwei Jahren mit seinem Sohn aus Sierra Leone in die Schweiz geflüchtet. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, er darf nicht arbeiten und lebt in einer Notunterkunft im Kanton Zürich.

Dort stiess er auf das Projekt Kombi des ­Vereins Solinetz, der jeweils über ein halbes Jahr hinweg monatliche Treffen organisiert. Diese bieten nicht nur Informationen über das Schweizer Asylwesen, sondern eröffnen auch Zugänge zu Sprachkursen und wei­teren Unterstützungsangeboten. Zudem ­ermöglichen sie den Austausch zwischen Geflüchteten und Freiwilligen wie Hannes. «Menschen mit negativem Asylentscheid leben oft isoliert und werden schnell vergessen», erklärt Hannes.

Ein- bis zweimal pro Monat unternahm er mit Santos und dessen Sohn weitere Aktivitäten. Sie besuchten etwa den Tierpark Winterthur, gingen spazieren oder spielten Pingpong – Aktivitäten, an denen auch der achtjährige Sohn Freude hatte. Eines der schönsten Erlebnisse sei der Grillabend gewesen, zu dem Hannes’ Mutter ­eingeladen habe. «Ich habe noch nie so viel Gemüse auf einmal gegessen», erzählt Santos. Zucchetti habe er zum ersten Mal probiert und sofort geliebt.

Auch nach Projektende treffen sich Hannes und Santos weiterhin regelmässig – die Verbindung ist zur Freundschaft geworden.

Infos unter projektkombi.ch

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