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Portraitbild von Niels Hintermann

Interview

Niels Hintermann, macht Erfolg glücklich?

Der Zürcher Skirennfahrer Niels Hintermann fuhr an der Weltspitze mit. Dann erkrankte er an Krebs. Ein Gespräch über Glück.

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Nina Huber
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Hintermann Fotografie
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Wann waren Sie zuletzt richtig glücklich?
Seit Februar durchgehend. Seit dann ist die Bestrahlung durch, und ich gelte als krebsfrei. Es ist schön, dass ich wieder in meinen Beruf als Skirennfahrer einsteigen konnte. Das empfinde ich als grosses Privileg.

Bedeutet für Sie Glück seit Ihrer Erkrankung an Lymphdrüsenkrebs etwas anderes als früher?
Nein, aber ich bin mir den glücklichen Momenten wieder stärker bewusst. Das kann ein Spieleabend sein mit meiner Familie oder ein Essen mit Freunden. Normal trainieren zu können, Muskelkater zu spüren – das geniesse ich heute mehr als vorher.

Haben Sie durch die Krankheit neue Hobbys entdeckt?
Nein, aber weil mein Körper schnell am Limit war und ich nicht viel trainieren konnte, hatte ich Zeit für alles, was ich immer schon gern machte, zum Beispiel kochen. In Zermatt habe ich im Hotel eine Marronisuppe entdeckt, die habe ich zu Hause dann sofort nachgekocht – und sie ist mir gut gelungen. 

Sie erhielten die Diagnose Lymphdrüsenkrebs kurz nach Ihrer Hochzeit. Wie sind Sie als Paar damit umgegangen?
Die acht Wochen mit Chemotherapie und zwei Wochen mit Bestrahlung waren nicht einfach. Mein Alltag wurde plötzlich gestoppt. Dafür war ich öfter zu Hause, meine Frau und ich hatten mehr Zeit füreinander. Zum Glück ging es mir körperlich meistens recht gut. Im Januar reisten wir spontan mit den Schwiegereltern und dem Schwager nach Nordnorwegen und sahen uns die Nordlichter an. Ein Traum, den ich mir sonst während meiner aktiven Skikarriere nicht hätte erfüllen können.

Wie nahe haben Sie sich dem Tod gefühlt?
Der Chefarzt des Skiverbands teilte mir an einem Dienstagabend die Diagnose mit. Er sagte gleich, dass es eine gut erforschte Krebsart mit hohen Heilungschancen sei und dass es nicht um Leben und Tod gehe. Aber erst am Freitag konnte ich mit dem behandelnden Onkologen das Vorgehen besprechen. Die zwei Tage dazwischen haben sich unendlich lang angefühlt.

Als Rennfahrer stürzen Sie sich mit über 140 km/h eine eisige Piste hinunter. Wie oft schwingt da Lebensgefahr mit?
Als Zuschauerin vergisst man leicht, dass wir nicht von einem Tag auf den anderen die Strecken in Bormio oder Kitzbühel runterbrettern. Ich lernte mit der Zeit sehr gut einschätzen, wo die Gefahren und meine Grenzen liegen, nicht zuletzt durch Verletzungen. Aber es passieren im Moment zu viele schwere Unfälle.

Macht Sie Skifahren glücklich?
Auf jeden Fall. Die ruhigen, frühen Morgenstunden im Training auf dem Gletscher in Chile oder Zermatt sind unvergleichlich. Ich habe die Sonnenaufgänge wieder ganz neu schätzen gelernt.

Was war Ihr glücklichster Moment als Skifahrer?
Meinen glücklichsten Moment erlebte ich nicht im Skidress, sondern im Anzug: meine Hochzeit.

Sie standen schon einige Male zuoberst auf dem Podest. Wie eng hängen Leistung, Erfolg und Glück zusammen?
Glück ist nicht der Erfolg. Glück ist, dass ich meine Leidenschaft zum Beruf machen durfte. Ein Podestplatz sorgt nur für ein kurzfristiges Hoch. Das grösste Glück ist für mich, dass ich abends in ein Zuhause zurückkommen kann und dort jemand auf mich wartet. Glück ist auch, in der Schweiz zu leben und ein derart gutes Gesundheitswesen zu haben.

Das grösste Glück ist für mich, dass ich abends in ein Zuhause zurückkommen kann und dort jemand auf mich wartet.

Niels Hintermann, Skirennfahrer

Sind Ihre früheren Erfolge ein Ansporn für Ihr Comeback?
Natürlich, der Skisport ist mir nicht unwichtig geworden, im Gegenteil. Ich will immer noch gewinnen, bin immer noch ehrgeizig.

Hobbysportler berichten manchmal vom Runner’s High oder dass sie sich nach einer Stunde Auspowern besser fühlen – gibt es dieses Glücksgefühl nach Sport auch als Profi?
Man fühlt sich nach Sport immer besser, der Körper schüttet Endorphine aus. Ausser nach einem dreistündigen Krafttraining oder einem intensiven Intervalltraining ist es mir manchmal schlecht – das ist der Unterschied im Profisport. Aber auch ich mache Sport zum Spass, Golfen etwa mit meiner Frau und den Schwiegereltern.

Hartes Training, hohes Verletzungsrisiko, schmerzende Skischuhe …
Die schmerzen tatsächlich sehr! Ich habe Schuhgrösse 45, mein Skischuh hat die Grösse 43.

… wo liegt das Verhältnis von Leidens- und Glücksgefühlen in Ihrem Beruf?
Ich weiss, wofür die Strapazen sind. Das Training macht mich stärker, ich spüre die Fortschritte. Körperlich bin ich nach der Erkrankung überraschend schnell wieder auf einem hohen Niveau gewesen. Jetzt muss auf dem Ski noch alles zusammenkommen.

Sie gingen schon im Alter von zehn Jahren nach Österreich in eine Sportschule. War das für sie eine glückliche Zeit?
Das erste halbe Jahr war hart, ich war der Ausländer und fühlte mich als Aussenseiter. Zehnjährige Kinder können recht daneben sein, sie haben mir fiese Streiche gespielt. Das war nicht schön. Aber es hat meine Resilienz geschult, und ich habe auch gelernt, wie ich auf andere zugehen muss, um besser akzeptiert zu werden. Am Ende war es eine grossartige Zeit.

Wie sehr ist Glück Einstellungssache, Stichwort Mentaltraining?
Die Einstellung ist wichtig: Es macht einen Unterschied, worauf man schaut. Irgendwo gibt es immer einen positiven Aspekt. Wenn man es schafft, diesen herauszufiltern, kann man das Gute annehmen. Meine Krebserkrankung war nicht schön, aber sie hat mir ermöglicht, wertvolle Momente mit meiner Frau und der Familie zu verbringen. Ich habe tolle Menschen kennengelernt, nicht zuletzt solche, die immer an mich glaubten – wie auch mein Hauptsponsor.

Was würde Sie in Zukunft glücklich machen?
Die Zeit, die mir bleibt, richtig geniessen zu können. Und dass meine Familie und ich gesund bleiben. Es würde mich auch freuen, den Anschluss im Sport wieder zu finden. Und zu guter Letzt: Vielleicht macht meine Geschichte anderen Menschen Mut. Das würde mich glücklich machen.

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